
Für viele ein Lebenstraum, für uns eine ungeplante Überraschung: Botswana hatten wir erst in ungefähr einem Jahr geplant und nicht jetzt. Aber wir sind ja flexibel und Planänderungen bestimmen unseren Alltag. Nachdem wir mit Namibia „durch“ waren (nicht ganz unser Land…), hatten wir spontan beschlossen, die Wartezeit bis zum Eintreffen der Ersatzteile in Windhoek ganz anders zu verbringen, als geplant: in Botswana statt Namibia! Am Neujahrsmorgen rollten wir früh über leere Straßen aus Windhoek hinaus Richtung Land Nummer 118 (Silke), bzw. 119 (Jan).

Auch nur geradeaus, aber wenigstens ohne Zäune!
Nach zwei Tagen elendiger Fahrt kamen wir endlich in Maun an, dem großen touristischen Zentrum Botswanas. Dort gibt es alles, was der Tourist so braucht, inklusive richtig gutem Kaffee, der unser erstes Ziel war. Nach der „Durststrecke“ mit nur völlig ekelhaftem Instantkaffee entlang der Westküste haben wir Nachholbedarf…

23€ mit Privatbad und Kaffeeküche im ach so teuren Botswana…
Jeder, der von Botswana erzählt, hat uns von den hohen Preisen ein Lied gejammert. Nun sind wir da und können es nicht nachvollziehen, denn für uns war Namibia unverschämt teurer. Wir bezogen eine unglaublich herzliche und komfortable Unterkunft für 23€ die Nacht (seit Angola ist es ja normal, dass Wasser aus dem Wasserhahn kommt, Strom aus der Steckdose und Warmwasser aus der Dusche, aber es freut uns immer noch sehr). Nach zwei Tagen dummer Fahrerei geradeaus durch einen „endlosen grünen Tunnel“, wie es uns ein Motorradfahrer beschrieben hatte, brauchten wir einen Tag Pause. Doch es kam anders.

Rechts am Bildrand: unser Mietwagen. Kaum zu glauben, dass wir auch ankommen.
Wir hatten geplant, eine Ganztagesssafari zu machen, mit einem „Einbaum“ durch das Delta zu staken und zu Fuß auf Pirsch zu gehen. Doch egal in welcher Agentur wir fragten, keiner verkaufte Safaris. Die ungewöhnlich frühen und ungewöhnlich großen Regenfälle der letzten Wochen (wir können ein Lied davon singen, wie oft wir in Angola und Namibia auf den Motorrädern nass wurden!) hatten das Delta so unter Wasser gesetzt, dass die Wege unpassierbar geworden und nur wenige Hauptpisten befahrbar waren. Eine Safari entlang großer Hauptwege ist ziemlich sinnlos, also wollte das auch keiner verkaufen – und wir auch nicht erleben.

Einige Agenturen und je einen Eiskaffee später beschlossen wir: das Geld für eine Ganztagessafari stecken wir jetzt in etwas ganz Besonderes: einen Rundflug mit dem Hubschrauber! Und zwar einem ohne Türen für beste Aussicht auf das Delta und die Tiere. Am Eiskaffee nippend hatten wir auf YouTube Videos geschaut und beruhigend festgestellt: die Tiere juckt das gar nicht, wenn da ein Hubschrauber über sie fliegt, sie heben nicht mal den Kopf.

Also hoben wir am späten Nachmittag ab. Jan, der eigentlich mal Hubschrauberpilot werden wollte, saß neben unserem australischen Piloten, ich saß hinten und ließ die Beine in der Luft baumeln. Mein erster Flug mit einem Hubschrauber! Natürlich bekommt man für den Preis einer Ganztagessafari keinen Ganztagesflug, sondern nur 45 Minuten, aber das war es wirklich wert! Erst flogen wir direkt auf das Delta hinaus, dann suchte der Pilot nach Tieren – und fand viele!

Elefantenherde von oben
Wir sahen mehrere Gruppen Elefanten, sehr, sehr viele Nilpferde, die entweder gemütlich grasten oder faul aus der Vogelperspektive wie riesige U-Boote im Wasser dümpelten, viele Zebras, die von oben sehr lustig aussehen mit ihren Streifen, einige Giraffen, deren Hälse aus der Luft weniger lang wirken, einige Gnus, die aus dem Hubschrauber heraus auch nicht hübscher aussehen, von oben noch graziler aussehende Springböcke und sogar zwei Hyänen.

Giraffen aus der Vogelperspektive
Wahrscheinlich mehr Tiere, als wir bei einer Safari mit dem Auto gesehen hätten. Das Beste war aber, dass man von oben erst die wahre Dimension des so einzigartigen Natur- und Lebensraums begreift: überall steht das Wasser und die Tiere bewegen sich darin oder halten sich auf Inseln auf. Je höher der Wasserstand und je größer die Überschwemmung, desto mehr konzentrieren sich Tiere auf solchen Inseln. Je weniger Überschwemmung, desto mehr Tiere kommen an die verbleibenden Wasserlöcher und Flüsse.

Wir sahen das Ausmaß der Regenfälle deutlich: überall stand das Wasser und glitzerte in der tief stehenden Sonne, es gab nur wenige Landflächen. Es war alles richtig grün und saftig und man sah, dass es den Tieren schmeckte. Auch entlang der Asphaltstraßen sieht man derzeit nur gut genährte Tiere mit glänzendem Fell.

Das Okavango Delta ist eine einzigartige Landschaft, die zum UNESCO Welterbe gehört: der in Angola entspringende Okavango Fluss formt in Botswana das größte Binnendelta der Welt und versickert dort großflächig mitten in der Kalahari. Je mehr es in Angola regnet, desto größer wird das Delta in Botswana. Regnet es dann noch zusätzlich in Botswana (und das hat es wie verrückt!), ist die gesamte Region wie ein riesiger Schwamm völlig aufgeweicht und, wie jetzt, überdurchschnittlich grün.

Ohne den Hubschrauberflug wäre es schwer gewesen, dieses einzigartige Naturphänomen zu begreifen, das Ausmaß dieser Landschaft zu ermessen und das besondere Ökosystem zu verstehen. Wir waren gar nicht mehr traurig, dass es keine Safaris gab, denn wir hatten etwas viel Besseres erlebt!

Für den nächsten Morgen hatten wir eine „Mokoro“ Fahrt gebucht. Mokoros sind eigentlich traditionelle Einbäume mit extrem flachem Boden, mit denen sich die Einheimischen im nur wenige Zentimeter flachen Wasser des Deltas stakend fortbewegen. Beziehungsweise: fortbewegten. Denn heutzutage sind Einbäume aus Umweltschutzgründen verboten und nur noch Glasfaserboote erlaubt. Unser „Poler“ (so heißen die Leute, die diese Boote vorwärts staksen) erklärte, die Glasfaserboote seien sehr wabbelig und instabil, viel schwieriger zu fahren und weniger sicher als Einbäume.

Aber im Südlichen Afrika ist vieles wie in Europa: Politiker entscheiden über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben und so bestiegen wir solch ein Glasfaser Boot und staksten los. Die Boote haben so gut wie keinen Tiefgang, sodass man buchstäblich Pfützen befahren kann. Wir sahen, wie wenig der Stab, mit dem das Boot fortbewegt wird, ins Wasser tauchte, um uns vom Grund abzustoßen.

Wir glitten mit dem Mokoro lautlos durch das Delta. So lautlos, dass uns die ganzen Wasservögel kaum wahrnahmen und erst aufflatterten oder wegschwammen, als wir schon fast mit ihnen zusammengestoßen waren. Libellen flogen neben uns her, Wasserläufer huschten vorbei und Vögel liefen über Seerosenblätter als seien es asphaltierte Wege, Schmetterlinge flatterten um uns herum und überall surrte und summte es. Eine wunderschöne Fortbewegungsart und tolle Variante, die Natur zu erleben!

Unser Poler legte an einer Insel an und wir brachen zu unserem zweistündigen „bush walk“ auf. Nachdem wir über sechs Wochen in Namibia nur zwischen Zäunen gefahren waren und uns sehr eingesperrt (oder ausgesperrt, je nach Perspektive) gefühlt haben, war das eine echte Wohltat: in Freiheit und ohne Zäune laufen!

Ja, das Okavango Delta hat theoretisch einen Zaun, aber der wurde in den 1960er Jahren zum Schutz vor Weidevieh gebaut und ist mittlerweile von Elefanten ziemlich zerstört. Das bedeutet: alle Wildtiere in Botswana sind frei und die Menschen sind es auch. Und so liefen wir hinter unserem Poler und Guide her, gegen den Wind auf eine Herde Zebras und Gnus zu.

Die Tiere konnten uns nicht riechen und nur schlecht hören, denn der Wind war recht stark zu unseren Gunsten und so kamen wir ziemlich nah an die Tiere ran, bis uns ein Gnu sah, die anderen Tiere warnte und beide Herden gemächlich davon trotteten. Das war, was wir in Namibia so vermisst hatten: Begegnungen mit Tieren ohne Gehege, Zucht, Bestandspflege und Zäune. Und ohne Panikmache. In Namibia wird Menschen vermittelt, dass Tiere grundsätzlich gefährlich sind und man sie deswegen einsperren und uns Menschen aussperren muss: sie sind gefährlich für Nutzvieh, gefährlich für den Straßenverkehr, gefährlich für Leib und Leben,… Hier standen wir mit den Tieren auf einer Insel und hatten nicht mal eine Waffe mit uns, weil die Lokalbevölkerung, also unser Guide, nicht mit Angst aufwachsen.

Wir liefen weiter über die Insel, bis wir einen einzelnen Elefantenbullen sahen. Er stand auf der Wiese, futterte gemütlich Gras und weil uns der Guide gegen den Wind an ihn herangeführt hatte, war er von unserer Anwesenheit auch nicht genervt – wenn er uns überhaupt wahrgenommen hat, denn Elefanten sind kurzsichtig. Mit so großen Tieren zu Fuß quasi Auge in Auge zu sein, haben wir schon in Guinea und Gabun erlebt und waren so glücklich, das wieder erleben zu dürfen.

Doch das war nicht alles, unser Guide führte uns an ein Wasserloch, in dem ein Nilpferd badete. Nilpferde sind die gefährlichsten Tiere Afrikas und so ist es immer ein wenig aufregend, zu Fuß in deren Nähe zu sein, aber wie zuletzt bei den im Atlantik „surfing hippos“ in Gabun, führte uns der Guide auf einen kleinen Hügel am Seeufer, auf dem uns das Nilpferd (heißt das hier dann „Okavangopferd“?) nicht sehen konnte, wir aber die beste Beobachtungsposition hatten. Leider ist es immer schwer, badende Nilpferde zu fotografieren, weil kaum tauchen sie zum Atmen auf, sind sie schon wieder untergetaucht, bevor die Kamera einsatzbereit ist.

Nach zwei Stunden wirklich schöner und uns die Freiheit wieder fühlen lassender Wanderung waren wir zurück am Boot, aßen unseren Mittagssnack und stachen wieder „in See“, beziehungsweise: staksten wieder durch die Seerosen.

Als wir nachmittags aus dem Mokoro kletterten, hatten wir einen zweiten wunderschönen Tag im Okavango Delta hinter uns. Wer das als Lebenstraum hat: unbedingt machen! Es begeistert selbst uns als erfahrene Afrikareisende! Vielleicht etwas mehr, weil wir gerade aus dem uns zu sehr reglementierten, uns zu deutschen, zu engstirnigen und unentspannten Namibia kommen, aber wer aus Deutschland nach Maun einfliegt, wird vor Begeisterung Purzelbäume schlagen. Ja, es gibt Flüge nach Maun, man muss nicht wie wir elend lange Tage geradeaus fahren…

Die „Bratpfanne“ Okavangodelta
Ein solcher elend langer Tag geradeaus lag vor uns: wir fuhren zur „Panhandle“ des Deltas. Wenn man sich das Delta wie eine riesige Bratpfanne vorstellt, bei der der Stil der Pfanne der Okavango Fluss ist und die Pfanne das Delta selbst, dann fuhren wir an das Ende der Pfanne, in dem normalerweise das Loch ist, um die Pfanne an der Wand aufzuhängen. Die Straße war eine einzige Aneinanderreihung von tiefen, tiefen Schlaglöchern und sandigen Passagen und so brauchten wir für 400km fast den ganzen Tag. Weil es die ganze Nacht zuvor nonstop heftig gewittert und geregnet hatte, stand überall das Wasser und der Matsch.

Wir entschieden uns recht spontan für eine Unterkunft am Okavango Fluss, quasi direkt am langen Griff der Bratpfanne. Es gab eine überdachte Terrasse mit Sofas, auf der wir bis zum Abendessen saßen, um darauf zu warten, dass ein Nilpferd aus dem Wasser schaut. Überall auf dem Gelände der nicht eingezäunten (!) Lodge hingen Schilder, die vor Nilpferden und Krokodilen warnten – und vor Affen, die den Gästen alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Die sahen wir auch. Nilpferde und Krokodile nicht. Weil unser Zimmer den Luxus einer Badewanne hatte, bauten wir unser eigenes Okavango-Delta: das Warmwasser aus dem verrosteten Boiler war genauso tiefbraun wie das Flusswasser…

Hervorragender Zimmerservice!
Weil alle der Meinung waren, unser Mietwagen sei „zu klein“ für den Ausflug nach Tsodilo, hatte uns die Rezeptionistin jemanden aus dem Dorf gerufen, der ein „großes“ Auto hatte. Nach mittlerweile mehreren tausend Kilometern mit dem Kleinwagen durch Afrika wissen wir, was Einheimische meinen, wenn sie sagen „kleines Auto“ oder „großes Auto“. Ein „großes Auto“ hat Bodenfreiheit und Allrad, ein „kleines Auto“ nicht. Das „große Auto“, was am nächsten Morgen auf uns wartete, hatte nur Bodenfreiheit, der Rest war kaputt.

Keine Elefanten, aber auch toll.
Egal, wir wissen ja, dass man kein Allrad braucht (zumindest mit uns am Steuer) und was uns für die Strecke wirklich fehlte, war Bodenfreiheit. So juckelten wir los. Der Fahrer hatte noch einen Freund eingepackt und so wurde die Fahrt sehr lustig, denn das „große Auto“ quietschte und rappelte an jeder Ecke in sämtlichen Tonlagen. Das Fahrwerk war so kaputt, dass es nur zur Zierde diente, der Allradantrieb war nur noch im Schriftzug „4×4“ vorhanden und auch sonst fehlte so einiges am Auto, aber wir fühlten uns so wohl in der Kiste! Nach dem so deutschen Namibia fühlte sich das endlich wieder nach Afrika an! Und es roch wieder nach Afrika: die ganze Piste war voll mit riesigen, frischen Elefantenhaufen! Obwohl wir 30km lang intensiv Ausschau hielten, haben wir keinen einzigen Elefanten gesehen. Die sind aber auch richtig gut im „Unsichtbarmachen“…

Wir juckelten zu den Tsodilo Hills, einem weiteren UNESCO Welterbe Botswanas. Die Tsodio Hills gelten als heilig und werden als „Bergfamilie“ angesehen: Vater, Mutter und kleine Hügelkinder. Klingt nach „heile Welt“, ist es aber nicht: der vierte Hügel ist die aktuelle Frau des höchsten Berges, der dafür seine erste Frau, den zweithöchsten Berg, verlassen hat. Das Besondere ist der zweite Name, den die westliche Welt der Familie gegeben hat: „Das Louvre der Wüste“, denn die Hügel sind übersäht mit 4500 Felszeichnungen auf engstem Raum!

Es gibt diverse Wanderungen in, um und auf die Berge und Hügel, um die Zeichnungen zu sehen und als wir ankamen, fuhr gerade ein typisch namibischer Dachzelt-Mietwagen durchs Tor. Die Dame an der Kasse erklärte, wir müssten uns mit den beiden Deutschen aus dem Auto den Guide teilen, was für uns völlig okay war. Für uns ist wie gesagt Botswana wirklich nicht teuer, denn der Guide kostet umgerechnet 6,70€ für eine Wanderung von 2,5 Stunden und einer Gruppe von bis zu 10 Personen.

Felszeichnungen überall!
Wir liefen los, die beiden Lübecker sprachen weder mit uns noch untereinander, aber Norddeutsche sind ja grundsätzlich mundfaul, dachten wir. Einer der beiden war Raucher und unglaublich kurzatmig. Warum sich die beiden dann für die Besteigung des zweithöchsten Berges Botswanas entschieden hatten, ist uns unerklärlich, aber der Guide war unglaublich professionell und ließ den Raucher nicht spüren, dass er den Laden aufhielt. Es freut mich jedes Mal zu sehen, wenn Guide-Kollegen so nach Lehrbuch arbeiten und ihr Geld so wert sind!

Die Felszeichnungen sind rund 3000 Jahre alt und wurden von den San (die in Namibia abwertend „Buschmänner / bushmen“ genannt werden) mit roten Mineralien (Hämatit) angefertigt, um zu informieren und dokumentieren. Buchstäblich an jeder Ecke gibt es „Gemälde“ und viele hätten wir ohne unseren Guide gar nicht erst entdeckt, denn weil vor 3000 Jahren die Landschaft anders aussah, liefen wir nicht immer auf derselben Ebene wie die San damals.

Oben auf dem Gipfel angekommen, hatten wir einen wunderschönen 360° Blick auf die Ebene unter uns. Normalerweise schaut man auf eine braune Steppe mit einigen grünen Flecken, den Akazien, aber aufgrund der heftigen Regenfälle der vergangenen Wochen lag ein grünes Meer unter uns. Auf der Herfahrt war unser Fahrer auch unglaublich begeistert vom saftig grünen Gras, das sei so gut für das Vieh!

Auf den Felsbildern gab es auch Vieh zu sehen, allerdings erst aus einer zweiten Periode der Besiedlung und in weißer Farbe: die San wurden von den Bantu vertrieben und die Bantu sind bis heute Spezialisten für Vieh und treiben damals wie heute riesige Herden Nutzvieh durch die Savannen Afrikas.

So konnte man genau die Epochen unterscheiden: rote Farbe und Wildtiere: San, weiße Farbe und Nutztiere: Bantu. Wir fanden die Zeichnungen der San interessanter. Während die Bantu nur Kühe und Esel zeichneten, gaben die San interessante Informationen weiter, zum Beispiel über Rituale wie Initiierungstänze junger Männer, Symbole ihrer Mythologie (die Sonne) und auch ihr Wissen, zum Beispiel über – Achtung – Pinguine und Wale! Die nächste Küste ist von dort tausend Kilometer entfernt und doch wussten die San von der Existenz dieser Tiere!

Ich fragte den Guide, ob es heutzutage in Botswana noch solche Rituale und Traditionen wie die dort abgebildete Initiierung junger Männer gibt und er antwortete „heute gehen alle zur Schule und das macht keiner mehr“. Die Schulbildung ersetzt hier das Wissen um Traditionen, Naturheilkunde und das Leben in und mit der Natur. Die Tradition der Initiierung, die in anderen Ländern und Regionen des Kontinents (Westafrika, aber auch z.B. Äthiopien) noch Alltag ist, ist im Südlichen Afrika ausgestorben. Uns fehlt damit Identität, Authentizität und Tradition in Botswana und Namibia (und Südafrika etc.), wenn die eigene Kultur als rückschrittlich wahrgenommen und abgeschafft wird. Die Westafrikaner schaffen jedoch spielend den Spagat zwischen Schulbildung und Smartphone einerseits und Animismus oder Voodoo andererseits. Dort ist es kein Widerspruch, dass man das Smartphone in der Hand, vor den „Geistern der Ahnen“ im „secret forest“ warnt, den nur Initiierte Männer betreten dürfen. Dort ist es kein Widerspruch, eine Kopfschmerztablette zu nehmen, aber gleichzeitig ein Huhn zu opfern, um die Fruchtbarkeit zu verbessern. Nicht alles ist aus Sicht von uns „westlicher Menschen“ in der heutigen Zeit noch durchführbar (die „secret society“ und ihre Menschenopfer in Liberia, z.B., die sich in höchste Politikerkreise zieht), aber doch ist es eine Art von Identität und Authentizität, die uns persönlich im südlichen Afrika fehlt und für uns hier viel „kulturell flach“ fühlen lässt.

Kurz vor dem Abstieg vom Berg zeigte unser Guide auf den Boden: Leoparden-Pfotenabdrücke! Da es ja am Vortag geregnet hatte und wir die erste Gruppe auf dem Berg waren, waren die Katzentatzen ganz frisch. Und wir dachten nur: herrlich! Wir teilen wieder die Natur mit Tieren und sind nicht durch Zäune wie im Zoo voneinander getrennt! Was die anderen beiden dachten, können wir uns im Nachhinein nur denken, denn sie gingen auf keinerlei vorsichtige Versuche unsererseits ein, ein gemeinsames Trinkgeld für den Guide vorzubereiten, der wegen des kurzatmigen, körperlich degenerierten Lübeckers extra Mühe hatte und das so geschickt anstellte, dass nur ich merkte, wie er mit allen Tricks arbeitete.

Kaum dass wir am Museum zurück waren, verschwanden die beiden Deutschen buchstäblich mit ihrem teuren 4×4 Mietwagen durch die Büsche und prellten somit Eintrittsgeld und Kosten für den Guide. Nicht, dass uns die 6,70€ arm machen würden, wir hätten den guide schließlich auch ohne die beiden Hanseaten genommen, da er Pflicht ist, aber die Art und Weise ließ nicht nur uns, sondern auch den Guide sprachlos zurück.

Während wir den Berg bestiegen hatten, waren unser Fahrer und sein Kumpel im Nachbardorf und hatten ein lokales alkoholisches Getränk besorgt, vor Ort aus Obst vergoren. Während Jan noch mit der Frau vom Eintrittskartenschalter über das geprellte Eintrittsgeld der Deutschen sprach, erklärte mir der Fahrer genau, wie das „Bier“ gemacht wurde und dass er „nur ein bisschen“ davon getrunken habe. Sein Kumpel hing lustig lallend auf dem Beifahrersitz und kicherte „I hope you don’t mind“ (ich hoffe, es macht Dir nichts aus) vor sich hin. Auch unser Fahrer war angeschickert und Matschlöcher, die er auf der Herfahrt noch vorsichtig umfahren hatte (der Allradantrieb war ja kaputt), schienen jetzt unkompliziert und er nahm sie schwungvoll direkt ohne Umweg.

Die dadurch sehr viel schaukeligere Fahrt störte den Beifahrer nicht, denn er fiel schon bald in tiefen Schlaf. Uns störte weder der Zustand der Straße noch der Fahrstil unseres angetrunkenen Fahrers. Das ist schließlich Afrika und auf solchen Straßen herrscht so wenig Verkehr, dass man auch volltrunken keinen Unfall mit anderen Beteiligten bauen könnte. Und der Zustand der Straße war so schlecht, dass man auch nicht schneller als 30 km/h fahren kann. Alle im Auto waren herrlich entspannt: der schlafende Beifahrer, der betüterte Fahrer und wir. Nach Deutschla – äh, Namibia endlich wieder Afrika! Uns ist klar, dass wir nicht der „deutsche Durchschnittstourist“ sind und das die meisten unter Euch Lesern anders sehen…

Nach einem weiteren wunderschönen Abend auf der Couch auf der Terrasse der Lodge direkt am Okavango fuhren, beziehungsweise: rumpelten wir wieder zurück nach Maun, wo wir in unserem homestay herzlich begrüßt wurden und mit der Inhaberin einen schönen, langen Abend verbrachten. Wir hatten noch 600km bis zum nächsten „Programmpunkt“ Botswanas und fuhren früh los. Der Tag wurde lang. Wir brauchten neun Stunden, weil die Straßen streckenweise mehr Löcher als Straße sind und man manchmal nur in Schritttempo vorwärtskommt. Das ginge mit den Motorrädern natürlich sehr viel schneller und einfacher, aber 600km an einen Tag würden wir nicht fahren, weswegen uns der Mietwagen hier sehr gelegen kommt.

Und in Botswana ist es auch nicht so stupide öde und langweilig wie in Namibia. Ja, die Straßen hier sind auch nur geradeaus, aber es gibt keine Zäune und das bedeutet, man sieht ständig etwas neben oder auf der Straße: Kühe, Ziegen, hübsche Esel, Pferde und Wildtiere wie Perlhühner, Pavianbanden, Wasservögel oder: Elefanten!

Wir hatten auf der langen Fahrt richtig Freude, die grauen Riesen immer wieder vor oder neben unserem Autochen zu sehen und sie dabei zu beobachten, wie sie das saftige, frische grüne Gras futterten – oder das beliebte Spiel „Hecke auf, Hecke zu, Elefant weg“ spielten. Das wertete den langen Fahrtag unglaublich auf! Als wir pünktlich zum Abendessen in unserem Airbnb in Kasane ankamen, wurde uns mit großen Augen das Tor geöffnet: mit so einem kleinen Auto seid Ihr an einem Tag von Maun aus hierhergefahren? Wir wissen ja: „klein“ bezieht sich hier nicht auf die Größe, sondern auf die Fähigkeiten des Autos. Wir sehen es eher als die Fähigkeiten des Fahrers…

Was wir hier an unserer letzten Station in Botswana alles unternehmen, lest Ihr nächste Woche. Bis dahin nehmt Platz auf dem Soziussitz und fahrt mit uns 400km durch Angola zur Grenze mit Namibia. Ein langer, heißer Fahrtag, an dem wir in die Dunkelheit geraten sind…
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