VW Passat Variant 35i „Hans“

Hans ist uns schneller zugelaufen, als wir denken konnten. Wir saßen noch in Taschkent, Usbekistan, in unserer „Platte“ (dort waren wir wegen Corona „hängen geblieben“), da hatten wir unser neues Reisefahrzeug schon in Sofia (Bulgarien) stehen. Warum in Bulgarien, haben wir hier erklärt: „Warum Bulgarien?

Hans ist ein VW Passat Variant 35i, Baujahr 1991 und als er uns zulief, hatte er mit seinem 1,8l Motor erst 310.000km gelaufen (aber weniger auf dem Tacho, da dieser ersetzt wurde). Er gehörte vor uns Javor, einem Mitglied des VW-Clubs Bulgarien, mit dem ich durch unseren VW Bus Kittymobil seit fast 10 Jahren verbunden bin. Ich hatte in einem Chat mit einem Clubmitglied geäußert, dass ich gerne mal einen Passat 3B hätte, eine „Schnüffelnase“ oder „Nasenbär“. Zufällig war clubintern gerade einer zu verkaufen: unser Hans. Das traf sich gut, denn wir hatten an dem Tag einen Flug von Taschkent über Riga nach Sofia gebucht und brauchten ein neues „Haus“, da ja unser VW Bus „Kittymobil“ in Kasachstan steht.

Gleich am ersten Morgen in Sofia trafen wir uns alle beim Notar: Javor und seine Frau, unser Mittelsmann und Freund Niki und Hans. Da wir in Bulgarien (und auch nirgends sonst auf der Welt) einen Wohnsitz haben, brauchten wir jemanden, über den wir das Auto anmelden konnten. In Deutschland reicht dazu ein Empfangsbevollmächtigter (mehr zum Thema „leben ohne Wohnsitz“ hier: Abmeldung aus Deutschland), in Bulgarien braucht man eine notarielle Vollmacht und eine Person, auf die das Fahrzeug tatsächlich zugelassen wird. Die Schlüsselübergabe erfolgte unter ein paar Tränchen (von Javors Frau und von mir), dann stürzten wir uns mit Hans in unseren Neustart in Europa. Und: Hans musste zum Haus umfunktioniert werden, denn statt wie die letzten Jahre im VW Bus, würden wir ab jetzt eben im Passat wohnen.

Zunächst die technischen Fakten. Hans war mit 900€ nicht ganz ein Schnäppchen, aber von einem Liebhaber gepflegt und sowieso nicht von schlechten Eltern: VW. 😊 Javor hatte die gesamten 13 Jahre penibel Buch geführt über alle Wartungsarbeiten und Modifikationen und wir haben bis heute noch nicht ganz verstanden, was Hans „von Geburt an“ schon konnte und was Javor ihm noch zusätzlich „beigebracht“ hat. Hans verfügt über folgende Ausstattung:

  • Elektrisches Sonnendach
  • Elektrische Fensterheber
  • Elektrisch verstellbare Außenspiegel
  • Zentralverriegelung
  • Klimaanlage
  • Automatisches Fahrtlicht
  • Nebelscheinwerfer
  • Xenon Scheinwerfer
  • Sitzheizung
  • Getönte Scheiben
  • LPG Umbau

Und viel weiterer Schnick und Schnack, den wir beide von unseren Autos nicht gewohnt waren. Unser T4 Kittymobil zum Beispiel hat nichts von dieser Liste und fährt mich seit 12 Jahren komfortabel und absolut zuverlässig (aber eben nicht luxuriös) durch die Welt.

Mehr Gepäck haben wir nicht!

Da wir seit Februar (und Hans kam Anfang Juli 2020 zu uns) mit nur Handgepäck unterwegs waren, brauchten wir rund 3 Tage, um für uns und Hans alles zu besorgen, was man halt so braucht, wenn man ab jetzt im Auto wohnt: Schlafzimmer, Badezimmer, Wohnzimmer und Küche (und für uns T-Shirt, Flipflops, kurze Hose/Rock, denn wir waren im Februar mit Wintersachen aufgebrochen). Nach nun 10 Wochen und 8500km in/mit Hans und ein paar Optimierungen finden wir unseren „Microcamper“ perfekt. Da wir schon den T4 für ein absolutes Stauraunwunder halten und bis heute nicht alle Fächer mit unnötigem Besitz gefüllt haben, kommen wir natürlich auch im Passat ohne Dachbox oder Dachzelt aus:

Bei Decathlon gab es die Esszimmermöbel: ein Camping-Klapptisch und zwei Klappsessel. Der Klapptisch ist natürlich auch Küchentisch oder Badezimmerschrank, je nach dem, was man gerade tut. Und die Sessel sind auch super zum Genießen von Aussicht oder Sonnenuntergang.

Nachts liegen die Möbel im Fußraum hinter dem Fahrersitz. Um eine mindestens 2m lange Liegefläche ohne Kanten zu erreichen, haben wir die Sitzflächen der Rücksitzbank komplett entfernt. Die Doppelsitzfläche haben wir eingelagert, die Einzelsitzfläche ist als oft genutzter „Besuchersitz“ im Fußraum unter den Klappmöbeln verstaut. So können wir jederzeit jemanden mitnehmen und der Klapptisch verlängert nachts die Liegefläche ohne Kanten. Da ich wesentlich kürzer bin als Jan, brauche ich keine Verlängerung.

Die ersten Wochen haben wir auf selbstaufblasbaren Luftmatratzen (17€ von Decathlon) geschlafen, das war aber nicht perfekt. Erstens, weil sie an der schmaleren Stelle zwischen den Radkästen übereinander liegen und es eine Längstkante in der Schlaffläche gibt, zweitens, weil es dafür keinen Matratzenbezug gibt und man in heißen Sommernächten entweder direkt auf dem Plastik klebt oder mit herumrutschenden Laken kämpft und drittens, weil an der einen Matratze das Ventil kaputt ging und die andere Matte ein Loch bekam. Alles nicht ideal.

Weil unser VW Bus Kittymobil sowieso eine neue Matratze braucht, beschlossen wir, einfach eine richtig gute Matratze zu kaufen. Allerdings ist die Matratze im Kittymobil dreigeteilt, sodass die tolle neue Matratze aus dem Matratzenladen in Sofia für den Passat zu schmal ist, aber im Kittymobil später mal perfekt passen wird. Um die entstandene Lücke aufzufüllen, liegt nun ein „Zuglufthund“ daneben und ein 1,50€ Sofakissen ersetzt die fehlende Matratzenbreite im Kopfbereich. Und trotzdem: super bequem, wir hätten von Anfang an Hans als Haus ernst nehmen und eine vernünftige Matratze kaufen sollen!

Nach langen Preisvergleichen fiel auch die Entscheidung gegen Schlafsäcke und für zwei normale Bettdecken von IKEA: übereinander mit Sicherheitsnadeln zu einer großen, warmen Decke verbunden. Mit ganz normaler Bettwäsche und zwei Kopfkissen von IKEA ein gemütliches, warmes Nest, das ganz normal wie im Steinhaus sauber zu halten ist. Um die neue Matratze zu schützen, haben wir den Kofferraum mit einer hässlichen (aber extrem günstigen) Fleecedecke ausgelegt. Für kalte Abende draußen gab’s noch ne Fleecedecke und für kalte Nächte in den Bergen für mich noch einen 10€ Schlafsack als Backup. Und weil im Passat die Heckklappe schräg ist, können wir aus dem Bett heraus Sternschnuppen gucken. Traumhaft!

Weil wir aber immer frei stehen, schlafen wir mit offener Schlafzimmertür, wenn es nicht regnet. Aber das tut es in Bulgarien so selten, dass wir die vorhandenen Windabweiser (in dem Fall dann: Regendächlein) an den Fenstern vorne eigentlich gar nicht brauchen. Dafür aber Mückenschutz. Und der ist beim Passat total einfach. Für das Sonnendach haben wir einfach ein Stück Mosquitonetz zurechtgeschnitten und mit Büromagneten befestigt.

Um die Schlafzimmertür mückendicht zu bekommen, haben wir bei IKEA den Vorhang „LILL“ (3,90€) gekauft und ein Hosengummi hinter die Dichtlippe der Klappe entlanggeführt. Den Mosquitonetzstoff fädelt man dann ganz einfach unters Gummi und die Biester bleiben draußen. Und weil jedes Fahrzeug diese Gummilippe hat, funktioniert das auch bei Euch!

Als Dusche und „fließend Wasser“ haben wir eine ganz normale 20l Camping-Solardusche. Die liegt während der Fahrt im Beifahrer-Fußraum, wo sie überhaupt nicht stört. In Bulgarien gibt es überall (Jan behauptet: in jeder Linkskurve) Trinkwasserquellen. Und die nutzen wir.

Um das Wasser zu heizen, brauchen wir eigentlich nur in der Sonne parken. Kommt das Wasser morgens direkt aus dem Fluss, reicht es, einen Topf Heißwasser auf dem „Herd“ zu machen und zum kalten Wasser in den Wassersack zu gießen. Anders duschen wir auch nicht, wenn wir mit dem T4 unterwegs sind!

Als „Küche“ haben wir uns einen einfachen Gaskartuschenkocher gekauft. Dazu einen großen Topf, ein Besteckset für drei (falls mal Gäste kommen), jeder einen Becher, zwei große Schalen, zwei Teller, ein Gemüsemesser, ein Schneidebrettchen, Spüli, Spülschwamm, Küchenrolle und ein Handtuch. Fertig ist die Küche! Wir kochen allerdings selten selbst, denn für uns ist die Küche des Gastlandes ein großer Teil der dortigen Kultur und sehr wichtig. Meist suchen wir am späten Nachmittag / frühen Abend ein Restaurant, schlemmen uns durch die Landesküche (schaut mal unser Fotoalbum “Food around the world“) und suchen erst dann einen Schlafplatz. Manchmal klappt das nicht mit dem Restaurant und dafür haben wir immer für 2-3 Abende Vorräte dabei. Nur unser Frühstück ist hausgemacht mit landestypischen Zutaten: Büffelmilchjoghurt in Bulgarien zum Beispiel.

Und wo, um Himmels Willen haben wir unser Gepäck? Der Küchenkram lagert in einer großen Plastikkiste, die Jan zufällig in Sofia im Müllcontainer gefunden hat. Über Tag klappen wir das Fußende der Matratze einfach nach oben und stellen die Küchenkiste auf den Campingtisch.

Jeder von uns hat nur einen kleinen Tagesrucksack als „Kleiderschrank“. Meiner lagert (zusammen mit den Laptops) im Fußraum hinter dem Beifahrersitz, Jans kleiner Rucksack liegt über Tag neben der Küchenkiste.

Jeder hat ein eigenes Utensilo an den Vordersitzlehnen für Dinge, die man oft und schnell im Zugriff braucht: Seife, Mückennetz, Shampoo,… Abends tragen wir nur exakt 2 Teile auf die Vordersitze: die Küchenkiste und Jans Tagesrucksack. „Nervig“ ist da gar nichts.

Hans hat auch einen Keller! Klappt man die Sitzflächen der Rücksitzbank weg, entsteht ein ziemlich großer Stauraum über die gesamte Breite des Fahrzeugs. Die umgeklappte Rückenlehne der Rücksitzbank schließt dieses riesige Staufach nach oben ab. Darin befindet sich alles, was Ihr in Eurem Steinhaus auch im Keller lagert: Ersatzrollen Toilettenpapier, Küchenrolle, warme Stiefel, Ersatzteile, Waschmittel,…

Als Digitalnmaden arbeiten wir natürlich im “home office”. Das machen wir ja schon seit Jahren in unserem Hauptwohnsitz, dem VW T4, also geht das auch im Passat. Wie das geht ohne teure Spannungswandler? Ganz einfach und so günstig: mit 12V Ladekabeln für unsere Laptops (Handys, Haarschneider, Kameras, Drohne, Mixer/Blender…). Warum “Vanlifer” kompliziert auf 220V umrüsten, um dann doch nur ihre “Unterhaltungselektronik” zu laden, haben wir auch nach Jahren noch nicht verstanden.

Ganz wichtig natürlich: die Lichterkette. Klar sieht das auf Fotos toll aus und die Lichterkette macht romantisches Licht, aber sie beleuchtet insbesondere unser Schlafzimmer. Wie bereits erwähnt, schlafen wir meist bei offener Heckklappe. Und da brennt dann normalerweise die Kofferraumbeleuchtung im Dauerfeuer, weil diese keinen An-/Ausschalter hat. Deswegen haben wir die Kofferraumbeleuchtung komplett stillgelegt. Die Lichterkette (mit Kabelbinder am Griff über der Tür befestigt und das Kabel zwischen Himmel und Seitenverkleidung versteckt) ist also eigentlich nur unsere Schlafzimmerlampe.

Das Beste kommt zum Schluss: Hans fährt mit Gas (LPG) und weil der Liter LPG hier nur 40cent kostet, kosten uns 100km mit Hans nur 3,50€. Pro Person sind das 1,75€ auf 100km, sodass wir schon scherzen, dass wir beim Tanken mit Hans eigentlich mehr Geld herausbekommen, als wir ausgeben! Kann man billiger reisen?

Und warum heißt unser Passat “Hans“? Ganz einfach: der Hans, der kann’s!

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