Traum erfüllt! Eine knappe Woche sind wir auf einer Deckschute campend den Kongo flussabwärts gefahren: 1000km durch Wind, Wetter und Regenwald auf dem tiefsten Fluss der Erde.

Nach 10 Tagen Aushilfe in der Leprastation im Regenwald fühlten wir uns bereit, das nächste Reisekapitel aufzuschlagen: seitdem ich 1996 den Amazonas von Manaus bis Belem mit einem Schiff hinuntergefahren bin, habe ich mit der Idee geliebäugelt, das auch „gegenüber“ auf dem Kongo zu machen. Bloß dass es vor 29 Jahren in Brasilien schon wesentlich luxuriöser war als es heute auf dem Kongo jemals möglich wäre. In Brasilien gab es damals Passagierschiffe mit Sonnendeck, Verpflegung und Bar, auf dem Kongo gibt es heute nichts davon.

Amazonas, 1996

Je länger ich mich über Schifffahrt auf dem Kongo informierte, desto spannender und reizvoller wurde es: die einzigen Passagierschiffe sind aus Holz zusammengeschusterte Seelenverkäufer mit Bretterverschlägen als „Kabinen“, die regelmäßig umkippen, weil wegen der Hitze alle auf dem Dach sitzen. Oder sie versinken, weil die Kapitäne gegen Sandbänke fahren und das Schiff dann unter ihnen wortwörtlich zerbröselt. Oder sie sinken, wegen waghalsiger Fahrmanöver, Überladung oder morschem Holz. Wer ein bisschen an seinem Leben hängt, fährt deswegen auf einem Frachtschiff mit. Und das war mein Traum.

Sitzmöbel an Bord des Amazonas Dampfers 1996: Luxus!

Die Frachtschiffe auf dem Kongo sind Schubverbände aus einem oder mehreren Schleppern mit mehreren Schuten. Alles aus Metall und wesentlich weniger zerbrechlich und dank niedrigem Schwerpunkt nahezu unsinkbar. Allerdings sind es Frachtschiffe und Passagiere nur geduldet. Das bedeutet: keine Kabinen, keine Verpflegung, kein gar nichts, was man als Mensch so braucht, wenn man bis zu zwei Wochen auf dem Metalldeck lebt. Man muss alles selbst an Bord bringen: Schatten, Unterkunft, Verpflegung, Trinkwasser – und Toiletteneimer. Klingt für Euch wahrscheinlich abschreckend, für mich klang das nach „eines der letzten Reiseabenteuer der Erde“ und absolute Traumreise.

Das Dreamteam am Hafen von Impfondo

Während wir in der Leprastation aushalfen, saßen wir oft zum „sundowner“ (mit Glück eine Fanta aus dem verstaubten Kasten) auf dem Dach des Hafengebäudes in Impfondo, das zu einer Bar umfunktioniert worden war. Zwei Mal sahen wir solche Frachtverbände an- und ablegen, fühlten uns aber noch nicht bereit für die Weiterreise. Und wie es so ist: als wir dann bereit waren, kam kein Schiff. Also doch mit nem Seelenverkäufer fahren? In der vergangenen Woche waren gerade zwei gekentert mit jeweils knapp 200 Toten. Und außerdem: mein Traum war Frachtschiff und nicht Luxuskreuzfahrt! Wir warteten. Und warteten.

Der malerische Hafen von Impfondo

Und mit uns wartete ein Pfarrer, der auch nach Brazzaville reisen wollte und weniger Geduld hatte als wir, die wir in der Leprastation weiterhin mit Spaß dabei waren. Nach einer Woche Warten zog der Pfarrer seinen Joker: vor Jahren hatte die Gemeinde mal einen Container geliefert bekommen und aus der Zeit hatte er noch die Telefonnummer eines Kapitäns. Und den rief er an. Es stellte sich heraus: dieser Kapitän war auf genau dem Schiff, von dem ich in Erfahrung gebracht hatte, dass es schon zwei Tage weiter flussaufwärts mit Holz beladen wurde und nicht in Impfondo halten würde. Und weil der Kapitän ein lieber Mensch ist und der Pfarrer ein Pfarrer und der Kapitän auch evangelisch, fuhren wir mit dem Pfarrer zum Hafen und holten auch noch den Hafenchef mit ins Boot: er machte uns einen „Spezialpreis“ (60€) für das unplanmäßige Halten des Schiffes und dessen Abwicklung im Hafen. Für die Hälfte des Geldes bekamen wir Quittungen für „Frachtgepäck“ ausgestellt, der Rest wanderte in die Taschen aller Beteiligten, die eigentlich eine freie Woche hatten und nun wegen drei Passagieren außerplanmäßig zum Hafen kommen mussten.

Für unseren Freund und Gastgeber Jesse und uns kam das dann doch ziemlich plötzlich und obwohl wir mit allen Einkäufen vorbereitet waren, traf uns die plötzliche Abreise dann doch mental unvorbereitet. Jetzt schon? Nach „nur“ 2,5 Wochen? Der letzte gemeinsame Abend verlief leider tränenreich dank kleinem Katzendrama, misslungenem Kürbiseintopf und Abschiedsstimmung. Wir drei hatten uns so aneinander gewöhnt und die gemeinsame Zeit sehr genossen. Wir gingen früh ins Bett mit dem Plan, noch einen fröhlicheren Vormittag gemeinsam zu verbringen.

Das Traumschiff ist da!

Doch um 7 Uhr stand Jesse dann vor unserer Tür: der Kapitän habe den Pfarrer angerufen, er sei schon ganz nah! Jan ließ seine Haferflocken stehen und fuhr noch schnell zur Bank, ich packte eilig alles zusammen und belud mit Jesse das Auto mit all unserem Gepäck: Proviant und Trinkwasser für mindestens eine Woche, eine Plastikplane, Stöcke zum Bau einer Behausung und unsere gesamte Motorrad-Ausrüstung. Die Motorräder kamen natürlich mit an Bord! Als Jan von der Bank kam, hatte er das Schiff schon einlaufen gesehen: es war groß und lang, so wie ich es mir immer erträumt hatte! Bei der Fahrt zum Hafen sah ich es auch, wie es sich gemächlich zum Ufer schob: mein Traumschiff! Volltreffer! Das Frachtschiff, was eine Woche zuvor angelegt hatte, war mir zu klein gewesen, ich wollte groß und lang, mehrere Schlepperboote und so viele Deckschuten wie möglich. Und genau so ein Traumschiff legte dann an: Drei Schlepper mit fünf Schuten. Perfekt! All die Trauer der vergangenen Stunden war verflogen, ich war endlich, endlich dabei, den Traum zu verwirklichen und es fing sofort perfekt an. Yessss!

Während wir im Büro des Hafenchefs die Formalitäten erledigten, liefen die Jungs vom Leprazentrum zum Hafen, um uns zu verabschieden. Als das Schiff anlegte, schleppten sie mit Jan unser Gepäck und Essen und Trinkwasser an Bord, während ich mich mit dem einzigen Kongolesen in mittlerweile über einem Monat auseinandersetzte, der sich nicht in die Reihe der nettesten Menschen der Welt einreihen wollte: der Einwanderungsbeamte. Hätte ich nicht genau gewusst, dass er Kongolese ist, man hätte ihn auch für einen Nigerianer oder Kollegen aus dem „großen Kongo“ halten können: er erfand ständig Gründe, warum ich ihm Geld zahlen müsse: unser Visum sei abgelaufen (Ausstellungsdatum mit Ablaufdatum „verwechselt“), wir hätten uns bei Ankunft Anfang September nur bei seinem Kollegen registriert und nicht bei ihm persönlich (richtig, weil er nie da war und es auf der Straße hieß, er „schlafe viel“), wir hätten keine Kopien gebracht (doch, sogar 2x) und was man sich sonst noch aus den Fingern saugen kann, um seinen Ruf als „Ar… der Stadt“ zu manifestieren. Letzten Endes holte ich den Hafenchef mit ins Boot und gewann gegen den Idioten – unter Beifall von der kongolesischen Belegschaft des Leprazentrums, die auch schon ihre Erfahrungen mit dem Herrn machen durften.

Die Jungs hatten mit Jan und Jesse mit der von uns gekauften UNHCR Plastikplane eine Art Unterschlupf zwischen zwei Holzstapeln gebaut und schafften es noch in allerletzter Sekunde von Bord zu springen, als das Schiff schon abgelegt hatte: unser Lagerplatz war so perfekt gewählt, dass man den Motor, drei etwa 60m lange Schuten weiter hinten nicht bis zu uns hören konnte. Wir winkten uns gegenseitig, bis die Arme lahm und die Herzen schwer waren und richteten uns dann ein: Zelt aufbauen und Gepäckberg unter einer zweiten Plane verstauen, die uns von unseren Nachbarn gebracht wurde. Wir waren in das schwimmende Dorf eingezogen und begannen, uns einzuleben. 1000 Flusskilometer lagen vor uns.

Unser schwimmendes Dorf aus Sicht des Kapitäns

Nach ein paar Stunden kam der oberste Kapitän mit seiner Frau zu uns und erklärte, der Hafenchef von Impfondo habe ihn gebeten, auf uns aufzupassen. Was auch immer wir bräuchten: seine Frau und er seien für uns da. Wir bekamen von seiner Frau gleich einen Dorfrundgang. Es gab zwei Einkaufsläden. Einer mit Lebensmitteln in Kleinstportionen wie ein paar Löffel Zucker, Salz oder Nudeln in klitzekleinen Tütchen und ein „Drogeriemarkt“, der Seife, Waschmittel, Streichhölzer und Rasierklingen verkaufte. Frau Kapitän, auch „Madame Capi“ genannt, betrieb die „Dorfbäckerei“, in der es morgens frische Fettkrapfen gab. Sie zeigte uns auch die kleine, dreiseitige Metallkabine, die als Dusche genutzt wurde, da auf dem Boden ein zum Fluss durchgehendes Fallrohr eingelassen war. Kann man auch als Toilette nutzen, aber die Passagiere nutzten dazu Plastikeimer, wir schnitten eine Plastikflasche für kleine Geschäfte zurecht.

Das Schiff glitt mit gemächlichen 9-11km/h über den Ubangui Fluss, an dessen Ufer der Regenwald des Kongobeckens an uns vorüberzog. Noch besser, als ich mir das vorgestellt hatte! Wir fanden unseren neuen Lieblingsplatz auf dem „Sonnendeck“, dem großen Holzstapel hinter unserem Zelt, auf den wir kletterten, um die Aussicht zu genießen. Wir sahen kleinste, malerische Urwalddörfchen am Ufer, Menschen, die mit Einbäumen am Ufer entlang paddelten, freuten uns an Schmetterlingen und Nashornvögeln in der Luft und genossen das Zirpen der Insekten im Wald, was wir bis aufs „Sonnendeck“ hörten, weil der Motor so weit hinter uns lief. Der Sonnenuntergang setzte noch das i-Tüpfelchen auf den ersten Tag der Kreuzfahrt.

Weil man nach Sonnenuntergang kein Licht mehr machen durfte, um den Kapitän nicht zu irritieren und auch nicht mehr auf dem Sonnendeck sitzen durfte, um dem Kapitän nicht die Sicht zu nehmen, gingen wir früh ins Bett – wie die meisten anderen auch. Es wurde schnell ruhig auf dem Fluss und wir schliefen selig zum sanften Glucksen des Wassers unter uns ein. Wie der Kapitän nachts bei Neumond ohne GPS, Radar und Echolot den Weg zwischen all den Inselchen und Sandbänken fand, wird uns auf ewig ein Rätsel bleiben. Auf unsere Frage antwortete er nur „Ich brauche das alles nicht, ich hab das im Kopf“. Hatte er auch, denn er fuhr nirgendwo gegen.

Gegen drei Uhr früh legten wir in einem kleinen Urwaldörtchen an und als es morgens hell wurde, kamen geschäftstüchtige Dorfbewohner zum Ufer und boten eine frisch getötete Gazelle als Frischfleisch und Coanga, fermentierten Maniok, als Verpflegung an. Natürlich weder Obst noch Gemüse, sowas gibt es hier nicht. Die Vorstellung, dass man in Afrika ständig frisches tropisches Obst genießt haben nur die Leute, die noch nie hier waren. Ich ging an Land und kaufte zwei Päckchen Coanga für uns, das Hauptnahrungsmittel in der gesamten Region. Während der gesamten Reise legten mehrmals täglich Kanus an, aus denen entweder Coanga oder „zu Kohle geräucherter Fisch“ angeboten wurde. Manchmal gab es auch frische Blätter, hauptsächlich Koko (Schlingpflanze ohne Nährwert) und niemals Obst. Gibt’s einfach nicht. Die Republik Kongo gehört zu den Ländern der Erde, in denen Mangelernährung fast die Norm ist.

Als die Sonne aufging, legten wir ab und glitten weiter durch den Regenwald auf eine dicke, dunkle Wolkenwand zu. Wir beeilten uns ein bisschen mit dem Frühstück, aber da es nicht viel gab, war das keine Kunst: seit über 2,5 Wochen löffelten wir morgens feine Haferflocken mit Milchpulver. Kein Obst dazu, kein Kaffee dazu, nur Wasser. Kaffee gibt es hier genauso wenig wie Obst und wenn dann nur als Nescafé. Kaum hatten wir das Frühstücksgeschirr verräumt, öffnete der Himmel eine Schleusen und trieb uns ins Zelt. Es platterte ordentlich, denn schließlich ist Regenzeit. Aber ohne den Regen wäre diese Fahrt nicht möglich gewesen, denn der Ubangui Fluss ist nur zwischen Ende der Regenzeit bis Ende des Jahres schiffbar.

Pünktlich zum Überfahren des Äquators hörte der Regen wieder auf und wir konnten am Bug „unserer“ Schute stehen (die vorderste der fünf) und auf dem GPS verfolgen, wie der Äquator immer näher kam und dann unter uns hindurch „floss“, als wir auf die Südhalbkugel hinüber glitten. Tschüss Herbst, Hallo Frühling! Außer uns hat das niemanden interessiert und wahrscheinlich haben sich einige gefragt, was wir da gerade machen.

Weil unser Benzinkocher vor zwei Wochen kaputtgegangen ist, konnten wir nicht kochen, aber unsere Motivation dazu hielt sich auch sehr in Grenzen, da die Auswahl an Lebensmitteln so schlecht ist, dass es so oder so nur Reis mit Sardinen gegeben hätte. Die Sardinen hatten wir trotzdem im Proviant und nutzten sie als Belag auf dem aufgeschnittenen Coanga. Coanga schmeckt wie schnittfeste bulgarische Boza oder schnittfester, roher Roggensauerteig. Als Zentralafrikaner dippt man das gummiartige Teigstück in Sauce aus in Palmöl zu Tode gekochten Blättern mit zerschreddertem zu Kohle geräuchertem Fisch – für uns ein Essen des Grauens. Als Brotersatz zu Dosenfisch „europäisiert“ aber sogar richtig lecker, fast wie Graubrot. Die Wahl unseres Abendessens zog Blicke auf uns: Weiße essen eigentlich kein Coanga. Übrigens wurde bei der Übersetzung der Bibel „Brot“ mit „Coanga“ übersetzt, weil Brot völlig unbekannt war und teilweise noch ist. Als wir am Wochenende zuvor im Gottesdienst waren, haben wir gehört, wie statt „Unser tägliches Brot gib uns heute“ um Coanga statt um Brot gebeten wurde.

Zum Sonnenuntergang kletterten wir wieder aufs „Sonnendeck“ und sogen die Atmosphäre nochmal richtig tief in uns ein: den Regenwald um uns herum, die Geräusche des Waldes, das dichte Grün, die Schmetterlinge und Nashornvögel, den Ubangui Fluss. Später in der Nacht würden wir in den Kongo fahren und dort, das wussten wir, war die Welt eine ganz andere. Ein bisschen wehmütig schliefen wir ein, während der Kapitän unser schwimmendes Dorf durch die dunkle Nacht schipperte.

Noch vor Sonnenaufgang gerieten wir in ein Unwetter: es windete, donnerte, blitzte und schüttete. Jan zählte Sekunden zwischen Donner und Blitz und stellte fest: wir fuhren mitten ins Gewitter hinein. Teilweise lagen zwischen Donner und Blitz nur zwei Sekunden. Der Regen peitschte auf uns herunter und der Wind trieb das Wasser in die letzten Ritzen und Ecken. Der Kongo hatte ordentlich Seegang, die Fuhre wurde von harten Wellenstößen gerüttelt und das Wasser spritzte zwischen den Schuten hoch und an Deck. Wir wurden von oben und unten gebadet und fühlten uns in unserem Zelt fast wie in einer Art U-Boot. Frühstück fiel aus, Toilettengang auch. Der Wind drückte das Wasser zwischen Zeltplane und Zeltboden und wir harrten ganze sechs Stunden im lauten Geprassel, metallischem Rumpeln und Schlagen der Wellen aus. Sechs Stunden Tropenstum im Zelt mitten auf dem Kongo. Hat uns das die Laune verdorben? Nö! Gehört dazu, wir haben schließlich eine Erlebniskreuzfahrt mit all inclusive gebucht und bekamen, was wir bestellt hatten.

Eigentlich wollten wir draußen gucken, wie es dort aussieht, wo de Sangha Fluss, auf dem wir vor einem Monat zwei Tage per Boot unterwegs waren, in den Kongo fließt, aber bei dem Wetter war das dann doch nicht interessant genug, um dafür innerhalb von Sekunden pitschnass zu werden. Als sich das Wetter nach langen sechs Stunden beruhigte, ging das große Flicken und Trocknen los: die meisten Plastikplanen waren zerrissen und alle Matratzen und das meiste Gepäck der übrigen Passagiere völlig abgesoffen. Wir waren die einzigen, die ein wasserdichtes Zelt hatten. Alle anderen lebten unter Plastikplanen oder auch nur Mosquitonetzen. Auch unsere UNHCR Plane war zerrissen, konnte aber soweit geflickt werden, dass wir zumindest noch Schatten haben konnten. Wir schafften es sogar, das komplette Zelt freischwebend aufzustellen, damit der Zeltboden trocknen konnte, während die Unterlegplane in der Sonne trocknete. Überall lagen wie Küchenschwämme vollgesogene Schaumstoffmatratzen und es herrschte geschäftiges Treiben an Bord.

Michelle, wie „Madame Capi“ eigentlich heißt, schaute bei uns vorbei um zu fragen, ob und wie wir den Sturm überstanden hatten. Sie und ihr Mann waren besorgt, dass das alles ein wenig zu viel für uns war und freute sich zu sehen, dass wir das völlig gelassen hinnahmen. Und wir sahen den Kongo zum allerersten Mal: ruhig und doch kräftig flossen die Wassermassen unter uns. Der tiefste Fluss der Erde mit bis zu über 200m Wassertiefe hatte sich bei uns mit einem dramatischen Auftakt vorgestellt. Nachmittags zeigte er seine sanfte Seite und die Landschaft war komplett anders: statt dichtem Regenwald zu beiden Ufern waren die Ufer jetzt um die 8km voneinander entfernt und einfach nur grün mit vereinzelten Bäumen. Überall waren kleine, grasbewachsene Inselchen, auf denen vereinzelt Häuser in Pfahlbauweise standen. Und es gab Gegenverkehr. Richtig viel und teilweise richtig abenteuerlich. Einer der Seelenverkäufer geriet bei einem idiotischen Fahrmanöver so in extreme Schräglage, dass ich fast Schnappatmung bekam und vor meinem inneren Auge 200 Menschen ertrinken sah, ein anderes Holzboot rammte uns und einmal kam uns der längste und größte Schleppverband entgegen, den ich je gesehen habe: Acht oder neun Deckschuten wurden von drei Schleppern stromaufwärts geschoben und auf dem so ungefähr rund 300m langen Floß war schon fast eine Kleinstadt entstanden, ganz im Gegensatz zu unserem Dorf auf nur fünf Schuten.

Michelle nahm uns mit auf die Brücke und der diensthabende Kapitän erklärte mir die sehr übersichtliche Technik: der chinesische Schiffsdiesel hatte rund 6000 Betriebsstunden gelaufen, das Display zeigte Öltemperatur, Geschwindigkeit, Drehzahl und Kühlwassertemperatur an. Es gab keine Navigationsinstrumente, kein Licht, kein Schnick, kein Schnack. Von den drei Schleppern schob nur einer und der lief nur in Standgas, denn es ging schließlich „bergab“, wie der Kapitän sagte.

Michelle führte uns auch zum Motor, der ordentlich brummte und in dem einer der drei Schiffsmechaniker gerade herumsprang, denn der Motorraum war im Unwetter ein wenig voll Wasser gelaufen. Auch unsere „Nachbarschute“ musste übrigens leergepumpt werden, weil es irgendwo reinlief. Wir konnten in den riesigen Dieseltank schauen: ein Mal in Bangui 40.000 Liter volltanken reicht bis nach Brazzaville und weiter, bekamen wir erklärt.

Am Spätnachmittag waren alle unsere Sachen wieder trocken, wir kippten ein paar Dosen Dosengemüse mit Dosenmakrelen in Tomatensauce zu einem sogar schmackhaften Salat zusammen und dinierten auf dem „Sonnendeck“. Was für eine tolle Erlebniskreuzfahrt! Trotz Unwetter hatten wir uns das beide viel unbequemer vorgestellt: lauter, enger, nerviger und ständig unter Beobachtung der Einheimischen. Aber da kannten wir die Kongolesen und Zentralafrikaner noch nicht: menschlich eindeutig unter den oberen Plätzen in der Rangliste der liebsten und nettesten Menschen dieser Erde stehend, nahmen sie uns einfach als Zugezogene Dorfbewohner auf und kümmerten sich um uns: unsere Nachbarn rechts schickten die Tochter zum Wasserfegen, als es bei uns an Deck mehrere Finger tief stand, die Nachbarn links putzten jeden Morgen vor unserem Zelt, nachdem sie sich um ihre mitreisenden Hühner und Ente gekümmert hatten, die Nachbarn gegenüber halfen beim immer wieder neuen Verzurren der Plastikplane. Wir halfen mit Milchpulver und sauberem Trinkwasser fürs Baby aus, verschenkten leere Flaschen und wiederverschließbare Dosen oder unsere TraveLove Aufkleber. Niemand nervte, niemand plärrte „Dingeldongel-Musik“, die uns in Westafrika manche Nerven geraubt hatte, es war ein absolut respektvolles Miteinander.

Gegen Mitternacht legten wir am Ufer eines Dorfes an, von dem aus wir zu Sonnenaufgang wieder losmachten. Überall um uns herum paddelten Leute in Einbäumen im weichen Morgenlicht, ich saß auf dem „Sonnendeck“ und genoss den Zauber des frühen Morgens mitten auf dem Kongo. Diese Kreuzfahrt war definit ein Traum, den ich mir selbst erfüllt habe und der noch schöner war als ich mir das hätte jemals erträumen können. Trotz Regen, trotz Sturm. Und trotz undicht gewordenem aufblasbarem Kopfkissen.

Nach dem Frühstück lieh ich mir von unseren Nachbarn einen Putzeimer voll Kongowasser und fand ein recht großes Loch im Kissen. Mein langwieriger Versuch, das Loch mit einem Fahrradflicken zu reparieren, scheiterte: ab jetzt ruhte mein Kopf auf meinem Bündel Dreckwäsche, den ich unter den Kopfkissenbezug geschoben hatte. Was braucht man schon ein Kissen auf dem Kongo!

Zu Sonnenuntergang legten wir an einem Dorf an, in dem es einen Brunnen gab. Viele Passagiere gingen mit Kanistern an Land und kamen mit klarem Wasser darin zurück an Bord. Die meisten jedoch hatten in den letzten Tagen der Reise Flusswasser getrunken. Wir hatten in Impfondo 55l Trinkwasser an Bord geschleift um für bis zu 9 Tage Fahrt genug Wasser für zwei dabeizuhaben. Wie lange die Fahrt dauern würde, war bei Abfahrt nicht klar. Irgendwas zwischen vier und neun Tagen. Je nach Wetter, Fracht und sonstigen Gegebenheiten. Die Dorfbewohner starteten den Generator und drehten die Musik auf, Partystimmung an Land! Leider lief westafrikanische „Dingeldangel Musik“ und nicht die schöne kongolesische oder angolanische Musik, die wir richtig gerne hören. Im Dorf gab es nicht nur Wasser, sondern auch Palmwein und leider guckten unsere Nachbarn da tiefer ins Glas als uns lieb war und krakelten die ganze Nacht herum, während wir durch die Nacht schipperten und dann irgendwann dank Ohrenstöpseln einschliefen. Das war das einzige Mal während der ganzen Reise, dass es an Bord ein (winziges) Problemchen mit Alkohol gab. Alle Passagiere verhielten sich die gesamte Fahrt über absolut gesittet und sogar extrem reinlich: wir waren wahrscheinlich die einzigen an Bord, die während der Fahrt keine Wäsche wuschen und deswegen auch keine Kunden im „Drogeriemarkt“ wurden. Die Männer waren alle jeden Tag frisch rasiert und frisierten sich mit Rasierklingen gegenseitig die Haare.

Ich hatte gute Gespräche mit Mitreisenden aus dem Chad (die halbe Crew kam aus dem Chad, weil der Inhaber der Reederei daher kam) und der Zentralafrikanischen Republik (unter dessen Flagge wir fuhren und woher der Großteil der Passagiere kam) über Bürgerkriege, Flüchtlinge, Politik und „die Russen“, wie die Wagner Gruppe / das Afrikakorps schlichtweg genannt wird. Ausnahmslos alle waren mit der Arbeit der Russen höchst zufrieden, denn nur die hatten es geschafft, die Lage in der Zentralafrikanischen Republik (wie auch in Burkina Faso) unter Kontrolle zu bekommen, ein Friedensabkommen auszuhandeln und dafür zu sorgen, dass die Menschen endlich wieder aufatmen können und nicht mehr unter islamischem Terror in Angst leben müssen. Das hören (und lesen) wir nicht zum ersten Mal und es ist nur die „westliche Sicht der Dinge“, die das anders sieht.

Tag fünf startete schon verdächtig diesig. Der Sonnenaufgang fand nur halb statt und dann pustete es los: wir hatten Gegenwind und der Kongo wurde so wild, dass sich Schaumkronen auf den Wellen bildeten. Weil wir unser Zelt auf der Metallplattform ja nur aufstellen, aber nicht abspannen konnten (Gedenkminute für alle, die ein Tunnelzelt sinnvoll finden: sowas kann man nur dort aufbauen, wo man Heringe nutzen kann!), drückte der Gegenwind in Kombination zum Fahrtwind so sehr auf das Zelt, dass wir wie die Käfer darin auf dem Rücken lagen und mit nach oben ausgestreckten Beinen das Zeltgestänge stützten, um das sich unter dem Druck biegende Zelt vor dem Brechen und Reißen zu schützen.

Michelle erklärte später, das sei dort immer so, da der Kongo dort mit rund 800m sehr schmal und zu beiden Ufern von steilen, hohen Felsen und Bergen umgeben war und sich so ein Windkanal formte, Knappe drei Stunden spielten wir Käfer, dann drehte der Kapitän das Schiff in den Wind und legte vor einem Dorf mit nur vier Häusern an.

Zwischen uns und das Ufer schoben sich große Holzboote und eine relativ große Menschentraube stand abreisefertig mit Sack und Pack bereit. Wir waren verwirrt: so viele Boote und Menschen und nur vier Häuser? Es stellte sich heraus: die Leute wollten alle auf die andere Seite des Kongos, denn dort lag eine große Stadt am Ufer der Demokratischen Republik Kongo und da wollten nicht nur die Menschen, sondern auch ein Teil der Ladung hin!

Später fragten wir Michelle, warum wir nicht direkt am anderen Ufer angelegt hatten. Das „große Kongo“ sei einfach „anders“. Da ginge es ständig um Geld für nichts und das mache man nicht mit. „Da sind zu viele Leute im Land und das macht alle aggressiv und verdirbt die Menschen“. Das kennen wir aus anderen Ländern… Fast vier Stunden lang schufteten die an Bord mitreisenden Lastenträger, um eine gesamte Schute voll Mais und Mehl in Säcken auszuladen und in Holzboote zu stapeln, die die Fracht dann ans gegenüberliegende Ufer brachten. Jans „afrikanische Theorie“, dass man Holzboote auch überladen kann, weil sie dann so voll Fracht sind, dass kein Wasser reinlaufen kann, weil dafür kein Platz mehr ist wurde in die Praxis umgesetzt. Wir hatten den besten Beobachtungsposten auf dem „Sonnendeck“, bis es dunkel wurde und wir weiterfuhren.

Der letzte Sonnenuntergang an Bord ging ans Herz. Fünf Tage lagen schon hinter uns, ein letzter noch vor uns. Das Einzige, was uns wirklich genervt hatte, waren die Mücken, die uns öfter ins Zelt getrieben hatten, als uns lieb war. Alles andere, was für Euch Leser vielleicht abschreckend wirkt, die hygienischen Verhältnisse, die Unwetter, der Sturm, das karge Essen, das Leben auf einem bei Sonne glutheißen Metallboden und das tagelange Sitzen auf Kanthölzern, das Leben unter Einheimischen, das kaputte Kopfkissen und letztendlich die ewig herumschwirrenden Mücken hatten uns weder wirklich gestört, noch einen einzigen Nerv geraubt. Wir waren traurig, dass es fast vorbei war. Wir fühlten uns wohl im schwimmenden Dorf und hätten wirklich ewig weiterfahren können. Uns fehlte es an nichts und wir hatten nicht mal Sehnsucht nach einem guten Essen. Im Zelt stellte Jan fest, dass seine Isomatte undicht geworden war und ich baute ihm aus meiner Motorradjacke ein weiches Bett.

Am letzten Morgen bog der Kapitän falsch ab und wir landeten vor Rügen. Oder doch nicht, denn auf Rügen gibt es keine Palmen am Strand, aber die weißen, hohen Felsen und Klippen am Ufer sahen schon sehr nach Rügen aus! Auch das Wetter war eher europäisch: während wir mit sehr schweren Herzen den letzten Sonnenaufgang vom Sonnendeck aus in uns aufsogen, war mir richtig kalt geworden – trotz dicker Motorradjacke! Wir packten alles zusammen, bauten unser „Haus“ ab, verschenkten unsere letzten leeren Plastikflaschen und die UNHCR Plane und kletterten ein letztes Mal aufs Sonnendeck.

Nachbarskinder

Irgendwann tauchte am Horizont die Glitzerwelt der beiden sich gegenüberliegenden Hauptstädte Brazzaville und Kinshasa auf. Hinter uns lag eine knappe Woche auf dem Wasser, fast fünf Wochen Regenwald und Kongobecken, eineinhalb Monate seit der letzten größeren Stadt und vier Wochen seit der letzten Asphaltstraße. Und uns blutete das Herz, mir ganz besonders. Das, was ich im Vorfeld als „eines der letzten Abenteuer“ empfunden hatte, war vorbei, ohne sich als Abenteuer angefühlt zu haben. Ja, es liest sich aus der Ferne sicherlich wie ein großes Abenteuer, aber wir sind mittlerweile mehr Afrikaner als Europäer und so assimiliert, dass wir das als Alltagsnormalität erleben, so wie alle anderen Passagiere eben auch. Trotzdem: aus und vorbei. Once in a lifetime? Vielleicht. Oder vielleicht auch nicht. Wir haben schon die nächsten Träume von noch einer „Erlebniskreuzfahrt“ im Kopf. Was wir dann anders machen würden: ein Sitzkissen mitnehmen, um bequemer auf Metall und Holz sitzen zu können. Sonst nichts. Es war einfach alles perfekt.

Jeder hatte uns gewarnt, dass das Abladen im Hafen von Brazzaville völlig chaotisch sei und selbst die Crew war besorgt, dass es für uns zu viel Chaos werden würde. Der Lademeister stellte uns sechs seiner Jungs als Lastenträger zur Verfügung und wir waren frohen Mutes. Wir legten in dritter Reihe an. Zwischen uns und der extrem steilen Hafenböschung mit einer Art „Himmelstreppe“ lagen zwei weitere Schuten und es gab weder Landungssteg noch einen fahr- oder schiebbaren Weg. Aber da unsere Motorräder klein und leicht sind, kann Mann die mal eben schnell um alle Ecken und über Hindernisse heben und mit den sechs Trägern zusammen waren die Motorräder samt Gepäck und den restlichen 25l Trinkwasser schnell auf dem Land.

Das große Chaos blieb aus. Ja, kaum dass das Schiff in Ufernähe war, sprangen etwas aufdringliche, in Warnwesten gekleidete Tagelöhner an Bord und ungefähr zehn von ihnen griffen sich jeweils eins unserer Motorräder und wollten den Job. Nichts anderes hatten wir erwartet. Was wir aber vergessen hatten: wir sind im Kongo und da sind alle Menschen sowas von nett (außer dem Herrn von der Immigration in Impfondo), sodass es doch kein großes Problem war, die Fremden davon zu überzeugen, dass wir genug bordeigene Helfer hatten. Es ging alles so schnell und schmerzlos, dass wir uns beide ein wenig „leer“ fühlten, als wir in aller Seelenruhe unser Gepäck und das viele Wasser auf den Motorrädern verzurrten. Es war vorbei. Traum erfüllt, das Herz schwer von all den tollen Erlebnissen und dem Abschied.

Bis zu unserem Airbnb waren es keine 2km und da sitzen wir jetzt wie auf einem anderen Planten und hatten gestern nichts besseres zu tun, als zurück an Bord zu gehen und unsere neuen Freunde zu besuchen. Doch davon erzählen wir Euch nächste Woche. Die Waschmaschine ist fertig, ich muss Wäsche aufhängen!

Während wir auf großer Fahrt waren, sind zwei Videos aus der Zentralafrikanischen Republik online gegangen. Einmal unser Tag bei den über 100  Elefanten auf der Waldlichtung und die Fahrt über den Sangha Fluss in den Nationalpark:

Und dann unsere sehr bewegende Begegnung mit den Gorillas. Auge in Auge mit Limo, dem Silberrücken. Kommt mit ins Kongobecken, stapft virtuell mit uns durch den Regenwald und schaut, wie Mensch und Gorilla sich gegenseitig beobachtet haben:

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