Willkommen zu Teil zwei unseres spontanen Ausflugs nach Zypern. Letzte Woche hatte ich Euch erzählt, wie wir an meinem Geburtstag, an Tag drei im Land, krampfhaft versuchten, Authentizität zu finden und mit dem Land nicht so ganz warm wurden. Wir saßen vor dem Kloster Kykkos im Toodos Gebirge, tranken Kwas und hatten drei eher ernüchternde Tage auf der Insel hinter uns: zu viele rotverbrannte Briten, zu viele Unterkünfte „von der Stange“, zu wenig „typisch Zypern“ und erst ein gutes Essen.

Nach langer Suche und mit viel Glück fand ich ein Zimmer in den Bergen, das von einem Zyprioten geführt wird, der Wert auf Erhalt der Traditionen und absolute Authentizität legt. Auf dem Weg dorthin besichtigten wir auch unsere erste (von insgesamt 11 auf Zypern) „Scheunendachkirchen“, die unter UNESCO Weltkulturerbes Shutz stehen. Der Name „Scheunendach“ rührt daher, dass die Kirchen keine Kirchtürme haben und meist einen ganz einfachen Grundriss mit einfachem Dach und von außen eher einer Scheune ähneln als einer Kirche. Betritt man das Gebäude dann, wird man überrascht von der prunkvollen Bemalung im Inneren.

Die Scheunendachkirche in Pedoulas hat sogar ein bis zum Boden heruntergezogenes Dach auf der Wetterseite, um Regen, Schnee und Wind im Troodos Gebirge besser trotzen zu können. Wir saßen eine ganze Weile auf der Bank vor der Kirche und genossen die friedliche Stimmung im Dorf. Wir waren die einzigen Fremden im Umkreis der Kirche (an der Hauptstraße tummelten sich die Touristen in Tavernen) und zum ersten Mal im Land hatten wir das Gefühl, ein bisschen von der Seele Zyperns spüren zu können.

Wir kurvten weiter durchs Gebirge auf das Highlight des gesamten Aufenthaltes zu, wo Kostas schon auf uns wartete. Kostas, stolzer Zypriote und Ingenieur in Rente, der sein Geld u.a. in Saudi-Arabien verdient hat, vermietet ein Zimmer im Haus seiner verstorbenen Schwiegermutter in einem winzigen Bergdorf. Das Haus hat er zu einem „Hausmuseum“ unter Denkmalschutz renoviert, in dem er Gästen in Workshops zeigt, wie man traditionell Wein macht (mit den Gerätschaften seiner Schwiegermutter), den zypriotischen Halloumi Käse herstellt oder Flöten schnitzt. Er selbst ist Flötist und verkauft auch CDs, auf denen er traditionelle, zypriotische Melodien spielt.

Wir waren sofort verliebt in das winzige Zimmerchen. Kostas lud uns zu sich an den Esstisch ein und servierte „zypriotische Süßigkeiten“: Lokum mit Nüssen. Naja. Wie jedes andere Land in der Gegend halt. In Bulgarien wird Lokum mit Rosenwasser serviert, in der Türkei mit Pistazien, hier eben mit Nüssen. Dazu servierte Kostas „zypriotischen Kaffee“, der im Rest der Welt „türkischer Kaffee“ heißt, aber diese Formulierung auf Zypern ein Politikum wäre. Das beste war definitiv der Wein, der aus in der Sonne getrockneten Trauben vergoren wird: ähnlich wie auf den Kapverden mit nussigem Aroma nach Trockenfrüchten.

Wir „outeten“ uns als „Bulgaren“ und erzählten, dass wir die meisten seiner Ausstellungsstücke selbst im Haus haben – manchmal war das Design ein wenig anders, aber grundsätzlich fühlten wir uns bei Kostas zuhause. Während er uns ein paar Sachen zeigte, unterhielten wir uns eigentlich mehr über den Verlust von Traditionen, über die Wichtigkeit, solche Orte zu erhalten und über die Restaurierung solcher Häuser wie seinem – und unserem. Er zeigte uns noch ein zweites Haus im Dorf, das er gerade renovierte, um es über AirBnb zu vermieten und erzähle von seinem Kampf mit der Denkmalschutzbehörde, weil er dem vom Hang kippenden Haus auf einer Seite ein Stahlgerüst verpassen musste.

Eine andere Geschichte, die er berichtete zeigte, wie sehr Zypern seine Seele verliert – oder schon verloren hat und Kostas hatte Tränen in den Augen, als er sie uns erzähle: er hatte einen Esel namens Melody mit glänzendem Fell und frohem Gemüt. Sein Handy ist voll mit Fotos und Videos von dem schönen Tier. Die fröhliche Melody sprang und rannte gerne auf ihrer Koppel unterhalb des Hauses wild herum, wobei sie Staub aufwirbelte. Dieser Staub entzürnte die Nachbarn, die aus der Stadt ins Dorf gezogen waren und sie zogen gegen Kostas und Eselin Melody vors Gericht. Sie gewannen und der einzige Esel des Dorfes musste weg. Melody steht nun auf einer Eselmilchfarm und ist wahrscheinlich nicht mehr so fröhlich und Kostas ist das Herz sehr schwer, wenn er daran denkt. „Früher gab es auf Zypern in jedem Dorf Esel, heute bringt einen der Staub vors Gericht…“.

Zum Abendessen schickte Kostas uns in die 3km entfernte Kneipe im nächstgrößeren Dorf, wo er uns schon angemeldet hatte. Als wir merkten: da spricht niemand Englisch war uns klar: endlich hatten wir gefunden, was wir überall im Land gesucht hatten: Authentizität. Wir hatten keine Ahnung, was wir bestellten, aber es war gut: knusprig gebratene Würfel aus Schweinefleisch, Brot mit Olivenöl und Oregano, gebratener Halloumi, lecker gewürzter Tomaten-Bulgur und ein Gartensalat mit Feta, in dem tiefrote Tomaten waren. Wir überfraßen uns völlig für 33€. Aber am Geburtstag ist das okay.

Zurück in „unserem“ Bergdorf gesellte sich beim Dorfspaziergang eine große Katze zu uns – und blieb. Als wir in unser Zimmerchen gingen, spazierte sie nach kurzer Überlegung auch hinein und legte sich zu uns aufs Bett. Das beste Geburtstagsgeschenk! Wir ließen die Terrassentür offen, um den tollen Tiger nicht einzusperren und die Stille der Berge zu genießen. Wir sind aus Bulgarien genau das gewohnt: Nächte in absoluter Stille, ohne das allgegenwärtige „Hintergrundrauschen“ Westeuropas, das in den vorherigen Nächten auf Zypern auch herrschte. Wir schliefen ein zum wohligen Schnurren der Katze zwischen uns, bis ich nachts nicht wusste, ob es Traum oder Wirklichkeit war: hatte ich wirklich in jedem Arm eine Katze? Ich vergewisserte mich, dass ich wach war und tatsächlich: durch die offene Tür war im Laufe der Nacht eine zweite Katze hereinspaziert und hatte sich zu uns gekuschelt. Besser konnte man einen Geburtstag nicht ausklingen lassen!

Am nächsten Morgen zogen unsere lebendigen Plüschtiere wieder von dannen und wir genossen die friedliche Stimmung des Dorfes, bis wir den Absprung schafften und aus dem Zimmerchen auszogen. Und wer kam auf der Gasse zum Abschied angerannt? Unsere beiden Kuscheltiere! Kostas war in der Kirche singen, es war Sonntag und unser letzter Tag im Land. Zum Frühstück kehrten wir wieder in der Dorftaverne ein und bekamen ein typisch zypriotisches Frühstück serviert: rote Tomaten, Gurken, Halloumi, Brot mit Olivenöl und Oregano, Oliven, dicke Scheiben Speck, grobe, dunkle Bratwurst und eine Art „Kassler“ Fleisch, würzig angebraten. Dazu „zypriotischer“ Kaffee, Wasser und Zitrone. Perfekt!

Wir kurvten mit der „Piepsmaus“ (dem ewig piepsenden Mietwagen) weiter durch die Berge zu einer weiteren Scheunendachkirche. Als wir bei der Kirche Panagia tis Asinou ankamen, strömte gerade eine Taufgesellschaft auf den Parkplatz und die Damen in High Heels mit Pfennigabsätzen hatten sichtlich Mühe auf dem uralten Pflaster aus runden Kieselsteinen.

Die Kirche selbst ist innen gigantisch bemalt und erinnerte uns sehr an Armenien. Die alten Kirchen und Klöster dort sind natürlich größer und spektakulärer, aber genauso komplett ausgemalt wie hier. Der Pfarrer erklärte anderen Besuchern einiges auf Griechisch, aber da wir das nicht verstehen, fragten wir Wikipedia, das funktioniert auch ganz gut.

Baum statt Kirchturm!

Dabei hätten wir es eigentlich belassen sollen, doch es war nicht mal Mittag und unser Flieger ging erst gegen Mitternacht (kein Land ist restriktiver mit Nachtflugverboten wie Deutschland) und so lag noch ein fast kompletter Tag vor uns. Da uns die Küste wegen der vielen, rot verbrannten und leicht (wenn überhaupt) bekleideten Briten (aus Liverpool, Leeds und anderen Städten, in denen besonders schlechte Tätowierer arbeiten und die Küche augenscheinlich nur aus Fett und Zucker zu bestehen scheint) nicht gefallen hatte, wollten wir in den Bergen bleiben.

Doch es war Sonntag. Und den Zyprioten ging es wohl wie uns: bloß weg von der (Süd-) Küste, ab in die Berge! Das führte dazu, dass alle Berg“dörfer“ und Örtchen, die wir noch auf der „Liste“ hatten, komplett zugeparkt waren, es sich staute und die Tavernen vor Ausflüglern barsten. Wir unternahmen zwei Versuche in zwei verschiedenen Orten und gaben auf: zu voll für uns!

Jan traf die Entscheidung, zurück an den Kiesstrand des ersten Tages zu fahren und da die Zeit abzusitzen, bis der Flieger ging. Wir hätten noch ewig in dem Zimmerchen auf dem Dorf bei Kostas bleiben können, aber sonst sehnten wir uns weg. Ja, es gibt hübsche Buchten im Land. Aber die gibt es in Griechenland, Türkei und Bulgarien auch und da stimmt für uns das „Drumherum“ (Essen, Authentizität) mehr als auf Zypern. Ja, Zypern hat Klöster und Kirchen, aber wir waren halt schon in Armenien, dem ältesten christlichen Land der Welt und wer mal in Bulgarien war, kennt tollere Klöster. Ja, es gibt auch griechische, römische und neolithische Ausgrabungsstätten, aber gegen Griechenland, Tunesien und Italien sind die auf Zypern halt auch… nicht die 7,50€ Eintritt wert. Zypern hat es einfach nicht geschafft, uns zu begeistern. Ein „durchschnittliches Land“, aber das kann man nur für sich ganz persönlich ausmachen, wenn man mal da war.

Oleander als Zierpflanze: die einzigen Farbtupfer. 🙁

Die von uns zur selben Jahreszeit in Griechenland, Tunesien, Türkei und Bulgarien geliebten Blumenwiesen mit Klatschmohn und Margeriten gibt es auf Zypern auch nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es ein besonders trockener Winter war, denn überall sah es eher nach „September“ und nicht nach „Mai“ aus: verdorrtes, braunes Gras, nackte Hänge, kahle Flächen. Ist es der Klimawandel oder normal so? Wir wissen es nicht, die Stauseen waren zumindest fast leer.

Wir schauten den Surfern zu und bestellten bei den Kellnern aus afrikanischen Heimatländern (sehr authentisch, inklusive unverständlichem Muttersprachler-Englisch Westafrikas!) Abendessen und bekamen matschige Pommes und orangefarbene Tomaten zu zu Brei gebratenem Fisch serviert. Es fühlte sich ein wenig wie ein „Arschtritt“ an: ab nach Hause!

Newcastle, Cardiff, Belfast, London, London, Newcastle, Birmingham, Leeds, Glasgow, Manchester, East Midlands, Bristol,…

Eine SMS poppte auf: der Flug war eine Stunde verspätet. Wir brachten die „Piepsmaus“ zurück und quälten uns durch das Getümmel am Flughafen voll Leute, mit denen wir nicht freiwillig urlauben würden. Kaum einer hatte eine gesunde Hautfarbe, wir sahen ernsthafte Verbrennungen auf Rücken, Schultern, Nasen und bemitleideten die Kinder, die teils auch rot geröstet die Heimreise antraten. Wir „hatten fertig, Flasche leer“. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, werden wir bestimmt noch in den türkischen Teil der Insel fahren. Die meisten, die dort waren, bestätigen unsere Vermutung, dass es dort ganz anders sei, als im „richtigen“ Zypern. Auf jeden Fall ohne „fehlfarbene Nordeuropäer“ in Tigerlilly-Outfits.

Wir landeten aufgrund der Verspätung nach kurzer Flugzeit erst um 2:30 in Sofia mit dem voll ausgebuchten Flieger, in dem niemand einen Sonnenbrand hatte. Das Angebot von WizzAir, für 100€ Entschädigung auf den nächsten Flieger umgebucht zu werden, hatten wir ausgeschlagen. Nach dem Ausschlafen begrüßte uns Bulgarien mit strahlend grünen Wäldern vor blendend weißen Bergen und mit tiefdunkelroten, hocharomatischen Tomaten. in Bulgarien ist es doch am schönsten!

Und weil das immer mehr Menschen selbst herausfinden möchten, freuen wir uns jedes Jahr über Besuch. Die ersten Besucher diesen Sommer waren Sonja und Claudio vom Pegasoreise Podcast, mit denen wir zusammen mit Motorrädern unterwegs waren. Während Ihr das hier lest, sitzt unsere Freundin Eva, mit der wir letzten Sommer zusammen auf den Färöer waren, bei uns am bulgarischen Küchentisch.

Wie lange wir hier „Regenzeitpause“ machen? Wahrscheinlich bis Juli. Dann geht es mit dem vormontierten Top End des Motors für die Honda CRF300L zurück nach Kamerun: neue Abenteuer im Kongo warten schließlich auf uns. Und da diese mit „Wasser“ zu tun haben, können wir diesmal nicht ganz darauf warten, bis die Regenzeit komplett vorbei ist. Seid gespannt, ich bin schon richtig „heiß“ auf das, was sich für mich ein wenig als das „letzte Abenteuer dieser Erde“ anfühlt, weil wir Ende des Jahres ins südliche Afrika kommen und dort das süße Urlauberleben beginnt – oder zumindest möglich ist: mit Strom, sauberen Betten, fließend Wasser und auch besserem Essen als in West- und Zentralafrika. Gemischte Gefühle, aber das ist ja noch eine Weile hin.

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