Es ist keine 2 Wochen her, dass wir Yazd verlassen haben und es ist so viel passiert, dass ich das in drei Beiträge fassen werde, die Ihr über die Weihnachtsfeiertage vorm Weihnachtsbaum lesen könnt. Bevor es für Euch mit aktuellen Erlebnissen los geht, zeigen wir Euch noch das Video von Kashan und der unterirdischen Stadt Nushanbad. Jans Laptop war ja vorübergehend “verloren” und so reichen wir Euch in diesem Blogbeitrag gleich zwei Videos nach:

Yazd war für uns eher ein Bürostopp als ein Besichtigungsstopp, auch wenn wir uns einiges angeschaut haben, lag der Fokus voll auf Büro- und Organisationsarbeit. Wie schon erwähnt, wollten wir ursprünglich über Saudi-Arabien weiter reisen, doch seit den Dummheiten in Istanbul gibt es keine Visa mehr. „Vielleicht im Frühling wieder“, doch mit „vielleicht“ können wir nicht planen. Es machte für uns daher keinen Sinn, mit den Motorrädern wie geplant nach Dubai zu reisen, von wo aus wir Ende Januar in Heimaturlaub fliegen. In Dubai war die Unterkunft für die Motorräder schon geregelt. Doch nun?

Die Motorräder trotzdem mit nach Dubai zu nehmen, kostet uns 2000€ für die Fährfahrten. Unnötig, wenn die Motoräder in Dubai nur parken sollen. Außerdem ging durch die Änderung der Route unser Plan mit dem Carnet de Passage nicht mehr auf. Laut dem darf ein Fahrzeug nur maximal 6 Monate in einem Land verbleiben. Weil wir aber die Motorräder nun im Iran lassen, überschreiten sie ihre maximal erlaubte Aufenthaltsdauer UND das Carnet de Passage läuft während des Aufenthaltes ab – denn das wollten wir ursprünglich in Deutschland neu ausstellen lassen. Eine etwas verzwickte organisatorische Lage, doch wir haben die Herausforderung gelöst. Wie, das lest Ihr auf unserer Webseite in einem separaten Artikel, denn nicht jeder hier interessiert sich für Papierkam, richtig?

Nach Tagen der Organisation steht nun fest: die Motorräder bleiben bis wir Mitte März zurück in den Iran kommen auf Qeshm, einer Insel und Freihandelszone im Persischen Golf. Wir fliegen am letzten Tag unseres Iran-Visums von der Insel aus nach Dubai, wo Jan auf mich wartet, während ich schnell in die Mongolei fliege, einen Container voll Jurten auf den Weg bringen. Dann fliegen wir wie geplant ab Dubai zu Kittymobil nach Bulgarien und sind bis Mitte März in Europa unterwegs. Den Heimaturlaub zur goldenen Hochzeit von Jans Eltern finanzieren wir durch eine Reihe von Multivisionsshows unserer EISREISE in Friedrichshafen, Luzern, München, Schwäbisch Gmünd, Kelkheim im Taunus, Dockweiler in der Eifel, auf dem Ellenbogen in der Rhön, Braunschweig und in Berlin. Mitte März kommen wir dann zurück auf die Insel Qeshm und reisen mit den bis dahin gut erholten Motorrädern weiter durch den Iran.

Neben der ganzen Büroarbeit haben wir in Yazd auch ein paar Sehenswürdigkeiten kennen gelernt. Besonders beeindruckt hat uns das Wassermuseum. Klingt zunächst banal, doch in den zwei unterirdischen Geschossen eines Palasthauses lernten wir, wie im Iran Wüstenstädte wie Yazd mit Wasser versorgt werden. Dazu werden in den umliegenden Bergen Löcher in die Erde gegraben, welche als sogenannte „Mutterbrunnen“ Wasser liefern. Von dort aus werden dann „Qanat“ Kanäle Richtung Siedlung gegraben, welche idealerweise bei geringem Gefälle der grundwasserführenden Schicht folgen. Diese Qanats haben „unterwegs“ viele Zugangsschächte, in die Menschen in die Qanats hinab steigen, um diese fortlaufend von Sedimenten zu befreien. Je mehr Qanats auf eine Siedlung zulaufen, desto mehr Wasser kann dort genutzt werden. Damit jeder gleich viel Wasser nutzen kann, wurde die Zeit, die das Wasser in die hauseigene Zisterne, durch die Felder oder Gärten läuft, mit einer Wasseruhr gestoppt.

Die Qanats sind ein bis heute aktives System, welches auch Wüstendörfer oder Karawansereien mitten in der trockensten Steinwüste mit Wasser versorgt. Wir konnten das beim Wüstenfort des Rallyecamps in der Wüste Maranjab und der Karawanserei in der Varzaneh Wüste eindrucksvoll erleben, wie dort frisches, klares Bergwasser aus den Kanälen quillt. Und in einem Bergdorf, in dem wir eine magische Nacht erlebten…

Doch bevor wir Yazd verließen, tauchten wir dort noch ein, denn obwohl wir die meiste Zeit des Tages an unseren Laptops saßen, bot uns unser Gastgeber Mohsen immer wieder die Gelegenheit, seine Stadt nicht als Tourist kennen zu lernen, sondern tief einzutauchen und Dinge abseits des Reiseführers kennen zu lernen. Nicht nur, dass er abends auf dem traditionellen Instrument „Tar“ spielte und mit seiner Tochter dazu sang, eher durch Zufall ließ er uns am iranischen Alltag teilhaben.

Einmal fuhr ich mit seiner Frau, Leila, in ein Wohngebiet am Stadtrand, wo sie mich in einen von außen unscheinbaren Betonklotz führte. Darin verbarg sich ein mehrstöckiger Schönheitssalon, in dem alles angeboten wurde, was frau so „braucht“, um schön zu sein. Alle Frauen liefen dort ohne Kopftuch herum und es war ein Gegacker, Geschnatter und Gekicher wie auf dem Hühnerhof! Und alle wollten Fotos mit mir machen, bewunderten meine Haare und meine blauen Augen. Ich selbst durfte keine Fotos machen, denn darauf würde man die Frauen ja ohne Kopftuch sehen…

An einem Abend liefen wir zum Abendessen zu einem von Mohsen empfohlenen Restaurant, als wir auf dem Weg dorthin an einer Art traditionellem Sportstudio für Männer vorbeikamen. Wir linsten durch die gläserne Eingangstür und wurden sofort hinein gewunken. Das Training ginge gleich los und wir sollten Platz nehmen. Und so saßen wir dann 1,5 Stunden am Rand einer Art Schwimmbad ohne Wasser und beobachteten, wie darin Männer ein ganz spezielles Krafttraining ausübten.

(das ist ein Video, wenn Ihr auf das Bild klickt, bewegen sich die Männer und Ihr hört die Musik) 🙂

Wir waren in einem „Krafthaus“ (Zurchaneh) gelandet, welche es seit vorislamischer Zeit im Iran, Aserbaidschan, Irak, Türkei und Afghanistan gibt. Trainiert wird in der poolähnlichen Grube, über der auf einer Art Empore ein Musiker mit Gesang, Trommel und Glocke Musik macht, nach der sich in der Grube die Männer bewegen. Alle Männer tragen gleiche, reich bestickte Hosen und rufen dem Musiker manchmal rhythmisch Verse zu. Eigentlich wird mit nacktem Oberkörper trainiert, aber im Iran ist das seit der islamischen Revolution verboten.

(Auch das ist ein Video. Ihr wisst schon: aufs Bild klicken und Augen und Ohren auf machen 🙂

Das Training beginnt mit einer Art Liegestütze, Springen, Drehungen, Hüpfen und Armübungen. Kleine Jungen und alte Männer trainieren alle zusammen und irgendwie weiß jeder, was wann zu tun ist, obwohl niemand Anweisungen ruft. Nach dem Training ohne Geräte werden riesige Holzkeulen geschwungen, die es in jeder Größe gibt – bis zu 40kg schwer!

Jetzt sollte klar sein: beim Draufklicken auf das Bild öffnet sich ein… Video! 🙂

Wem dann noch nicht die Puste ausgegangen ist und wem noch nicht die Arme abgefault sind, der macht weiter mit bogenförmigen Metallstangen, an denen schwere Eisengewichte hängen. Diese werden im Rhythmus über dem Kopf geschwenkt, sodass es laut scheppert. Am Ende sprechen alle noch Verse im Chor, dann ist das Training beendet.

Wir wissen, dass es in Yazd ein solches „Krafthaus“ gib, in das Touristen gehen und wo Eintritt genommen wird. Da wollten wir aber bewusst nicht hin und waren wie beseelt, das „Zurchaneh“ trotzdem erlebt zu haben und das auf Einladung spontan und nicht gegen Eintritt inszeniert.

Yazd ist eine touristische Stadt und so gibt es rund um die Sehenswürdigkeiten auch ziemlich touristische Restaurants, in denen sich Ausländer brav an Tische setzen und still ihr ewig gleiches Essen vertilgen. Mohsen jedoch hatte uns in ein traditionelles Restaurant geschickt, in dem es weder Tische noch Ausländer gab. Dafür aber super Stimmung und Lifemusik! Wir landeten mitten im Trubel, jedes Holzpodest war besetzt von spachtelnden, singenden und klatschenden Gästen, die keine Hemmungen hatten, das vom Sänger herumgereichte Mikrofon anzunehmen und laut weiter zu singen. Kinder rannen herum (und fielen in das traditionelle Wasserbecken in der Mitte des Hofes), es wurde gefeiert, obwohl es außer einem Kindergeburtstag in einer Sitznische eigentlich nichts zu feiern gab. Wir aßen Lammnacken weich wie Butter und dazu Kichererbseneintopf, löffelten Safran- und Rosenwasser-Eis hinterher und ließen uns mitnehmen und tragen von der Stimmung, sogen sie auf und waren einfach nur glücklich, uns mal wieder genug Zeit genommen zu haben, um solche Erlebnisse genießen zu dürfen statt Sehenswürdigkeiten abzuhaken.

Ein weiterer Grund für unseren längeren Aufenthalt in Yazd war, dass wir auf unsere Permits für die Wüste Lut warten mussten. Wer nicht nur entlang der Asphaltstraße vergleichsweise unspektakuläre Felsformationen knipsen möchte, sondern tief in die Wüste Lut hinein will, der braucht eine spezielle Genehmigung. Und dafür braucht man eine ID Nummer, welche aus irgendeinem Grund nur Jan zugeteilt bekommen hatte und ich nicht. Endlich bekamen wir das o.k., die Nummer sei erteilt, unsere Permits in Bearbeitung und wir könnten uns auf den Weg Richtung Wüste Lut machen.

Wir hatten geplant, die knapp 500km bis Mahan in zwei Tage aufzuteilen. Mohsen hatte zum Abschied noch ein Bonbon für uns: er kenne da in einem Bergdorf eine Familie, die vermiete Zimmer. Ob er dort anrufen solle? Warum nicht! Wir wollten sowieso nicht die Hauptstraße fahren, da das im Iran immer „Autobahn geradeaus“ bedeutet.

So kurvten wir bald auf schönen Straßen Richtung Berge und verließen am späten Nachmittag den Asphalt, um auf einer spektakulär schönen Schotterstraße einen kleinen Bergpass zu nehmen. Die Steine glühten goldrot im weichen Licht und wir flogen schneller über die Steine, als wir sonst über Asphalt gleiten. Fahrspaß pur!

Das Bergdorf lag 15km abseits der Straße in einer Sackgasse. Nur Lehmbauten inmitten von rotgolden glühenden Felsen. Wir hatten keine Adresse, sondern nur eine vage Wegbeschreibung. Die brauchten wir aber gar nicht, denn sobald wir mit unseren Einzylindern vorsichtig ins Dorf rollten, strömten alle Kinder zusammen und wiesen uns den Weg zur Unterkunft. Dort wurden wir schon erwartet und durften unsere Motorräder neben dem Dorfteich parken, in dem, auch durch ein unterirdisches Qanat System, kristallklares Bergwasser sprudelte.

Unsere Unterkunft war ein Zimmer in einem Lehmhaus. Das Feuer in unserem Zimmer brannte schon, kaum hatten wir die Stiefel ausgezogen, wurde uns Tee gereicht. Dazu gab es zwei Schalen mit Pulver. Ein Pulver war braun, eins gelb. Niemand im Dorf sprach Englisch und so bekamen wir mit unseren mittlerweile gelernten drei Brocken Farsi heraus, dass es ein süßes Pulver sei, welches man zu Tee löffelt, es aber nicht in Wasser auflöst, sondern im Mund. Aha!

Jan mochte das gelbe Pulver, ich das braune. Was es ist, wissen wir immer noch nicht. Ich schätze, es handelt sich um Mehl mit Puderzucker und bei der braunen Variante vielleicht geröstetes Mehl mit Kardamom und bei der gelben Variante Weißmehl mit Safran und gemahlenen Blütenblättern? Egal was, Hauptsache: lecker!

Im Dorf gab es ein Badhaus für alle: zwei Toiletten, eine Dusche, fließend Wasser und ein Boiler. Mussten wir auf Toilette, schlappten wir also am Dorfteich vorbei zum Badhaus vor der winzigen Moschee. Allein der Klogang wurde so schon zum besonderen Erlebnis! Das fließende Wasser im Haus gab es aus einem Wasserkanal, der vom Dorfteich aus in die Häuser geleitet wurde. Direkt vor unserem Zimmer floss das Wasser vorbei.

Nach dem leckeren Abendessen rollten wir unsere Schlafmatten vor der Feuerstelle aus und lagen beim Knistern des Feuers einfach nur da und genossen unser Glück. Das sind die Erlebnisse und Unterkünfte, die wir lieben! Doch beim Einschlafen wussten wir noch nicht, welch magische Nacht es sein würde…

Der Wecker klingelte um 0:30 und wir zogen uns an, um auf das runde Lehmdach des Hauses zu klettern. Die Geminiden, ein Sternschnuppenschwarm, prasselte in dieser Nacht auf die Erde. Und wir waren in den Bergen auf 2100m, fernab jeglicher Lichtverschmutzung und legten unsere Köpfe in den Nacken, um nach Sternschnuppen Ausschau zu halten. Es dauerte keine Minute, da rauschte die erste riesengroß an uns vorbei. WOW! Jeder von uns wünschte sich etwas. Zack! Die nächste Sternschnuppe. Schnell noch ein zweiter Wunsch. Husch! Die dritte Sternschnuppe! Da hatte ich noch einen Wunsch für jemand anderes übrig. Und dann kamen wir mit dem Zählen nicht mehr hinterher. Da wir beide wunschlos glücklich sind, standen wir einfach nur da und genossen das Himmelsschauspiel. Nach 30 Minuten war uns eiskalt, sodass wir wieder vom Dach herunterkletterten. 32 Sternschnuppen haben wir in der halben Stunde gezählt – und das waren auch nur die, die wir gesehen haben! Was für ein Zauber, mitten in den Bergen den Sternschnuppenregen zu sehen, eine magische Nacht vor unserer Feuerstelle im Lehmzimmer… (Foto gibt’s kein echtes, wir haben das Fotografieren gelassen und uns auf den Moment konzentriert)

Wir krochen erst wieder unter unseren Plüschdecken hervor, als das Feuer wieder richtig wärmend brannte. Zum Frühstück gab es Topinamburknollen, heiße Milch, Eipfanne mit Tomate und „scharf“, Datteln und undefinierbares kandiertes Gemüse oder Obst. Auf dem Weg von Badhaus wurden wir von der Dorfgemeinschaft abgefangen. Einer wollte zwei grüne Kabelbinder haben. Ein anderer wollte wissen, wo unsere Familie sei. Was wir arbeiten. Woher wir kommen. Wohin wir fahren. Auch ohne Internetempfang und google Translate gelangen Gespräche, denen sogar der Taubstumme des Dorfes folgen konnte, denn wir malten und schrieben alle zusammen in den Staub.

Unser Gastgeber wollte mit uns in die Berge laufen, sein Nachbar uns zum Tee einladen, die Frau schälte schon Auberginen fürs Mittagessen für uns – und wir, wir hatten keine Zeit. Wir waren darüber sehr unglücklich, denn genau das ist das, was uns niemals passieren sollte! Wunderbare Erlebnisse nicht zu erleben, weil wir weiter müssen. Doch wir hatten eine mehrtägige Tour in die Wüste Lut gebucht und mussten an diesem Tag noch bis Mahan fahren. Mit etwas gebrochenen Herzen packten wir unsere Sachen und sattelten auf.

Bevor wir fuhren, bereitete unser Gastgeber noch eine Zeremonie für uns, mit der er unseren Weg segnete und uns für die Weiterreise Glück wünschte. Dazu stellte er ein Glas Wasser auf ein Tablett und legte den Koran daneben. Er sprach etwas, dann mussten wir unter dem Tablett hindurch laufen und jeder den Koran küssen und an die Stirn halten. Dann schüttete er das Wasser aus dem Glas in den Hof und wir fuhren los mit dem Gefühl, durch unsere Abreise wirklich etwas verpasst zu haben.

Was Ihr noch verpasst habt, ist das Rallyevideo unserer spontanen Teilnahme an einer Wüstenrallye vor fast drei Wochen:

Ich hoffe, wir konnten Euch in all Eurer Weihnachtshektk ein paar ruhige Minuten beim Lesen des Beitrages und schauen der Videos verschaffen. Zündet die vier Kerzen vom Adventskranz an und lasst den Tag entspannt ausklingen!