In den letzten Tagen (oder Wochen?) habt Ihr uns immer wieder lieb gefragt, wie es uns geht und ob es in hier Usbekistan auch „sowas wie Kontaktverbot“ gibt. Wir dachten, wir fassen das mal für Euch zusammen, damit Ihr einen Eindruck davon bekommt, wie es in anderen, von den „Westmedien“ weniger wahrgenommenen Ländern, gerade aussieht.

In unserer wirklich schönen AirBnb Wohnung haben wir alles, was wir brauchen – und noch viel mehr! Als „Vanlifer“ ist das größte Plus gegenüber unserem Haus auf Rädern die Waschmaschine. Und da wir ja nur mit Handgepäck hier hängen geblieben sind, läuft die Maschine auch regelmäßig. Wir verlassen die Wohnung nur sehr selten, denn es besteht auch hier eine Art Ausgangssperre. Der Gang zum Müllcontainer und der Einkauf auf dem Markt sind die einzigen Ausnahmen, zu denen wir die Wohnung verlassen.

Ratlos: wie isst man Eiscreme mit Maske?

Wenn wir die Wohnung verlassen, dann nur mit Maske, denn die ist hier verpflichtend, da man hier davon ausgeht, dass unwissentlich infizierte Menschen auf diese Art gesunde Menschen vor Ansteckung schützen können, da beim Niesen oder Husten die Tröpfchen nicht weit kommen – und man folglich auch nicht in Hände husten oder niesen kann, mit denen man danach Türgriffe oder Einkaufswagen anfasst. Hier gibt es Masken diverser Art in großer Auswahl zu kaufen. Die meisten Menschen tragen die Baumwoll-Variante zum Auskochen (für 1,80€/Stück), unsere lieben Vermieter haben uns mit „Modell Panzerknacker“ versorgt. Dass das Tragen von “Masken für alle” wirklich sinnvoll ist, hat die Uni Weimar längst bewiesen. Der Unterschied liegt zwischen 2m (ohne Maske) bis 20cm (mit Maske) beim Husten. Schaut Euch dieses Video an: Studie der BAUHAUS Universität Weimar

In der Stadt gibt es seit dem 15.3. keinen ÖPNV mehr, denn es macht ja keinen Sinn, den Menschen zu verbieten, mit mehr als 2 Personen aus dem Haus zu gehen, sie dann aber in Metro und Busse zu pferchen. Richtig so! Alle Arbeitnehmer sind im Homeoffice und wer kein Internet daheim hat, muss für die ersten drei Monate dafür auch nicht bezahlen. Internet bekommt man hier ganz schnell, indem man einfach einen Router für mobiles Internet kauft und 10 Minuten später in den eigenen vier Wänden los surft.

Medizinisches Personal ist natürlich nicht im Homeoffice, sondern wird im 14-Tage-Turnus eingesetzt. So ist sichergestellt, dass das Personal nicht zusätzlich zur Verbreitung des Virus beiträgt. Weil ja kein ÖPNV mehr fährt, stellt die Stadt desinfizierte Personalbusse zur Verfügung, die zu den medizinischen Einrichtungen der Stadt fahren. Wer im medizinischen Bereich arbeitet, erhält je nach Beruf, 200 – 700€ Bonus pro Monat vom Staat, der erkannt hat, dass Klatschen keine Teller füllt. Und das ist für usbekische Verhältnisse ganz schön viel Geld extra!

Es haben nur noch Supermärkte, Lebensmittelmärkte und Apotheken geöffnet und wer im Supermarkt einkaufen möchte, muss Einweghandschuhe tragen. Am Eingang bekommt jeder Kunde ein Paar ausgehändigt, damit keine Virenpfoten die Produkte des Supermarktes „verseuchen“ können. Jeder trägt Masken, sodass das Infektionsrisiko im Supermarkt (und auch so) sehr gering ist. Zusätzlich wird penetrant alles mit Chlor desinfiziert. Bezahlt werden soll bitte unbedingt kontaktlos mit Handy, denn Bargeld und Kartenlesegeräte soll keiner mehr anfassen. Nun, so weit sind unsere EU Kreditkarten noch nicht, wir zahlen mit Bargeld – und entsorgen die Einweghandschuhe sofort danach.

Unsere Vermieter fanden es ziemlich komisch, dass wir noch selbst einkaufen, denn schließlich liefern die Supermärkte ja auch? Wir waren gespannt und haben es ausprobiert: ein sehr gut gestalteter Onlineshop samt Handy-App und frei wählbare Liefertermine, die nicht erst in 14 Tagen liegen. Für frisches Obst und Gemüse oder Brot nutzen wir noch den Bazar oder Tante Emma Laden um die Ecke, aber Milch, Müsli, Wasserflaschen und andere verpackte Lebensmittel kommen nun einfach an die Wohnungstür. Übrigens: Hamsterkäufe gibt es hier auch nicht. Alle kennen die Bilder aus Deutschland mit dem Klopapier, aber keiner versteht, warum. Wir auch nicht.

Google Translate wirkt Wunder 🙂

Die Regierung hält ihre Bürger über eine staatliche Telegram Gruppe auf dem Laufenden, denn ständig gibt es Neuigkeiten: die Städte sind mittlerweile abgeriegelt, es gibt keine Züge oder Busse mehr zwischen den Städten und auch der private Fahrzeugverkehr innerhalb der Stadt ist nur noch in bestimmten Ausnahmefällen erlaubt. Jans Handy piepst zwar bis zu 20 Mal am Tag, weil es neue Informationen vom Staat gibt, aber wir sind froh, dass es das System gibt. Unsere Botschaft nämlich, von der wir erwartet hätten, uns über wichtige Gesetze wie die Verlängerung unseres Visums, die „Maskenpflicht“ oder das Kontaktverbot (über das E-Mail System ELEFAND) zu informieren, verrät uns nämlich gar nichts. Lediglich der nette Bundespolizist von der Pforte schickt uns gelegentlich eine nette, private Mail, in der er „Vermutungen“ mitteilt. Warum die Botschaft weder die Telegram Informationsmöglichkeit oder die staatliche Webseite zum Thema nutzt, ist uns schleierhaft. Übrigens betrifft das nicht alle deutschen Auslandsvertretungen: in Peru beispielsweise kommuniziert die deutsche Botschaft mit ihren Bürgern absolut vorbildlich.

Die Strafen hier sind hoch und wirklich abschreckend: ohne Maske vor die Tür: 110$. Jemanden „zufällig“ anstecken, weil man keine Maske getragen hat: 5-7 Jahre Knast. Jemanden mit Absicht anstecken: 7-10 Jahre Haft. Klingt krass, aber wirkt. Auch Kinder tragen Masken – wenn auch manchmal unterm Kinn, bis Mutti alles wieder zurecht zupft.

Schulen, Kindergärten und Universitäten sind seit dem 16.3. geschlossen, alles läuft online. In einem Fernsehbericht wurde gezeigt, wie das mit ganz einfachen Mitteln geht: der Lehrer positioniert sein Handy vor dem Lehrerpult und unterrichtet vor leerem Klassenraum ganz normal an der Tafel. Die Kinder sitzen daheim an PC oder Handy und machen mit. Ich lerne seit 10 Tagen auch online mit privater Lehrerin Russisch und merke selbst, wie gut das klappt!

Wann wir wieder zurück nach Kasachstan zu unserem VW Bus Kittymobil und damit weiterreisen können? Wir wissen es nicht. Es muss ja nicht nur Kasachstan, die alle ihre größeren Städte komplett abgeriegelt und unter extrem kontrollierte Ausgangssperre gestellt haben, die Grenzen öffnen, auch Usbekistan muss wieder die Grenztore aufschließen. Aber das macht nichts, denn Unterkünfte sind hier weiterhin geöffnet, Ausländer dürfen bleiben und uns geht es hier ja auch wirklich gut. Seit Mitte März gibt es hier keine Flüge mehr. Weder Ankunft noch Abflug, ganz konsequent. Den Coronavirus hat man importiert und diese Infektionsquelle sofort abgestellt.

Auch bevor Flughäfen und Bahnhöfe geschlossen wurden, gab es in Usbekistan und angrenzenden Ländern strikte Maßnahmen. Nachdem die WHO Ende Januar den Gesundheitsnotstand ausgerufen hatte, durfte man nach Kasachstan z.B. nur noch dann ohne Quarantäne einreisen, wenn man aus „coronafreien“ Ländern kam. Reisende aus Ländern wie China durften nirgends mehr einreisen, aus anderen Risikoländern (Deutschland, Italien, Iran,..) musste jeder Flugpassagier zwei Wochen in Quarantäne. Die haben sich natürlich über diese „Einzelhaft“ wie verrückt beschwert, aber dass es dazu kommen würde, war allen vor Abflug bekannt. Auch wir fanden es im Februar etwas „übertrieben“, dass noch im Flieger aus Istanbul Fieber gemessen wurde und wir „Einreisekärtchen“ ausfüllen mussten. Kinos wurden geschlossen, Großveranstaltungen verboten. Mitte Februar. Heute wissen wir: „übertrieben“ war „genau richtig“!

Nach Deutschland reisten bis heute 160.000 Deutsche aus z.T. vom RKI als „Hochrisikogebiete“ eingestuften Ländern mit den „Rettungsfliegern“ ein und dürfen ohne Auflagen wie Quarantäne oder Test direkt am nächsten Tag zur Arbeit – am Besten mit dem ÖPNV, um möglichst viele zu infizieren. Nur der Flieger aus Wuhan, zu Beginn der Epidemie, musste zwei Wochen in Quarantäne. Erinnert Ihr Euch? Später war es egal, alle waren ohne jegliche Vorsichtsmaßnahmen willkommen. Auch aus Regionen wie Italien oder dem Iran (Hier nochmal für alle, die es nicht glauben, das Video vom WDR Migrantensender), die Wuhan schon längst übertroffen hatten. Aber wir dürfen Deutschland ja nicht kritisieren.

In Kasachstan und Usbekistan werden Straßen mit großen „Sprühfahrzeugen“, öffentliche Orte wie Bahnhöfe, Einkaufszentren, Banken, Postfilialen und Gegenstände wie Automaten, Fahrzeuge, Geländer, Aufzüge etc. mit Drucksprühern desinfiziert. Um eine Mall (in der nur noch Essenslieferdienste und der Supermarkt geöffnet haben) zu betreten, muss man sich unter Polizeiaufsicht Fieber messen lassen und gründlich die Hände desinfizieren. Solange Taxis noch gefahren sind, wurden diese auch mehrmals täglich staatlich desinfiziert und danach zertifiziert. Ja, ist schlecht für die Umwelt, sagt man in Europa. Aber da gibt’s ja kein Desinfektionsmittel… Masken, sagt man in Europa, sind auch sinnlos. Aber da gibt’s ja auch keine…

Grüße aus Sofambik – warum springt Ihr alle noch draußen rum?

Natürlich gibt es in Deutschland mehr Intensivpflegeplätze als in Usbekistan. Aber in Deutschland gibt es auch viel mehr Infizierte und viel mehr Möglichkeiten, sich anzustecken. Während ich diese Zeilen hier schreibe, sind es in Usbekistan rund 150 Infizierte, in Deutschland 66.000. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Zahlen genauso glaubhaft sind wie die vom RKI, an die Ihr glaubt. Länder, die den Virus ziemlich offensichtlich verheimlichen, gibt es natürlich auch: Turkmenistan und Tajikistan (obwohl auch diese Länder seit Wochen extrem strikt Einreisen aus dem Ausland unterbinden). Und vielleicht, nachdem Ihr nun gelesen habt, was hier seit 2 Monaten (!) für Maßnahmen ergriffen werden, glaubt Ihr auch, dass das weniger mit „wenig/falsch/unzureichend getestet“, sondern mit „hart und erfolgreich re(a)giert“ zu tun hat. Auch Usbekistan weiß natürlich, dass die Zahlen steigen werden und es wird gerade ein neues „Blitzkrankenhaus“ gebaut, für das sich schon (in der Telegram Gruppe) Ärzte gemeldet haben. Da das Durchschnittsalter hier bei rund 23 Jahren (!) liegt, geht man sowieso von einem wesentlich weniger tödlichen Verlauf aus.

Da Flughäfen und Grenzen zu sind, gibt es natürlich auch keine Chance für Ausländer, Usbekistan (und andere angrenzende Länder) zu verlassen. Die Visa und Aufenthaltsgenehmigungen wurden ganz unkompliziert automatisch verlängert. So harren wir nun ganz entspannt der Dinge. Letzte Woche hatten Europäer die Möglichkeit, in einen Spezialflieger von Uzbekistan Airlines einzusteigen, der nach München flog, um Usbeken aus dem Infektionsgebiet Deutschland in zwei Wochen usbekische Quarantäne zu holen. Vielleicht könnt Ihr nach dem Lesen dieser Zeilen nun verstehen, warum wir nicht in den Flieger eingestiegen sind. Ganz unabhängig vom Preis des Tickets (550$/Person) und dem Fakt, dass wir in Deutschland nicht gewusst hätten, wohin. Wir fühlen uns hier extrem sicher.

Bleibt also bitte, wo Ihr seid! Und das sind hoffentlich Eure eigenen vier Wände…Bleibt gesund! Und lasst Euch auch als Christen folgenden, 1300 Jahre alten Rat vom Propheten Mohammad mal auf der Zunge zergehen: “If you hear of an outbreak of plague in a land, do not enter it; but if the plague breaks out in a place while you are in it, do not leave that place.” (Sahih al-Bukhari 5728)

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