Unser Plan war, am Dienstag von Achalziche aus zur Höhlenstadt Varzia zu fahren und dann weiter nach Armenien, um zum Sonnenuntergang auf dem höchsten Berg Armeniens vor unserem Zelt zu sitzen. Doch dazu kam es nicht, denn es gibt Tage, an denen passiert mehr als in allen vergangenen 7 Monaten zuvor.

Es fing damit an, dass es zum Frühstück in unserer Unterkunft für jeden ein riesiges Glas Rotwein gab. Gut, dass wir daran nicht einmal genippt haben, denn das hätte die Begegnung mit der Polizei nur noch verschlimmert. Doch zunächst waren unsere Gastgeber verwirrt: „Was ist passiert? Was haben wir falsch gemacht? Wo ist das Problem?“ Es gab keins, wir wollten nur wie geplant abreisen. Aber genau das war scheinbar das Problem. Im Handyzeitalter sind aber Problemchen nur von kurzer Dauer und schnell hielt man mir ein Telefon ans Ohr. Die Stimme darin sprach fließend Deutsch und wollte wissen, was mit uns los sei. Es stellte sich heraus: statt „wir möchten insgesamt drei Nächte bleiben“ hatte die Familie „wir möchten drei Nächte zusätzlich bleiben“ verstanden. Alles gut, wir konnten abreisen.

Theoretisch. Aber Oskar stand mit einem Platten im Hof. Weil wir schon längst los gefahren sein wollten, entschied Jan, den Reifen nur aufzupumpen, damit wir losfahren konnten. Wir kamen 150m weit. Dort fuhr ich über eine durchgezogene Linie, um zu wenden. Jan fuhr hinterher. Blöderweise genau vor dem Polizeipräsidium, in dem ein Polizist nichts Besseres zu tun hatte, als am Fenster zu sitzen und per Funk seine Streifenwagen den Verkehrssündern hinterher zu schicken. Unsere Strafe für dieses schlimme Vergehen betrug 16,50€ pro Person. Kaum war das Polizeiauto weg, tauchten aus dem Nichts zwei Zeugen Jehova auf. Sie hielten mir einen Text auf Deutsch vor die Nase, der wie folgt begann: „Wir sprechen nicht dieselbe Sprache, aber in einem Punkt sind wir uns einig: das Leben steckt voller Sorge und Probleme!“. Ich musste mich sehr konzentrieren, um die beiden höflich weiter zu schicken, statt in einen Lachkrampf auszubrechen. Sehr geschickt! Ob die mit der Polizei zusammenarbeiten?

Um Korruption zu verhindern, kann man Knöllchen in Georgien nicht direkt bei der Streife bezahlen, sondern muss dazu zu einer Paybox. Bei einer Paybox kann man (fast) alles machen: Strom, Versicherungen, Steuern, Bußgelder und mehr bezahlen, Handyguthaben aufladen, Versicherungen abschließen, auf sein Wallet mit Kryptowährung zugreifen und noch mehr Finanzielles regeln. Wir hatten die Payboxen in den letzten Monaten immer genutzt, um unser Internetguthaben auf dem Handy (mit Münzgeld!) aufzuladen.

Um eine Geldbuße zu zahlen, muss man aber nicht nur die Nummer des Knöllchens angeben, sondern auch seine „persönliche Nummer“. Die haben nur Georgier und keine bösen Touristen, die über eine weiße Linie fahren. Man kann Knöllchen auch auf der Bank bezahlen, aber dort konnte man ohne „persönlicher Nummer“ auch nichts machen. Ein netter Bankkunde brachte mich zur Polizeistation. Dort saß ein dicker Polizist an der Information, dem die ganze Geschichte leidtat und der mir erklärte „Boss, window, telephone“. Er kannte das Problem mit der „persönlichen Nummer“ und brachte mich zu einer jungen Frau, die wie eine „Kinderpost“ ein Pappschild einer Bank auf ihrem Tisch stehen hatte und gegen Gebühr „Bank spielte“. Auch sie war nicht sicher, ob sie unsere Strafe ohne „persönliche Nummer“ aus dem System löschen konnte und bläute mir ein, bis zum Verlassen des Landes die Quittung unbedingt aufzubewahren. Tja, laut Plan wären wir ja um die Uhrzeit (12:30) auch schon fast außer Landes gewesen…

Also noch schnell tanken und los. Wir kamen 37km weit, dann war Jans Vorderreifen wieder platt. Es machte keinen Sinn, ihn wieder aufzupumpen. Während Jan den Schlauch wechselte, hielten ein Italiener mit einer Französin auf einem Motorrad an. Auch sie sind auf Weltreise, ihr Motto ist ökologischer Weinbau und sie besuchen Ökowinzer weltweit. Sehr nett die beiden! Schade, dass wir diesmal diejenigen waren, die keine Zeit für ein gemeinsames Mittagessen hatten, denn Pet hatte am nächsten Tag um 11 in Eriwan einen Werkstatttermin zum Reifenwechsel. Und ohne Platten und Polizei wären wir um die Uhrzeit auch sicher schon in Armenien gewesen…

Endlich schafften wir es bis zur Höhlenstadt Varzia, die wunderschön im Hang liegt. Während wir fotografierten, knatterte ein Motorrad mit Zimmermännern auf der Walz heran: ein Deutscher und ein Franzose, die sich in Georgien ein Motorrad gemietet hatten. Nach einer gemeinsamen Pause bogen wir dann endlich Richtung Armenien ab.

Der Satz, den ich über die Straße gelesen hatte „die Straße nach Armenien ist stellenweise sehr schlecht“ beschrieb nicht den tatsächlichen Zustand. Die Straße bestand nur aus tiefen Löchern mit sehr scharfen Kanten aus Asphalt. Die Autos ließen ein Rad nach dem anderen langsam von Loch zu Loch rollen, wir zirkelten um die Löcher herum oder hoben die Vorderräder über die Kanten. Jan knallte dummerweise in einem besonders blöden Loch mit dem Hinterrad so gegen die Kante, dass die Felge eine ziemlich große Delle bekam. Blöd, aber der Reifen hält noch im Felgenbett und weil sich die Delle auch am nächsten Tag in der Werkstatt nicht ausbeulen ließ, fährt nun Oskar mit einem neuen „Charakterzug“ weiter.

Endlich waren wir an der Grenze. Da wir schon einmal nach Armenien eingereist waren und auch schon unsere Versicherung abgeschlossen hatten, rechneten wir mit einem schnellen Durchlauf. Ein Auto vor uns, sonst gab es nichts auf 2100m mitten in der Steppe. Direkt am ersten Schalter hieß es, wir sollten pro Person 5500 Dram (ca. 10€) Zollgebühr zahlen. Da wir aber überall gelesen hatten, dass man das für ein Motorrad nicht muss und das auch beim letzten Mal nicht zahlen mussten, wollten wir natürlich auch diesmal nicht zahlen. Die Schalterdame log herum, zeigte Papiere auf Armenisch mit irgendwelchen anderen Zahlen, präsentierte ihren Kollegen als „Zollchef“ und verweigerte ihren Namen, aber wir blieben standhaft, bis wir vom Chef des Zolls ins Büro gebeten wurden. Wir wollten das Gesetz sehen, aus dem diese Gebühr angeblich hervorging. Das hatte der Mann auf seinem PC, kopierte den Text in google translate – und staunte dann selbst, während wir die englische Übersetzung studierten. Während der sich nun anschließenden, stundenlangen Diskussion setzte er sich plötzlich auf unsere Seite und verkündete, er sei unser Freund und sehe das wie wir. Leider sahen das alle Anwesenden im Raum anders, denn es sei ja schließlich „schon immer“ so. Dass der größte Grenzübergang des Landes das auch anders sah und die Interpretationslage des Gesetzes im eigenen Lager bröckelte, interessierte nicht. Nach etwa drei Stunden bot einer der uneinsichtigen Zöllner an, einen Großteil der Gebühr selbst zu zahlen. Vielleicht ist ihm das genug Anreiz, um selbst in Eriwan beim Amt anzurufen (das sollten wir zunächst selbst machen, sagte er) und zu fragen, warum das an anderen Grenzen des Landes anders gehandhabt wird…

Als wir endlich die Grenze abgewickelt hatten, war es draußen dunkel, 13 Grad kalt und stürmisch. Die Sonne war ohne uns über dem höchsten Berg Armeniens unter gegangen und wir befanden uns in der Steppe, über die der eisige Wind blies und hatten seit dem Frühstück ohne Rotwein nichts gegessen. 25km stocherten wir im Dunkeln über eine schlechte Straße, bis wir an einem Gebäude vorbeifuhren, das aussah, als sei es ein Restaurant. Die Gaststube wurde nur vom Fernseher der Wirtsleute erhellt, die um diese Uhrzeit keine Gäste mehr erwartet hatten. Doch die Frau kochte für uns schnell etwas und der Mann fragte, ob wir ein Zimmer bräuchten. Es sollte 9€ kosten und war zwar etwas schmuddelig, aber besser als im mittlerweile tosenden Sturm weiter durch die Nacht zu fahren. Wir beschlossen, den Tag zu beenden und morgens früh weiter zu fahren, denn ich hatte ja um 11 Uhr in Eriwan einen Termin zur Montage meiner neuen Reifen.

Pet und Oskar durften zum ersten Mal indoor parken und verbrachten die Nacht im Eingang des Gasthofes. Früh um 8 fuhren wir bei 12 Grad los, der Wind hatte sich etwas gelegt und im Hellen sahen wir die karge und schöne Hochgebirgslandschaft um uns herum. Und die Schlaglöcher vor dem Vorderrad. Mit nur 15 Minuten Verspätung rollten wir mit frisch gewaschenen Motorrädern in die Werkstatt, wo wir mit Kaffee erwartet wurden und Pet sofort umsorgt wurde. Sie bekam hinten einen iranischen Reifen und vorne einen chinesischen Reifen montiert und dazu auch noch hinten neue Radlager (eins war defekt) und ein neues Kettenradlager verpasst. Leider war der bestellte Luftfilter für Pet nicht geliefert worden, was blöd ist, denn der Schaumstoff ist sehr zerbröselt und löchrig.

Als Pet ihre frischen „Schuhe“ anhatte, wir im Supermarkt eingekauft und beim Mobilfunkanbieter einen weiteren Monat unserer Simkarten aktiviert hatten, fuhren wir zu SKF, um neue (Rad-) Lager als Ersatz für den „Ersatzteilvorrat“ zu besorgen. Für zwei komplette Satz Lager in bester SKF Qualität haben wir rund 50€ bezahlt. Da geht man(n) gerne shoppen!

Der Reifendienst fand in Jans defektem Schlauch gleich drei Löcher und vulkanisierte diese, sodass wir jetzt wieder einen fast neuwertigen Ersatzschlauch im Gepäck haben. Es war ein langer Tag, erst um 18:30 stiegen wir auf, um aus Eriwan raus zum holländischen Campingplatz zu fahren, den wir vor einem Monat schon so genossen hatten. Dort waren auch Ulla und Bernd, ein roter VW T3 Bus samt netter Besatzung und fast nur deutsche Gäste, sodass wir doch später ins Bett kamen, als wir geplant hatten.

Wir bereiten uns hier nun auf den Iran vor, entspannen unter Gleichgesinnten und haben Pet aus einer rosafarbenen Kinderstrumpfhose einen Überzug für den bröselnden Luftfilter gebastelt. Denn wie es scheint, werden wir bis irgendwann im Iran keinen neuen Filter für Pet bekommen. Aber vielleicht haben wir Glück und es klappt doch noch? Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die Geschichte von der Polizei-Eskorte letzter Woche. Das hier ist das Video dazu. Sehr, sehr lustig:

Wir reisen nächste Woche in den Iran ein. Wie schnell wir da an mobiles Internet kommen und wie gut dort unser VPN Tunnel funktioniert, wissen wir nicht. Macht Euch also keine Sorgen, wenn wir länger keinen Blogbeitrag posten!