Der letzte Blogpost endete in Samarkand in der überteuerten Unterkunft bei Chips, weil in der „Altstadt“ im Winter kein Restaurant geöffnet hat und unsere Unterkunft kein Essen anbot. Das war nicht das erste Mal, dass es Chips um Abendessen gab (zum Beispiel während des Ramadans im Iran), aber es kam noch blöder: Jan bekam Fieber und horrende Kopfschmerzen.

In der ersten Fiebernacht vermuteten wir noch Schnupfen, aber nachdem Jan sich den ganzen Tag matt gefühlt hatte und das Fieber richtig hoch wurde und sich Schüttelfrost dazugesellte, war klar: es ist weder Schnupfen noch Coronavirus (nein, den gibt’s hier nicht und wir lassen uns von der Panik in Europa nicht anstecken, wir belächeln das Theater nur und vergleichen mit den Maßnahmen, die Staaten hier treffen). Was tun? Jan musste sich auskurieren, Essen wäre auch nicht schlecht und unser Zimmer war so miserabel, dass die vorhandene Dusche nicht nutzbar war und wir weder Tageslicht hatten noch lüften konnten und die Matratzen waren aus Beton, auf dem Jan sich fiebernd wandte.

Ein Umzug in eine 250m entfernte Pension hätte vielleicht das Problem mit der Matratze, der Dusche und dem Fenster gelöst, nicht jedoch das Problem mit dem fehlenden Essen. Ich war für Umzug und auskurieren, Jan bestand auf Ortswechsel. Weg von Samarkand, weg aus der enttäuschendsten Stadt dieser Reise, weg vom Touristen-Nepp, weg von den Kulissen, weg aus der leblosen Touristenzone. Wie zum Beweis, dass er reisefähig war, erbrach Jan sich in die Toilette und behauptete, jetzt werde alles gut.

Nichts wurde gut, Jan war kreidebleich, hoch fiebrig und mit Bauchkrämpfen, aber er hatte gepackt und stand bereit: wir fahren! Und wir fuhren mit dem Zug nach Bukhara. Unsere über booking.com reservierte Unterkunft (wir wollten ja jetzt brav wie andere Touristen online buchen) hatte wegen Winter geschlossen und die Reservierung hatte nicht geklappt. Also auch nicht so das Wahre, mit der Onlinebuchung 🙁 Da standen wir dann vor verschlossener Tür: Jan hatte sich mit Mühe und großen Kopfschmerzen vom Bett ins Taxi, vom Taxi in den Zug und vom Zug ins Taxi zur Unterkunft geschleppt – und es gab kein Bett für uns.

Das nächste geöffnete Hotel gab zwar Rabatt, war aber trotzdem nicht unser Budget und so schleppte Jan sich noch weiter, bis wir in einer auf der App iOverlander empfohlenen Unterkunft eintrafen. Die hatten zwar geöffnet und ein Zimmer, mussten dieses aber noch putzen. Jan fiel ins super bequeme Bett des vielleicht 6qm „großen“ Zimmers ohne Fenster nach draußen und fieberte vor sich hin. Ich hatte Hunger und lief los, auf der Suche nach einem Restaurant.

Bukhara ist eine weitere legendäre Stadt der Seidenstraße, doch weniger „zurechtgemacht“ als Samarkand. Man muss auch keinen Eintritt für die Plätze zahlen, sondern darf sich fei bewegen. Abends sind nur wenige Gebäude angestrahlt, in der Altstadt leben Menschen, es gibt Krämerlädchen und Bäckereien, es ist Leben auf den Straßen. Untouristisches Leben. Und das war das Problem. Denn wer kein Tourist ist, der braucht auch kein Restaurant, diese hatten nämlich außerhalb der Saison geschlossen. Später erfuhr ich: im Winter haben insgesamt nur 4 teure Touristen-Restaurants geöffnet. Ich fand, während ich im Dunkeln durch die Gassen der Altstadt irrte, immerhin eins. Dort kehrte ich wie genau drei andere Touristen ein und gab für vegetarische Nudeln so viel Geld aus, wie wir üblicherweise an einem ganzen Tag für zwei übersatte Personen ausgeben. Nepp!

Als es Jan am nächsten Tag nicht besser ging, es sogar schlechter wurde, brachte ich ihn ins Krankenhaus. Wir können nicht verstehen, woher die Abneigung vieler Reisender und Daheimgebliebener gegenüber Ärzten und Krankenhäusern im Ausland besteht. In der Regel kennen die sich doch mit den Beschwerden vor Ort viel besser aus, als Doktor Google oder der deutsche Hausarzt! Diese Ärztin in Bukhara brauchte nicht lange, um Jan mit einem Mittel gegen Typhus und flaschenweise Elektrolyte wieder zurück ins Bett zu schicken.

Wir fragten dann doch Doktor Google, denn die Ärztin sprach nur Usbekisch und Russisch. Und Doktor Google bestätigte die Tablettenwahl von Frau Doktor: Jans Zunge sprach Bände! Absolut Typhus nach Lehrbuch! Wieder was dazugelernt. Hätte wir das drei Tage vorher schon gewusst, hätte Jan nicht so lange gelitten. Natürlich gibt es eine Impfung gegen Typhus. Aber die wirkt in etwa nur maximal zwei Jahre (Ihr erinnert Euch, wir hatten gerade Zweijähriges gefeiert…) und bietet nur einen Schutz von ca. 40-60% Das wussten wir immerhin vorher, Ihr auch? Impfungen sind keine Garantie…

Immerhin hat im Winter in Bukhara tagsüber einiges geöffnet und so fand ich das deutsche Cafe und gönnte mir Apfelstrudel. Echten Apfelstrudel. Der erste Kuchen seit…, der nicht völlig überzuckert ist! Auch sonst gefiel mir Bukhara auch im Hellen besser als Samarkand. Natürlich ist auch da viel „aufgehübscht“, aber die Bevölkerung ist nicht ausgesperrt.

Die Tabletten wirkten bei Jan und am Abend des zweiten Tages konnte er mir schon bei trocken Brot dabei zuschauen, wie ich in der Unterkunft zusammen mit zwei Belgiern auf Langzeitreise einen Teller Plov, das Nationalgericht Usbekistans (Reis mit Karotten und Fleisch, je nach Region weitere, auch süße Zutaten) aß. Die Belgier hatten vor zwei Monaten zuletzt andere Reisende getroffen und wir hatten seit August 2019 nur drei Begegnungen. So wurde der Abend lang und voll Seelenbalsam!

Am dritten Tag nach Ankunft in Bukhara fühlte sich Jan fit genug für eine kleine Sightseeingtour durch die Befestigungsanlage „Ark“, in der der Emir von Bukhara bis 1920 residierte. Uns gefiel besonders, dass die Gebäude zwar gut erhalten und auch restauriert waren, aber nicht komplett neu aufgebaut wurden. Die Säulen hatten Holzwurm und vom Wetter gegerbte Patina, die Farbe war verblasst und nicht mit Acryl „verschlimmbessert“ wie in Samarkand. Die gesamte Anlage hatte Charme!

Im Museum, das herrlich „hausgemacht“ wirkte, erfuhren wir, dass der „Persianer“ Pelz ursprünglich aus Bukhara stammt. Das Fell ist das von nur wenigen Stunden alten Lämmern einer speziellen Schafrasse, dem Karakul. Heute werden die Tiere auch in anderen Regionen der Erde, zum Beispiel in Südafrika, gezüchtet, um die weltweite Nachfrage nach totem Tier zu befriedigen.

Auch ein sehr bekanntes Teppichmuster stammt aus Buchara, wobei das immer wiederkehrende Motiv grundsätzlich aus Turkmenistan stammt. Die unendlich wiederholte Anordnung auf rotem Untergrund jedoch ist typisch für Buchara. Unsere Gastgeber betrieben damit allerdings einen Overkill… 😊

Wir genossen die Sonne und Temperaturen um die 20°C und Jan traute sich, ein Stück Engadiner Nusstorte im deutschen Café in seinen geschundenen Magen zu legen – und es blieb drin, ohne weitere Folgen. Die Tabletten der „Frau Doktor“ hatten gute Arbeit geleistet! Wir lernten: wird Typhus schnell erkannt und behandelt, ist es gar nicht so schlimm, wie man immer denkt! Man stirbt oder dehydriert, wenn man sich nicht zum Arzt im fremden Land traut oder zu spät reagiert. Wir haben viel gelernt und richtig reagiert. Trotzdem ist das eine Erfahrung, auf die wir, insbesondere Jan, gerne verzichtet hätten.

Wir blieben noch einen Tag und fuhren mit den Belgiern zusammen aus der Stadt raus zum Sommerpalast des Emirs, der auch erfrischend authentisch war: sehr gut erhalten, aber nicht zu Tode renoviert. Manches fühlte sich wirklich so an, als sei der Emir nur mal eben kurz raus gegangen und käme gleich wieder. Eine sehr willkommene Abwechslung zu den über-renovierten „Neubauten“ in Samarkand und Teilen der Altstadt Bukharas!

Wir vermuten nur, dass die Renovierungswut auch vor dem Palast nicht halt machen wird. Auch die Belgier waren der Meinung, dass es Usbekistan übertreibt und zu Disneyland verkommt. Die beiden kamen direkt aus dem Iran hierher und hatten nach den ersten Tagen (für sie war das in Khiva) beschlossen, Usbekistan nur „abzuhaken“, das Reisetempo zu erhöhen und in authentischeren Ländern mehr Zeit zu verbringen. Geht uns auch so, das Gefühl des „Abhakens“.

Nach der schönen gemeinsamen Zeit mit den Belgiern trennten sich unsere Wege leider wieder. Sie fuhren nach Samarkand (nach unserem Rat in eine Unterkunft mit Verpflegung), wir fuhren mit dem Sammeltaxi nach Khiva, immer entlang der Grenze zu Turkmenistan. Die Landschaft änderte sich von Steppe zu Wüste mit kleinen Sanddünen und kurz vor Khiva wurde uns klar, warum der Aralsee austrocknen musste: der Grenzfluss zu Turkmenistan, der Amudarja, mündet theoretisch in den Aralsee, wird aber rund um Khiva für intensive Landwirtschaft (insbesondere Baumwolle) so genutzt, dass hier die Felder zur Zeit geflutet sind und alles, was nicht geflutet ist, vor Salzkruste glitzert.

Am Aralsee kommt kein Tropfen Wasser mehr an. Die Böden sind versalzen, mit dem Wasser werden die ganzen Pflanzenschutzmittel gelöst und an der Oberfläche zu Staub getrocknet. Dieser giftige Staub weht dann herum und vergiftet alles… Sorry, wir wollen nicht dauernd meckern, können aber auch nicht stumpf durch ein Land fahren und völlig verblendet nur das Schöne Disneyland nach außen tragen… Wir sind böse Ökos, außerdem arrogant und zeigen “nur” das Negative: wissen wir alles, das habt Ihr uns ja erklärt. 🙂

Auch Khiva ist grenzwertig. Das Betreten der Altstadt kostet Geld. Mindestens 10€ pro Person, mit Eintritt in alle Sehenswürdigkeiten 15€. Das kann man umgehen, indem man in der Altstadt übernachtet (aber dann darf man nur von außen schauen und nirgendwo rein), jedoch ist Übernachten in Khiva mit 5$ pro Nacht und Nase Touristensteuer extrem kostspielig, wenn man bedenkt, dass ein Bett in Usbekistan für denselben Preis zu bekommen ist. Man zahlt also doppelt in Khiva, nur um da zu sein.

Aber die Altstadt ist richtig nett. Natürlich auch mehr Museum als gelebte Stadt, aber es kann ja auch nett sein, im Museum zu übernachten. 😊 Die Belgier hatten uns schon gewarnt: es gibt im Winter kein geöffnetes Restaurant und kein Bargeld in der Altstadt von Khiva! Wir waren (auch mental) vorbereitet und buchten in einer Unterkunft, die Verpflegung anbietet und den Dorfladen betreibt. Sehr sehr nett! Khiva ist ein kleines bisschen so, als sei man in einem Ferienresort oder Freizeitpark. Man zahlt Eintritt für die Altstadt und läuft dann durch die Gassen, deren Häuser alle aussehen, als seien sie Lehmbauten. Da jetzt, wo kein Tourist zuschauen kann, renoviert wird, kann man sehen, dass viele dieser „Lehmbauten“ in Wirklichkeit aus Beton sind und nur für den ins „Resort“ passenden „Look“ mit Lehm verkleidet werden.

Unser Zimmer, darauf hatte ich bei der Buchung geachtet, hatte zum ersten Mal seit Taschkent ein Fenster nach draußen und ein komfortables Doppelbett. Das fand Jan so toll, dass er sich nach dem ersten Frühstück erstmal mit Männergrippe darin vergrub, um sich auszukurieren. Nein, ganz bestimmt kein Coronavirus, der grassiert nur in China, Iran und demokratischen Staaten…

Also blieben wir noch eine Nacht länger als geplant im „Resort“ und erkundeten die „Anlage“: die Altstadt ist sehr klein und gemütlich, allerdings zugestellt mit Verkaufsständen von Souvenirs. Zur Zeit ist zwar keiner da, der die kaufen könnte, aber wir wollen gar nicht wissen, wie es in der Saison dort ist. Ob man sich in den schmalen Gassen dann noch bewegen kann? Wir liefen auf der Stadtmauer herum und fanden, dass andere „Lehmbau“ Orte und Städte doch mehr Charakter und Authentizität haben. Marrakesch zum Beispiel, wo orientalischer Bazar nicht für Touristen „gespielt“ wird, sondern für die Einheimischen den täglichen Bedarf deckt. Immerhin hörte man den Muezzin bis in die Altstadt von Khiva rufen, sodass es ein wenig authentisch wirkte.

Als wir zurück zur Unterkunft liefen, stießen wir in einer Gasse auf zwei Frauen, die in einem riesigen Topf auf offenem Feuer rührten. Es lief Musik, man tanzte, es gab Tee und Gebäck und wir wurden eingeladen, uns dazuzusetzen. Im Bottich köchelte „Samanak“, eine Speise, die jedes Jahr zum Noruz Fest zubereitet wird. Sie besteht aus gekeimtem Getreide (traditionell sieben Sorten, hier war es nur eine Sorte), welches zerstampft und dann mit Wasser so lange zerkocht wird, bis die Stärke zu Zucker umgewandelt ist und sich eine streichfähige Masse ergibt, die ein wenig wie Melasse schmeckt.

Als wir eintrafen, war die Flüssigkeit noch beigefarben und der Topf gut gefüllt. Einige Stunden später, als wir gingen, war schon viel Flüssigkeit verkocht und die Masse karamellfarben, aber noch lange nicht fertig. Man erklärte uns, dass sie erst gegen Mitternacht die richtige Konsistenz habe (wir gingen um 19 Uhr) und bis morgens um 7 abkühlen müsse, bevor man essen könne.

Es war ein richtiges Nachbarschaftsfest. Wer vorbei lief, blieb stehen und durfte ein paar Minuten rühren. Es scheint, als sei das ein Brauch, dass jeder zum Rühren kommt, denn die Leute standen regelrecht an, um mit dem Schieber gemächlich die köchelnde Masse im Bottich hin- und her zu bewegen. Auch wir rührten natürlich fleißig mit! Schaut Euch das Video an:

Es wurde getanzt und es war richtig Party. Wunderschön! Das hatten wir in Usbekistan bisher sehr vermisst! Natürlich waren wir wie in anderen Ländern auch in kleinen Familienunterkünften untergebracht, auch in Khiva aßen wir bei der Gastfamilie am Wohnzimmertisch, doch wir hatten immer das Gefühl, zwar nett, aber als Touristen behandelt zu werden. Und hier, mitten auf der Gasse, wurden wir als Menschen behandelt und durften einfach „sein“. Absoluter Seelenbalsam nach so viel Tourismus-Infrastruktur!

Wir haben jetzt die Seidenstraße verlassen und sind in Nukus, atmen auf in einer von den Russen in die Wüste gesetzten, völlig untouristischen Stadt ohne „Ferienresorts“ und ohne „antikes Ambiente“. Die Städte der Seidenstraße in Usbekistan sind sicher toll für Reisende, die „Orient light“ kennenlernen möchten. Reisende, die Komfort genießen und touristische Infrastruktur mögen. Die Seidenstraße Usbekistans erinnert uns sehr an die Sehenswürdigkeiten im Oman, die uns auch gelangweilt haben, weil es dort ebenso „Orient light“ zugeht. Wir mögen es lieber authentischer. Sitzen lieber in Marrakesch auf einer Dachterrasse als in Khiva oder Bukhara und erleben große Handelsplätze lieber mit den Einheimischen wie auf dem „Imam Platz“ in Isfahan, statt in der Touristenzone des Registan in Samarkand. Jeder Reisende hat andere Erfahrungen und Bedürfnisse. Wenn man vom Kaukasus aus direkt nach Usbekistan kommt, ist es sicher aufregend anders hier. Wenn man aus dem Iran oder mit intensiver Nordafrika-Reiseerfahrung hierherkommt, ist es wahrscheinlich enttäuschend. Zumindest sehen wir das so. Und bitte nehmt uns das nicht persönlich, wenn Euch Usbekistan gefällt oder Ihr über gewisse Dinge hier hinwegseht (oder sie Euch nicht interessieren), auf die wir aber mit dem Finger zeigen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Es gibt ja auch Menschen, die finden Vanilleeis total toll, obwohl jeder weiß, dass da gar keine Vanille drin ist. Und denen reißt Ihr ja auch nicht den Kopf ab deswegen. Wir erzählen Euch, was wir hier erleben, erfahren und fühlen. Und das ist nicht immer so toll, wie das andere Menschen berichten. Denn es ist unsere eigene, persönliche Geschichte. Und nicht Eure. Die schreibt Ihr selbst, fahrt los!

Und bevor Ihr uns wieder eins über die Rübe zieht: googelt, lest, recherchiert! Wir erholen uns jetzt erstmal in Nukus vom Touristenrummel und überlegen, wie es weiter geht. Wir sind beide (wieder) fit und gesund und bereit für Neues!

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