Menschen gehen über eine überdachte Brücke

Nach der Ausreise aus Russland hatten wir ein kleines bisschen das Gefühl, „heim“ zu kommen, als wir in Nordgeorgien nach Kazbegi rollten. Wir bezogen ein Zimmer mit Blick auf den Kazbeg, der aber weg gezaubert war, so tief hingen die Wolken. Am nächsten Morgen, Hokuspokus, war der schöne Berg wieder da, direkt vor dem Fenster!

Wenn Ihr das alles in bewegten Bildern sehen möchtet, unsere Unterkunft in Kazbegi mit Blick auf den Kazbeg kennen lernen wollt und mal mit auf dem Soziussitz mit fahren möchtet, dann genießt dieses Video:

https://www.youtube.com/watch?v=WDnaxTvapj8

Wir haben noch so viel Videomaterial, aber verbringen die Zeit lieber auf den Motorrädern statt am PC. Außerdem sehen wir, dass „keiner“ unsere Videos anschaut. Schade um die ganze Arbeit! Wir freuen uns, von Euch zu hören und nicht nur einseitig zu kommunizieren…

enter image description hereWir mussten nach Tiflis, einige Dinge erledigen, doch zunächst wollten wir uns noch mit georgischer Natur verwöhnen. Das Truso Tal zweigt vom „georgian military highway“ westlich ab Richtung Südossetien und ist auch unter Wanderern sehr beliebt. Auch Tagesausflügler aus Tiflis oder Kazbegi kommen mit ihren Allradfahrzeugen in das Tal, um die wilde Landschaft zu bestaunen.
enter image description hereDie Piste windet sich entlang des Talbodens an verlassenen Dörfern vorbei zu kleinen Klöstern, ab und zu durch einen Bach (o.k. 1x gab’s auch eine Brücke, aber ich dachte, die sei aus Rohren und daher für Motorräder unfahrbar), an einer Schwefelquelle vorbei, durch etwas Schwefelmatsche, vorbei an Kühen und durch eine süße Ferkelherde hindurch. Und das alles in einer Landschaft, die uns das Herz auf gehen lässt. Irgendwo im Tal standen wir plötzlich vor Militärs, die uns nicht weiter fahren ließen, da wir sonst nach Südossetien gekommen wären. Schade!
enter image description hereDer Kaukasus ist so wunderschön, dass ich fast Angst habe, dass der hochgelobte, viel bereiste Pamir dagegen nicht mit halten kann. Aber das werden wir erst nächstes Jahr herausfinden, dieses Jahr erkunden und genießen wir den Kaukasus. Da man mit Motorrädern um ein Vielfaches schneller über Pisten fahren kann als mit Autos, die gefühlt in jedes Loch und über jeden Stein schunkeln, waren wir mit viel Genuss und Gemütlichkeit nach 3 Stunden wieder aus dem Tal raus. Und hatten so gar keine Lust auf Großstadt.
enter image description hereUnsere Annäherung an Tiflis begann daher zögerlich. Auf den verbleibenden 80km haben wir zwei Stopps eingelegt, um Schaschlik zu essen oder Estragonlimonade zu trinken. Die sieht übrigens furchtbar ritzeratzegrün aus, ist aber echt lecker und so „typisch georgisch“, dass wir grundsätzlich Coca Cola & Co stehen lassen.
enter image description hereAls wir endlich nach Tiflis rein rollten, zeigte das Thermometer 42°C an. Wir waren sehr froh, in unserer Unterkunft anzukommen und aus den Moppedklamotten raus zu springen! Unser Hostel war eine Empfehlung unseres motorradreisenden Kabinengenossen auf dem Schiff und Robs Tipp war super: klein, aber fein mit viel Charme, kleinem Innenhof und netten Gästen!
enter image description hereAufgrund der Hitze und unserer Erledigungen kamen wir erst am späten Nachmittag des nächsten Tages in die Altstadt: wunderschön ziehen sich die Gassen vom Fluss aus den Hang hinauf, fast jedes Haus hat einen reich verzierten Holzbalkon. Noch ist viel Renovierungsarbeit zu leisten, aber auch so hat die Altstadt einen tollen Charme!
enter image description hereWir hatten unser Zimmer ganz altmodisch persönlich reserviert und nicht über booking.com. Uns wurde zugesichert, zwei Nächte im Zweibettzimmer zu schlafen und danach in den Schlafsaal umziehen zu können. Also zogen wir nach den ersten zwei Nächsten aus dem Zimmer – und hatten abends kein Bett im Schlafsaal. Das Hostel war überbucht und Gäste, die über booking.com gebucht hatten, bekamen den Vorrang. Wir durften vor dem Kamin im Wohnzimmer unsere Isomatten ausbreiten. Es hieß zwar jeden Tag, dass wir am nächsten Tag ein Bett bekämen, aber dazu kam es nie, es gab Nächte, da schliefen wir mit 4 Gästen zu viel auf Provisorien! Doch wir sind ja nicht doof, also haben auch wir über booking.com reserviert. Da waren die Eigentümer zwar sauer, weil das Provision kostet, aber schließlich war es nicht unsere Idee! Und dann begann das Drama:
enter image description hereAls zwei Russinnen aus dem für uns reservierten Zimmer abreisten, zog uns ein südafrikanischer Gast zur Seite und informierte uns darüber, dass die beiden Russinnen völlig zerstochen worden seien und wir einen Blick ins Zimmer werfen sollten. Auf der Matratze, auf der ich anfangs schon 2 Nächte verbracht hatte, war alles voll mit Häutungsresten und Kot von Bettwanzen. Die Russin hatte mehrere Bettwanzen getötet und fein säuberlich als Beweistücke auf das weiße Regelbrett drapiert. Igitt! Die schlechte Nachricht machte die Runde und zögerlich gaben auch Gäste aus dem Schlafsaal zu, Stiche unbekannter Herkunft zu haben. Wir traten sofort die Flucht an, die ganze Unterkunft war verseucht!
Wir zogen in ein anderes Hostel um, in dem wir auch Pet und Oskar sicher unterbringen konnten. Doch weil wir das super verseuchte Zimmer bewohnt hatten und nicht wussten, wo sich in den 5 Nächten die Bettwanzen, Larven oder Eier versteckt hatten, mussten wir alle Gegenstände, die jemals das Hostel von innen gesehen hatten, reinigen. Und das ist nicht einfach.
Man muss die Viecher mit Hitze über 50 Grad oder mit Kälte in der Tiefkühltruhe töten. Weil die Waschmaschine im neuen Hostel nur 40°C „darf“ und wir keine Tiefkühltruhe auftreiben konnten, haben wir versucht, unser Zeug in schwarzen Müllbeuteln in der Sonne auf 50°C zu erhitzen. Wir hoffen, das war erfolgreich!
enter image description hereJeden Tag erkundeten wir „nach getaner Arbeit“ einen Teil der Stadt. Und jeden Tag mochten wir die Stadt ein kleines bisschen mehr. „Getane Arbeit“? Ihr werdet denken, wir seien „Dauerurlauber“, doch auch Reisen ist Arbeit, wenn nicht ein Reiseveranstalter die Organisation übernimmt. Ein wichtiger Punkt waren unsere Visa für den Iran. Dazu muss man eine „E Visa“ Nummer online beantragen. Das dauert etwa 5 Tage und bedeutet nur, dass man dann berechtigt ist, überhaupt ein Visum zu beantragen.
enter image description hereDas tut man auf der Botschaft. Und da bekommt man dann neue Formulare und muss 50€ pro Person auf der Bank einzahlen. Mit den ausgefüllten neuen Formularen, zwei Passfotos, einer Kopie der Reisekrankenversicherung, der Einzahlungsquittung, dem E-Visanummer-Beleg und Zeit muss man dann ein zweites Mal zur Botschaft. Und weil wir ja keinen Drucker dabei haben, müssen wir Kopien und Ausdrucke auch noch irgendwo anfertigen lassen. Aber das macht nichts, durch das Organisieren lernen wir die Stadt besser kennen! Und am Ende hat es ganz unkompliziert geklappt, wir haben unser Iranvisum!
Mir war am Elbrus meine Knirscherschiene, die ich nachts trage, vom Tisch gefallen und zerbrochen und ich brauchte Ersatz. Nach kurzem Googeln kontaktierte ich über „What Clinic“ vom Smartphone aus in einem Park sitzend zwei Zahnärzte. Es war etwa halb 7 abends und eine Praxis meldete sich sofort, bat um Details und bot einen Termin am nächsten Tag an. Die Zahnarztpraxis selbst war mehr bulgarisch als deutsch, also sehr modern. Die Zahnärztin selbst konnte kein Englisch, aber für ausländische Patienten gab es eine nette Dolmetscherin dazu! Am Samstag (!) war die Schiene fertig und ich konnte sie mittags abholen. Und wie bei der Zahnfüllung in Bulgarien muss ich sagen: besser hatte ich das noch nie! Man könnte fast sagen, die Schiene sei liebevoll geformt worden, echt klasse!
enter image description hereZum georgischen Gesundheitssystem vielleicht noch eine Anekdote: Rob, unser amerikanischer Kabinengenosse wurde hier letzte Woche von einem Hund gebissen. Die Bisswunde wurde im Krankenhaus genäht und er bekam eine Tetanusimpfung. Alles, wie er sagt, westliches Niveau. Doch zum Abschluss kam der Ratschlag des Arztes, in den kommenden 6 Monaten keinen Alkohol zu trinken, auf Fleisch, Süßigkeiten und… Erdbeeren zu verzichten, damit der Impfstoff auch wirke. Dieser Ratschlag war unter uns „Westlern“ der Lacher schlechthin, doch wir ließen uns von einem Georgier und einer Ukrainern bestätigen: völlig richtig! 6 Monate kein Alkohol nach Hundebiss! Für Menschen aus GUS Staaten ganz selbstverständlich! Wir schmunzeln immer noch darüber. Besonders die Erdbeeren… Außerdem sollte er nochmal wieder kommen, falls der Hund innerhalb der nächsten 10 Tage stirbt. Hoffentlich meldet sich der Hund, wenn es mit ihm zu Ende geht!
enter image description herePet und Oskar brauchen demnächst neue Reifen. Man kann Ersatzreifen natürlich über Monate (oder Wochen) mit sich herum fahren, wir sind der Meinung, dass man die auch außerhalb Deutschlands kaufen kann. Im zweiten Hostel lernten wir Meryl kennen, einen 60 jährigen Amerikaner, der auch Reifen für sein Motorrad braucht. Mit ihm fuhren wir zum KTM Händler auf Reifensuche und siehe da: es gab Reifen! Für Oskar stand das passende Paar zufällig schon dort, für Pet müssen die Reifen bestellt werden, weil nur grobe Stollenreifen für sie vorrätig waren. Das war in Deutschland übrigens auch nicht anders. Da wir noch ein paar tausend Kilometer Laufleistung auf den „deutschen“ Reifen haben, ist das also auch nicht weiter schlimm.
2MtbcUNMeryl, der reifensuchende Amerikaner, verkörpert das, was wir so gerne predigen: „fahr lieber gleich, bevor es zu spät ist und du vor lauter Plänen und Bedenken und Ängsten nie weg kommst!“ Er wollte „schon immer“ mit dem Motorrad den Pamir Highway fahren, besaß aber keins. Da es ihm zu teuer und aufwändig erschien, ein Motorrad aus den USA nach Georgien zu verfrachten, flog er mit Minimalgepäck nach Tiflis und kaufte einfach hier ein Motorrad beim Händler. Dass man zum Motorrad auch ein kleines bisschen Ausrüstung braucht, haben wir ihm dann erzählt. Macht aber nix, bei KTM hängt die Rallyejacke im Laden (übrigens sehr viel billiger als in Deutschland) und den Rest kann man sich hier auch vor Ort zusammen kaufen. Inklusive Zelt aus dem Supermarkt für umgerechnet 15€. Es macht Spaß, zuzusehen, wie er sich hier Tag für Tag den Traum seiner Motorradreise zurecht organisiert und ich finde, an ihm könnten sich so viele Träumer ein Beispiel nehmen. Einfach machen!
enter image description hereEs muss etwa 1999 gewesen sein, dass ich meine Ortlieb Satteltaschen gebraucht über ein Anzeigenblättchen (damals noch nicht online!) gekauft habe. Nach „nur“ 20 Jahren und wohl durch die extreme Hitze, ist der Kleber, mit dem der Klett am Gewebe befestigt ist, weich geworden, sodass ich die Riemen beim Schuster mit einer Naht verstärken lassen habe. Während wir mit den Motorrädern vor dem Schuster warteten, kamen wildfremde Männer mit einer Tüte frischer, warmer Brötchen an, die sie uns im Namen der Bäckersfrau von gegenüber schenkten. Wir fanden keine gemeinsame Sprache und so strahlten wir uns einfach alle so lange an, bis der Schuster fertig war und meine Taschen nun weitere 20 Jahre halten. Ist das nicht toll? Wäre das in Deutschland passiert, dass man Ausländern auf der Straße eine Tüte warmer Brötchen schenkt? Wir fühlen uns hier so wohl!
enter image description hereAm Sonntag gingen wir schön aus. Wir hatten uns in Deutschland zusätzliche Kameraakkus für unsere SENA Actioncams schicken lassen, welche im Handgepäck mit anderen Frachtschiffbekannten zu uns reisten: das ukrainisch-georgische Paar, welches die Geburt ihres ersten Kindes nicht dem deutschen Gesundheitssystem anvertraut und einen alten Mercedes nach Tiflis fuhr, ist nach 10 Tagen Deutschland wieder hier und wartet nun auf die Geburt ihrer Tochter. Die beiden sind so lieb und süß und wir verbrachten einen so schönen Abend zu viert in einem wunderschönen Restaurant. Das Restaurant liegt auf einem Berg über Tiflis, kein Tourist da, das meiste Essen ausverkauft, es regnete, aber trotzdem saßen alle Gäste fröhlich draußen unter Pavillons und auch wir genossen den Abend sehr! Als wir wieder im Bett lagen, waren wir ganz beseelt: so einen schönen, unbeschwerten „Pärchenabend“ hatten wir lange nicht! Auch, wenn nicht alle Themen „unbeschwert“ waren, denn wir erfuhren, wie es in Tiflis zu Zeiten des Bürgerkrieges war, als jeder sich mit Waffen in der Wohnung verbarrikadierte, der Schulweg gefährlich war und wie bald diese Zustände zur Normalität wurden…
enter image description hereEigentlich hatten wir uns vor etwa zwei Wochen in Sotschi von Dieter verabschiedet, der eigentlich durch das Baltikum heimwärts reisen wollte. Weil es dort aber nur regnete, flog er spontan nach Tiflis, um noch mehr von Georgien kennen zu lernen. Zufälligerweise lag seine Unterkunft nur 2 Straßen weiter von unserem Hostel, sodass wir zwei schöne Abende miteinander verbrachten, wir zu dritt einen Beautysalon aufsuchten (zwei frisch frisierte Männer machen schon was her!) und eine schöne gemeinsame Zeit hatten. Es tut gut zu wissen, dass Freunde nicht räumlich auf Deutschland beschränkt sind!
IMG_2857Es ist nach 4 Monaten des Unterwegsseins auch schön, sich eine kurze Zeit „niederzulassen“ und „Zuhause“ Gewohnheiten aufleben zu lassen. Solange wir mit dem Motorrad unterwegs sind, können wir keine empfindlichen Lebensmittel wie Himbeeren, Erdbeeren Brombeeren, Feigen etc. transportieren. Hier in Tiflis haben wir unseren „Himbeermann“, der uns jeden Tag frische Himbeeren verkauft, die dann von mir in der Hostelküche mit Kefir zu leckerstem Müsli verarbeitet werden. Und manchmal verführt er mich mit seinem zahnlosen, charmanten Lächeln ganz ohne gemeinsame Sprache zu saftigen Pfirsichen, süßen Pflaumen oder „Klaräpfeln“, die bei uns schon längst keiner mehr verkauft, weil sie nicht lagerfähig sind und die so herrlich nach „früher“ schmecken.
enter image description hereÜberhaupt: schmecken tut hier einfach alles! Wenn wir nicht bald in die Mongolei rasen, werden wir noch kugelrund! Es ist grundsätzlich egal, was wir bestellen, es ist immer eine Geschmacksexplosion aus frischen Kräutern, Nüssen, Gewürzen, viel frischem Gemüse und leckerem Käse. Auch die billigste und kleinste Klitsche, in der man wahrscheinlich im Wohnzimmer der Köchin bewirtet wird, verwendet frische Zutaten und immer versinkt alles in frischen Kräutern. Ich lege demnächst mal ein eigenes Gourmet-Fotoalbum an und zeige, was wir tagtäglich schlemmen: Auberginen mit Knoblauch und Walnüssen, Teigtaschen mit frischen Pilzen, Salat mit Walnüssen, Huhn in Walnusssauce, Rind in Estragon, Teigfladen mit Mangold, Teigfladen mit Käse oder Bohnen, geschmorte Pilze, Kartoffel-Pilzpfanne,… Jan sagt, das Leben in Georgien sei sehr hart und ich meine, die georgische Küche ist mit der Italiens und Thailands in den Top drei der Welt.
enter image description hereTiflis ist eine Stadt, die uns sehr lebenswert erscheint, in der wir uns sehr wohl fühlen. Und Georgien ist ein Land, das Spaß macht, ganz unabhängig von der Schönheit: man darf 365 Tage ohne Visum bleiben, das Land bemüht sich um Start-Ups aus dem Ausland, es gibt nur 9% Einkommenssteuer, man strebt nach Europa und hat erfolgreich die rote Vergangenheit abgeschüttelt. Der Mix aus Moderne und Tradition hat seinen Reiz, beides passt sich aneinander an, nichts wirkt künstlich wie Dubai oder touristische Fassade wie oft in anderen Ländern. Wir werden dieses Jahr noch mehrmals und gerne nach Tiflis zurück kommen und in den nächsten Monaten noch viel von Georgien erkunden. Doch zunächst geht es nach Aserbaidschan.
Unser Georgien Fotoalbum ist ein Sammelalbum, da wir erst einen klitzekleinen Teil des Landes erkundet haben. Nach und nach ergänzen wir dann weitere Fotos hier: Fotoalbum auf Facebook und das Fotoalbum für alle, die kein Facebook-Konto haben: Fotoalbum

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