Gestern (Dienstag) ging nach einem Monat der Fastenmonat Ramadan zu Ende. Anfang Mai, zu Beginn des Ramadan haben uns selbst das gefragt, was wir nun von Euch immer wieder gefragt wurden: wie sehr beeinflusst Ramadan unsere Reise und wie sieht Reisen im Ramadan im Iran aus? Müssen wir auch fasten? Sind wir auf Zwangsdiät? Verdursten wir in der Hitze?

Während des Fastenmonats Ramadan ist es Gläubigen zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht erlaubt, zu essen oder zu trinken. Dieses Jahr fiel der Fastenmonat leider in eine Zeit, in der die Sonne sehr früh aufgeht und sehr spät unter geht. Also alles, was wir während des Ramadan im Iran erlebt und gesehen haben, war während des Fastens. Als Deutsche kennen wir nur die Panikmache der westlichen Presse, wenn es um unsere islamischen Mitbürger in Deutschland geht. Wir lesen diese reißerischen Nachrichten („Türkisches Kind hungert im Unterricht!“) mittlerweile mit Kopfschütteln, doch anfangs waren wir selbst unsicher: Wie klappt das Reisen im Ramadan?

Das Reisen im Ramadan war für uns ein längerer Lernprozess, denn zwischen Gesetz und Interpretation des Gesetzes liegt eine große Grauzone, die wir erst finden mussten. Das Gesetz schreibt vor, dass während des Fastenmonats alle Restaurants geschlossen haben müssen und niemand in der Öffentlichkeit essen darf. Nur dort, wo Reisende sind, also auf Bahnhöfen, Busstationen oder Flughäfen, dürfen Restaurants geöffnet haben. Da wir weder Zug noch Bus noch Flugzeug nutzen, war das am Anfang echt schwer. Doch in der zweiten Woche hatten wir den Dreh raus, wie man auch am helllichten Tag im Restaurant essen kann:

Fährt man während des Ramadan durch Städte und über Land, so sind zunächst alle Restaurants geschlossen. Denkt man. Die Fenster sind mit Zeitungen, Tapetenbahnen, Bettlaken oder Gardinen zu gehängt. Manche Restaurants sind richtig „verrammelt“ und dunkel, Gittertüren davor, ganz klar: geschlossen. Und genau diese „verbarrikadierten“ Restaurants sind wirklich zu, die mit den Bettlaken jedoch nicht. Man hängt die Fenster zu, damit man nicht hineinschauen kann! Und so aßen bald auch wir hinter Bettlaken und Gardinen zu Mittag – in einem vollen Restaurant, mitten im Ramadan.

Bei manchen Restaurants ist nicht klar erkennbar, ob es geöffnet hat oder nicht. Manche liegen auch etwas versteckt oder sind von der Straße nicht einsehbar. Solche Restaurants haben dann Menschen auf der Straße, die entweder mit grünen Pappkellen oder LED Leuchtschwertern potenziell hungrigen Menschen winken. Folgt man deren Handzeichen, bekommt man auch zu essen.

Während des Ramadans darf jedoch niemals sichtbar gegessen oder getrunken werden, solange es hell ist. Haben wir Durst, so müssen wir immer erst Getränke im Laden kaufen, verstauen, an einen versteckten Ort fahren und dort trinken (oder Kekse essen). Letztens in der Metro hatten wir das völlig vergessen und griffen auf der Rolltreppe zur Wasserflasche. Ein netter Mann auf der Rolltreppe in entgegengesetzter Fahrtrichtung wies uns höflich darauf hin. Tschuldigung! Das versteckte Trinken ist recht lästig, denn insbesondere in dicht besiedelten Gebieten wie entlang der Küste des Kaspischen Meeres oder in Großstädten gibt es wenig versteckte Ecken. Reisende dürfen zwar essen und trinken, aber auch das nicht in der Öffentlichkeit.

Und weil insbesondere in kleineren Orten die Restaurants den ganzen Ramadan über wirklich geschlossen haben, ist das Reisen abseits ausgetretener Pfade doch etwas schwierig. Mehr als nur einmal bestand unser Abendessen aus einer Notration Kekse oder Chips aus dem Dorfladen. Man kann aber auch darauf achten, bei Reisen im Ramadan möglichst Unterkünfte mit Kochmöglichkeit zu nehmen. Manchmal, wie im Alamut Tal, geht dieser Plan auch super auf, aber manchmal, wie im Noor Tal, hieß das für uns auch Fasten – denn es gab keine Gasflasche am Herd.

Auch Homestays sind eine super Alternative, denn dort wurden wir immer gut versorgt: inklusive Tee, Obst und anderen Snacks den ganzen Tag über. Die Haustür ist ja zu, sieht ja keiner, dass im Haus ganz normal gegessen wird. Und zwar alle zusammen, die ganze Familie zusammen mit den Gästen.

Wie handhaben das die Einheimischen? Wir sind sicher, dass nicht alle Gäste der mit Bettlaken verhängten Restaurants wirklich Reisende sind und daher auch wirklich essen dürfen. Wir glauben, dass sich nur wenige Iraner wirklich daran halten. Wir haben mit vielen Iranern gesprochen und viele Argumente gehört, warum sie nicht fasten. Und wir haben im ganzen Fastenmonat nur eine einzige Frau getroffen, die wirklich streng gefastet hat. Wir waren sogar mit einem ganzen Bus voll Regierungsbeamten Mittagessen!

In allen Unterkünften, in denen wir waren, wurde ganz selbstverständlich auch zu Tee und Keksen gegriffen, wenn uns etwas angeboten wurde. Und als wir mit einer Gastfamilie im Auto unterwegs waren, wurde völlig normal unterwegs Eis gekauft und während der Fahrt „unsichtbar“ im Auto geschleckt. Jeder kennt die Gesetze, aber jeder weiß, wie man sie umgeht.

Wir sind sicher, dass die ganzen Gläser Tee, die uns während Ramadan im Iran spontan ausgeschenkt wurden nicht gerade eben erst aufgebrüht wurden, als wir am Horizont auftauchten. Nirgendwo fand sich für uns ein Hinweis, dass es irgendwer so richtig ernst nimmt mit dem Fasten. Wahrscheinlich, weil es „staatlich verordnet“ ist. In der Öffentlichkeit wird der Schein bewahrt, doch je länger wir im Ramadan im Iran unterwegs waren, desto mehr sahen wir auch: mehr Schein als Sein…

Reisen im Ramadan im Iran ist anders – aber gar nicht schlimm. Wenn man immer eine Notration Kekse im Gepäck hat, einen Blick für nur theoretisch geschlossene Restaurants entwickelt und ein paar Grundsätze verinnerlicht, ist es genauso schön wie außerhalb des Fastenmonats. Und auf jeden Fall eine Erfahrung, die nur wenige Reisende machen, denn Ramadan ist bei Touristen ein unbeliebter Reisemonat. Eigentlich unbegründet, wie Ihr nun wisst…

Und wenn Euch die Bilder Appetit gemacht haben: auf Facebook haben wir extra ein Fotoalbum angelegt, in dem wir nach und nach Fotos von dem einstellen, was wir während der Reise so essen. Iran ist so viel mehr als Kebab! Hier das Album: Food around the world