Nach 10 Tagen Glitzerwelt in Baku waren wir bereit für die Natur, Nächte in unserem Zelt und Offroadabenteuer. Aus Baku heraus geht es über eine zweispurige Autobahn durch Ölfelder hindurch, deren Pumpen sich in langsamem Rhythmus auf und ab bewegen. Das, was wir südlich und nördlich von Baku vom Kaspischen Meer gesehen haben war alles andere als schön.

Doch kaum biegt man von der Hauptverkehrsstraße ab, zeigt Aserbaidschan seine Schönheit. Unser Plan war, im Abendsonnenschein bei den Candy Cane Mountains einzutreffen. Gemeint ist damit ein Region, in der die Landschaft wirklich aussieht wie diese rotweiß gestreiften Lollies, die man in Amerika in den Weihnachtsbaum hängt. Das Abendlicht färbte die roten Gesteinsschichten noch röter – und in den weißen Schichten fand ich Donnerkeile ohne Ende!

Wir fanden einen schönen Schlafplatz, doch kaum war der Motor aus, sprintete ich noch in MX Stiefeln los auf Fossilienjagd. Ich bin zwar Geograph, habe aber mein Nebenfach Geologie mehr geliebt als mein Hauptfach, sodass ich von Fels zu Fels kletterte und meine Hände in Donnerkeilen vergrub, die schönsten heraus klaubte, gegen noch schönere austauschte und dann Jan stolz präsentierte, als er, schon umgezogen, mit der Kamera hinter mir her kletterte.

Donnerkeile sind versteinerte Skelette von Belemniten, also Kopffüßlern (so eine Art vorsintflutlicher Kalamar) und ein Leitfossil der Kreidezeit. „Leitfossil“ bedeutet, dass es davon zur Kreidezeit so viele gab, dass man davon ausgehen kann, kreidezeitliches Gestein vor sich zu haben, wenn man Donnerkeile findet. Schon während des Studiums habe ich einige (und schönere, größere) davon gesehen und bis heute in einer Blechdose aufbewahrt, doch diese Massen waren auch mir neu.

Irgendwann konnte mich Jan davon überzeugen, dass es keinen Sinn macht, kiloweise Donnerkeile zu sammeln und dass wir besser kochen sollten, bevor es dunkel wird. Es war so schön zwischen den rotweiß gestreiften Felsen, dass wir ohne Zelt im Freien schlafen wollten. Doch noch bevor das Essen fertig war, bauten wir das Innenzelt auf und flohen samt Kochtopf vor den Mücken ins Zelt. Diese Biester vermiesen auch die schönste Landschaft!

Wir hatten vor, in einem Cafe, an dem wir abends vorbei gekommen waren, zu frühstücken, denn hier in Aserbaidschan gibt es morgens so leckere Tomaten-Eierspeise mit Knoblauch-Joghurtsauce. Doch das Cafe hatte morgens geschlossen und so fuhren wir weiter ins Landesinnere, wo wir im nächsten Dorf sehr süße klebrige Teilchen erstanden und diese auf dem Dorfplatz als Tagesattraktion für die Dorfbewohner frühstückten.

Überhaupt: Aserbaidschan wird von Ausländern kaum bereist und außerhalb von Baku sind wir immer sofort von staunenden, freundlichen Menschen umringt, die sich freuen, dass wir ihr Land besuchen – und mögen. Da Aserbaidschan ein muslimisches Land ist, finden solche Gespräche meist mit Jan statt, aber wenn wir die Helme auf haben, kann ich über unsere Intercoms zumindest mithören und Jan Tipps geben, was gemeint sein könnte, wenn drei Wörter Russisch fallen oder „Improvisationsenglisch“ probiert wird.

Ich hatte in der App maps.me entdeckt, dass es eine Piste gibt, die westlich der Candy Canes beginnt und uns 80km Offroadspaß bringen würde. Kaum war das Dorf zu Ende, hörte auch der Asphalt auf und es begann eine wunderschöne Landschaft, die mal an den Wilden Westen, mal an afrikanische Savanne, mal an marokkanische Queds erinnerte und irgendwann in einem Ölfeld voll Pumpen endete. Die Piste war zwar wenig genutzt, aber ließ sich herrlich fahren, kreuzte das eine oder andere Mal das Flussbett und machte richtig Spaß.

Kaum hatten wir wieder Asphalt unter den Reifen, wurde aus afrikanischer Landschaft plötzlich deutsches Mittelgebirge: Obstbäume, sanfte Hügel, Getreidefelder, Brombeerhecken, prächtige Alleen,… wunderschön! Aserbaidschan ist landschaftlich so vielseitig! Und überall am Straßenrand kleine Teehäuser und Restaurants, in denen man unter schattigen Bäumen sitzen und Leute gucken konnte. Unser Tagesziel hieß „Laza“, ein Dorf am Ende eines tiefen Tals entlang der russischen Grenze. Leider hingen die Wolken so tief, dass wir die vielgepriesene tolle Sicht auf die 4000er Bergkette noch nicht mal erahnen konnten.

Laza selbst ist ein Bergdorf, dessen Hauptattraktion ein Wasserfall ist, an dem wir uns zu Schaschlik vor ein improvisiertes Restaurant setzten und unseren Spaß daran hatten, die Leute dabei zu beobachten, wie sie auf dem feinschottrigen steilen Weg versuchten, ihre zweiradgetriebenen Autos aufwärts zu bewegen. Die Zufahrt nach Laza war auch extrem steil und unbefestigt, sodass ich mich bis heute frage, wie die Menschen dort im Winter aus ihrem Talkessel heraus kommen.

Wir beschlossen spontan, auf Zimmersuche zu gehen und wurden hinter dem Dorfladen (der nur dann öffnet, wenn man klingelt) fündig: der Dorflehrer hat kleine Hüttchen auf dem Grundstück, die er für 10-15€ vermietet. Außerdem gehören noch einige Hühner, Schafe und Kühe dazu, die abends gemolken wurden. Und ich durfte mit machen! So klasse!

Zum Frühstück gab es „frisch gezapfte“ Milch (so schmeckt Milch! Wisst Ihr, wie „echte“ Milch schmeckt?), hausgemachte Butter, eigenen Käse und frische Eier vom Hof. Spontan beschlossen wir, einfach noch einen zweiten Tag in Laza zu bleiben und die Ruhe der Berge zu genießen. Ganz ohne Handynetz, Internet und sonstige Technik. Nur wir und die Berge.

Am Abend war Mondfinsternis und weil wir ohne Internet nicht wussten, wann sie stattfindet, bin ich nach jedem Kapitel vom Buch vor die Hütte, bis es soweit war. Da wir in den Bergen keinerlei Luftverschmutzung hatten, konnten wir das Himmelsschauspiel sehr gut beobachten – bis kurz vor der totalen Finsternis eine Wolke kam. Da war es aber auch schon fast Mitternacht und Zeit, unter die Daunendecke zu krabbeln!

Das nächste Ziel hieß Xinaliq und lag nur wenige km Luftlinie von Laza entfernt. Doch weil zwischen den Tälern hohe Berge sind, bedeutete das für uns runde 80km Fahrt. Eine Fahrt vorbei an einem Umweltsünderprojekt par Excellence: damit die reichen Russen und Ölmultis Aserbaidschans Ski fahren können, wird gerade ein Skiresort in die Berge gebaut, dass es in der Seele schmerzt. Da werden „Tal“ Abfahren in den Berg gekratzt und mit Schneekanonen bestückt, an denen noch in Klarsichthüllen die Bedienungsanleitung baumelt. Künstliche Seen werden erschaffen, Luxushotels gebaut und Lifte errichtet. Und das alles in direkter Nachbarschaft eines Nationalparks, den man toll mit sanftem Wandertourismus erschließen könnte, was jedoch aufgrund bürokratischer Hürden wohl niemals gelingt. Denn zum Wandern dort braucht man eine Genehmigung, die man beantragen muss. Dann braucht man noch eine weitere Erlaubnis zum Betreten der Grenzregion zu Russland. Und dann braucht man noch einen Eintrittspass für den Nationalpark. Bis man das alles zusammen  hat, dauert es mindestens 3 Wochen – und kostet auch noch Geld für einen Dolmetscher, denn logischerweise gibt es die Formulare nur auf Aserbaidschanisch. Traurig!

Nach einem „Versorgungsstopp“ in Quba (tanken, Lebensmittel aufstocken, Bargeld holen) fuhren wir in das nächste Bergtal. Überall im Schatten unter den Bäumen saßen Leute beim Tee oder Picknick und genossen das Leben. Das machten wir auch und setzten uns zu einer großen Kanne Tee in einem Waldstück in den Schatten. Es dauerte nicht lange, da wurden die an der Straße parkenden Pet und Oskar von einem Berliner Urlauberauto entdeckt. Das darin reisende Pärchen setzte sich zu uns und erzählte, es liebe Wein und in Aserbaidschan soll es doch so guten Wein geben… Zufällig hatten wir da noch eine ganze Kiste mit 6 Flaschen dabei! Die beiden freuten sich wirklich sehr und wir waren froh, dass es sich gelohnt hat, den Weinkarton fast 2 Wochen mit uns herum zu fahren!

Die Straße, die in das Tal hinein führte schraubte sich immer enger werdend auf 2300m hoch und endete in einem Dorf namens Xinaliq, welches besser „Laza“ geheißen hätte, denn es sah dort aus wie in Nepal. Nach einem Eis und Plausch mit den Dorfkindern fuhren wir weiter und fanden einen perfekten Übernachtungsplatz auf einem Berggrat mit Blick ins Tal auf der einen Seite und Blick in eine tosende Schlucht auf der anderen Seite. Das Zelt bauten wir inmitten von duftenden Kräutern auf – von denen gleich ein paar im Abendessen landeten.

Während Jan im Vollmondschein mit der Kamera um unser Zelt sprang und wunderschöne Nachtaufnahmen machte, lag ich im Zelt und suchte nach einer Möglichkeit, möglichst „asphaltsparend“ Richtung Süden zu kommen. Da musste es doch eine Möglichkeit geben! Ich suchte und spielte alle möglichen Pisten und Wege in der App maps.me durch und fand eine „Abkürzung“ mitten durch die Berge, mitten durch eine Art weißen Fleck auf der Landkarte.

Unsere Karte zeigt dort keine einzige Straße an und Jans GPS weigerte sich am nächsten Morgen, auch nur ansatzweise eine Route zu berechnen, die in diese Region führte. Das dumme Ding wollte uns partout über asphaltierte große Straßen in über 300km ans anvisierte Ziel führen, obwohl die Wege in der Datenbank enthalten waren! Das erklärt, warum viele Reisende auf nur wenigen großen Routen unterwegs sind. Es wird „GPS blind“ navigiert!. Meine Route hatte nur 180km und maps.me war willig, auch eine Route aus meinen Ideen zu berechnen. Also los!

Doch wer sich ins Abenteuer stürzen will, sollte das gut gestärkt (und mit vollem Tank!) tun, sodass wir ein wunderschönes Plätzchen fanden, wo wir im Schatten am Fluss sitzen und „Qutab“ futtern konnten: dünne Teigfladen, die über Feuer gebacken und mit Spinat und Kräutern gefüllt serviert werden. Vor dem Verzehr bestreut man die ölige Seite noch mit getrockneten Granatapfelkrümeln und Pfeffer. Himmlisch lecker!

Der Asphalt hörte sehr bald auf und was als breite „Schotterautobahn“ begann, wurde nach dem ersten Abzweig zu einer zugewachsenen, sehr steinigen Bergpiste, die deutlich machte, dass nicht wirklich mit viel Verkehr zu rechnen war. Doch nicht nur der Fahrspaß, auch die Landschaft verlangte nach „Mehr! Mehr!“ Nach gut 30km und etlichen steinigen aber erfrischenden Flussdurchfahrten erreichten wir ein Dorf, wo wir neugierig beäugt wurden, als wir im Dorfladen Limo kauften und unseren Wasservorrat aufstockten.

Nach dem Dorf wurde die Strecke steiniger, steiler und einsamer, es ging Bergpässe hoch und wieder herunter, wir sahen Schafherden und Ziegen auf Bergwiesen weiden, Menschen zu Pferd und bei der Heumahd. Den ganzen Tag über sahen wir einen Lada Niva und einen „Russen Bulli“ (UAZ), sonst gab es keinen motorisierten Verkehr. Mir war es fast peinlich, die Stille und Schönheit der Berge mit dem Knattern unserer Einzylinder zu stören…

Nach einer steilen Bergabfahrt landeten wir in einem Dorf, in dem wir uns plötzlich nicht mehr sicher waren, welcher Weg der richtige aus dem Dorf heraus war. Ich fragte ein paar Jungs nach dem Weg und sie erklärten, dass der von maps.me geroutete Weg „sehr schlecht“ sei, wir wieder aus dem Tal heraus sollten, um oben in der Ebene einen „guten“ Weg zu nehmen. Nach etwas Suchen fanden wir den Weg auch und er führte uns auf einer wunderschönen Allee in einen Eichenwald. Und der war so schön, dass wir dort blieben, obwohl es erst 16 Uhr war.

Während dem Kochen trotteten plötzlich erst vier und später nochmal vier Kühe ganz allein die Eichenallee entlang. Kein Hirte, kein Hirtenhund, ganz alleine fanden sie den Weg zurück zum 4km (!) entfernten Dorf zum Melken. Wir krabbelten ins Zelt und dachten, an dieser Hauptverkehrsachse eine ruhige Nacht verbringen zu können. Doch kurz vor Mitternacht weckte uns ein energisches Rufen und grelles Licht einer Taschenlampe. Ich schickte Jan raus, denn zwei Motorräder bedeuten ja schließlich zwei Männer und wenn einer schon größer ist als alle Aserbaidschaner, dann ist es besser, keinen Ärger zu machen. Vor dem Zelt stand ein Hirte mit Hirtenstab, der laut auf Jan einredete. Ob er seine acht Kühe vermisste? Jan machte „Muh“ und zeigte in die Richtung, in die die Kühe davon getrottet waren. Der Mann debattierte weiter laut herum, sah aber irgendwann ein, dass es nichts bringt und verschwand. Und wir waren erstmal wach. Richtig wach. War das wirklich nur ein Hirte? Kam der wirklich nicht mehr wieder? Und: wo kam der eigentlich her? Laut Karte war in der Richtung, in die er lief, 25km kein Dorf!

Weil wir am nächsten Morgen spät im Eichenwald aufwachten, mussten wir wohl doch irgendwann wieder eingeschlafen sein, trotz der seltsamen Begegnung mitten in der Nacht. Der Himmel war bedeckt und grummelte, was ich mit Sorge sah, denn ich wusste, dass die von mir gefundenen Wege laut Karte immer wieder durch einen Fluss führten.

Kaum hatten wir unsere Eichenallee hinter uns gelassen, wurde der Weg alles andere als „romantisch“. Der Boden war so heftig ausgewaschen, von Erosionsrinnen zerfurcht und mit ausgetrockneten Pfützenlöchern zerbombt, dass der ursprüngliche Weg nur noch aus einzelnen, tief eingegrabenen und betonfest verbackenen Fahrspuren bestand. Volle Konzentration! Aber irgendwie auch voller Spaß, denn das Terrain erinnerte an anspruchsvollere Passagen der Balkan Offroad Rallye. Bloß dass wir keine Rallyemotorräder dabei hatten und auch keine Stollenreifen, sondern Gepäck und uralt-Enduros. Aber leicht kann ja jeder! Und das ist also der „gute“ Weg, den uns die Jungs im Dorf erklärt hatten! Wie sieht dann der „schlechte“ Weg aus???

Kaum dass die Auswaschungen aufhörten, fing der nächste Spaß an. Der Weg führte direkt in ein Flussbett und darin weiter. Mein GPS, welches mir eigentlich gezeigt hatte, der Weg führe entlang des Ufers wusste noch nicht, dass das Ufer weggebrochen war und der Weg auch somit nicht mehr existierte. Wenn die Steine im Flussbett zu groß und unpassierbar wurden, ging es steil aus dem Fluss heraus, irgendwelche Hänge hoch und wieder herunter zurück ins Flussbett.

Die Landschaft, durch die sich der Fluss grub, war feinste Hochgebirgslandschaft und wir trafen nur einen Reiter und ein paar Kühe. Das lang ersehnte Dorf entpuppte sich als eine lose kleine Häuseransammlung nach einem ziemlich steilen Anstieg aus dem Flussbett. Eine einzige Menschenseele stand dort und schaute uns ziemlich verwirrt an. Scheinbar kommt aus der Richtung sonst kein Fahrzeug. Kein Wunder, bei dem „Straßen“zustand! Jan meinte, er sei sich nicht sicher, ob man im dem Dorf schon vom Zerfall der Sowjetunion gehört hatte.

Wir wussten mittlerweile schon: wo es steil hoch geht, geht es auch steil wieder hinunter – ins Flussbett. Irgendwo trafen wir auf einen Reiter und einen Schafhirten, die ihren Spaß an uns hatten, denn ihre Tiere blockierten die Fahrspur im Flussbett. So ein hohes Verkehrsaufkommen wie wir mit unseren zwei Fahrzeugen bildeten, herrschte dort sicher seit Monaten nicht mehr!

Irgendwann bog der Pfeil im GPS vom Flussbett ab und zeige auf einen Pfad, der auf eine völlig überraschend fruchtbare Hochebene führte. Statt Flusskieseln und großem Steinegerumpel führte die immer breiter werdende Piste auf herrlich entspannender Erde durch Weizenfelder hindurch. Ich schaltete die Gänge hoch, der Fahrtwind ließ den Schweiß abtrocknen, Pet und Oskar flogen über den Feldweg auf einen Mähdrescher zu. Moment. Mähdrescher. Der war viel zu breit für die Pisten hier. Der ist nicht geländegängig genug für die wilde Steineklopperei, die hinter uns lag. Der ist viel zu schwer, um in dem Gefälle, welches hinter uns lag, nicht den Hang hinunter zu purzeln. Wie kam der da hin? Das Dorf inmitten der Felder hatte breite Wege und überall waren Menschen vor ihren Häusern, die uns hinterher blickten. Und am Ende des Dorfes begann: der Asphalt!

Wir hatten für 25km eineinhalb Stunden gebraucht, inklusive kleiner Pause zum Oberarme Ausschütteln. In Anbetracht der Streckenverhältnisse und „falscher“ Motorräder gar nicht so schlecht! Und doch fühlte ich mich betrogen, als die kleine, völlig verstaubte und verschlammte Pet die ersten Meter auf Asphalt rollte: laut maps.me Daten kam das neue, tiefschwarze Asphaltband 11km zu früh!

Nach einem Tee und leckerem Schaschlik zu völlig normalen Preisen (Abzockerstadt Baku Ade!) bogen wir von der Landstraße ab, weil wir in ein Bergdorf namens „Lahic“ wollten, in welchem das UNESCO immaterielle Kulturerbe der aserbaidschanischen Kupferbearbeitung noch lebt. Und ratet Mal, was uns erwartete? Ein Flussbett! Allerdings ein autobahnähnliches, indem auch alte, klapprige Ladas, die sich nicht mit dem Namen „Niva“ schmücken durch das Wasser rumpelten.

Lahic selbst ist ein verschlafenes Dorf mit gepflasterten Wegen, Kupferschmieden und traditionellen Häusern mit Holzbalkonen. Dort wird auch ein ganz eigener Dialekt gesprochen, was wir aber nur gelesen haben, denn verstehen tun wir so oder so nichts hier. Noch ist es dort verschlafen, aber weil Flussbetten nicht Jedermanns Sache sind, wird gerade ein schmales Asphaltband gelegt, damit die Touristenmassen das Dorf überfallen können…

Das Dorf selbst war für uns fast Zivilisation, denn es gab Lebensmittelgeschäfte und sogar einen Friseur, bei dem sich Jan für 2,50€ rundum „aufhübschen“ ließ. Handyempfang und Internet war seitdem wir Baku verlassen hatten, Fehlanzeige und so fielen wir früh ins Bett einer Pension. Und vermissten so sehr unser Zelt! Die „Familie Krachmacher“ zog mit großem Radau neben uns ein, eine Wasserpumpe sprang ständig laut an, die Kopfkissen waren aus Beton und der einzige Vorteil der super schön gelegenen Unterkunft erschien uns plötzlich nur die Dusche, die wir gleich bei Ankunft genossen hatten.

Ein letztes Mal noch ein paar Kilometer zurück durch das Flussbett, dann hatten wir wirklich dauerhaft Asphalt unter den Rädern und waren auf dem Weg in die „Zivilisation“. Doch zunächst hielten wir an einem Straßenstand, an dem eine Frau Teigfladen über den Feuer buk, welche mit Fenchel und anderen Gewürzen kräftig gewürzt waren und grellgelb leuchteten. Dazu gab es frischen Käse, Honig und Butter, die mit dem, was in deutschen Supermärkten als „Butter“ verkauft wird, nichts zu tun hat.

Die Frau war aufgeregt wie ein aufgescheuchtes Huhn, weil Ausländer bei ihr zu Gast waren und versorgte uns noch mit Proviant aus Brot mit Käse und einer Flasche Ayran. Ich liebe solches Essen vom Straßenrand mehr als jedes Edelrestaurant und saß glücklich strahlend vor den gelben Teigfladen, an denen wir uns beide maßlos überfraßen.

Wir hatten nur 130km bis Sheki, doch die an sich schöne Strecke durch Wälder und Hügel war entsetzlich langweilig, so asphaltiert und einfach zu befahren. Wir schafften es nicht, die 130km an einem Stück abzureißen und hielten vor lauter Langeweile unterwegs für eine Cola. Doch die Kilometer mussten sein, ich brauchte Internet, um nach einer Woche „durch die Berge treiben“ wieder zu arbeiten, das Finanzamt anzurufen, der Versicherung hinterher zu telefonieren und auch, um die Erlebnisse niederzuschreiben. Die Wörter in die Tastatur fließen zu lassen, die seit Tagen in meinem Kopf sind. Und Jan ist schon fleißig beim Sichten des Videomaterials, welches er in den nächsten Tagen verarbeiten wird!

Und die Moral von der Geschicht? Traut Eurem GPS nicht! Haben wir ja schon in Russland gelernt, dass das „normale“ GPS nur dort lang routet, wo „jeder“ lang fährt, aber nicht da, wo das Land seine wahre Seele zeigt (und die Neumänner ihren Spaß haben)…