Nach fast einer Woche Großstadtlärm in Teheran mussten wir dringend raus in die Berge, in die Natur, die Stille – und zurück auf unsere Motorräder, die wir während der „Goldenen Hochzeitsreise“ in Teheran geparkt hatten.

Doch zunächst mussten wir in Teheran noch ein paar Dinge erledigen. Zum Beispiel, unsere Turkmenistan Visa abholen – yeah! Das Turkmenistan Visum war das „wackeligste“ Visum unserer Route und die Chancen standen 50/50, dass wir beide es bekommen. In der Vergangenheit wurde es Paaren meist nicht zusammen ausgestellt. Das Visum nicht zu bekommen, hätte für uns einen Umweg zurück nach Aserbaidschan bedeutet, um mit der Fähre über das Kaspische Meer nach Usbekistan zu kommen oder ein noch größerer Umweg über Russland.

Außerdem wurde es laut Wartungsplan (und meinem feinen Gehör) Zeit, an Pet die (als Ersatzteil im Gepäck mitgeführte) Steuerkette zu tauschen. In der iOverlander App wurde in Teheran eine Werkstatt empfohlen, die auch Erfahrung mit „big bikes“ hat. Im Iran sind nämlich Motorräder über 250ccm theoretisch verboten. Praktisch stehen aber Hayabusa, XJ1300, KTM1190, CBR900 und andere „big bikes“ in den Läden und wer sich traut oder Beziehungen hat, fährt sie auch. „Unsere“ Werkstatt gab uns einen Termin für Mittwoch früh um 9 und statt uns nach der Motorradabgabe heraus zu schicken, wurden wir in der Werkstatt mit Tee und Melone bewirtet.

Wir waren den ganzen Tag dabei, konnten den Jungs auf die Finger schauen und staunten nicht schlecht, mit wie viel Liebe da gearbeitet wurde. Ich war zunächst sehr sehr nervös, denn in der Vergangenheit war meine Erfahrung in Deutschland, dass man sein Fahrzeug niemals in einer Werkstatt auch nur anfassen lässt… Man kümmerte sich in Teheran jedoch auch um kleine Details wie die schon vor dem Kauf von Pet irgendwann abgescherte Schraube des Kickstarters und bevor auch nur irgendein Teil wieder angeschraubt wurde, bekam es ein gründliches Bad in Reinigungsflüssigkeit, sodass alles wie neu aussah. Am Ende eines schönen Tages samt Mittagessen in der Werkstatt wechselten umgerechnet 54€ den Besitzer, inklusive Ölwechsel und einem Liter Reserveöl Motul 10W50.

Und dann, endlich, konnten wir die Großstadt und das Hostel voll lauter Chinesen verlassen. Wobei wir zum Schluss gar nicht mehr wussten, was schlimmer war: der Lärm des Straßenverkehrs oder der Lärm der chinesischen Gäste. Meine Seele verlangte nach Natur! Und die schlug auch gleich zu. Von oben. In Form eines heftigen Gewitters mit anschließendem Dauerregen. Nicht das beste Wetter um über einen 2300m hohen Pass bei 8°C zu fahren. Aber trotzdem besser als noch eine Nacht im Lärm.

Nach etwas Suchen fanden wir mit Hilfe eines Einheimischen Motorradfahrers die Unterkunft in einem „drei Seelen Dorf“ auf 1900m am Ende eines Seitentales des großen Alamut Tals. Im Stil einer Berghütte aus Holz gebaut, bot ein junges Paar einen Schlafplatz vor dem prasselnden Holzofen in der Mitte des Raumes und frische Bergforelle zum Abendessen. Als wir uns vor den Ofen kuschelten, hörten wir nur das gemütliche Quaken der Frösche. Kein Lärm, nur purer Seelenbalsam!

Am nächsten Tag tröpfelte es immer noch und so beschlossen wir, unseren Platz am Ofen nicht zu verlassen und die Seele baumeln zu lassen. Das tat so gut! Erst nach 2 Nächten vor dem Ofen packten wir unsere Sachen zusammen, um das Alamut Tal weiter zu erkunden. Das Alamut Tal wird auch „Tal der Meuchelmörder“ genannt, denn dort versteckten sich im 12. Und 13. Jahrhundert die Assassinen, eine islamische Glaubensgemeinschaft, mit der auch die europäischen Kreuzritter in Kontakt kamen.

Von den ehemals über 50 Festungen der Assassinen kann man im Alamut Tal wenige besichtigen. Wir zogen in einer alten Schule zu Fuße der Alamut Burg in eine ehemalige Dorflehrerwohnung ein und kraxelten kurz vor Sonnenuntergang den steilen Weg zur Burg hoch. Nach der Zerstörung der Burg durch die Mongolen (und einem Erdbeben 2004) ist nicht mehr viel übrig, aber die Aussicht auf die das Tal umschließenden, mindestens 3500m hohen Berge mit ihren glitzernd weißen Gipfeln war den anstrengenden Aufstieg auf jeden Fall wert!

Der ganze Schnee auf den Berggipfeln ließ uns schon ahnen, was uns am nächsten Tag passieren würde, doch trotzdem machten wir uns auf den Weg, um den 3200m hohen Salambar Pass zu bezwingen. Er wird unter „dangerous roads“ gelistet, weil er unbefestigt und recht steil ist, aber nachdem wir letzten Herbst die Tusheti Road als „top 10 most dangerous roads“ problemlos bezwungen hatten, konnte uns auch nichts aufhalten. Unser nächstes Ziel sollte das Kaspische Meer sein und um das auf asphaltierten Straßen zu erreichen, hätten wir 360km fahren müssen. Über den Pass waren es nur 130km. „Asphalt sparen“ ist ja sowieso unser Motto und so schraubten wir uns Kehre um Kehre nach oben.

Die Landschaft am östlichen Ende des Alamut Tals ist wild und rau, der Pass schraubt sich von knapp 900m sehr direkt nach oben, schlängelt sich durch hochalpine Landschaft voll Blumen und mit so atemberaubenden Ausblicken auf schneebedeckte Berge, dass das Fahren fast zur Nebensache wird. Unglaublich schön – und keiner da! Nun ja, warum keiner da war, könnt Ihr Euch sicher denken: bei 2700 Höhenmetern war Schluss, geschlossene Schneedecke über dem Weg und noch ein halber Kilometer Höhe bis zur Passhöhe. Wir kehrten um, hatten aber nicht nur Fahrspaß, sondern auch einen so wilden und einsamen Teil des Tals kennen gelernt, den wir niemals erlebt hätten, wenn wir nicht trotzdem losgefahren wären, obwohl die Aussicht auf Erfolg von Anfang an nur sehr klein war.

Was tun? In den sauren Asphalt-Apfel beißen und aufgeben? Einen Versuch gaben wir uns noch: im westlichen Zipfel des Alamut Tals sind die Berge deutlich niedriger, dort sahen wir keine schneebedeckten Gipfel und auf maps.me auch eine Möglichkeit, die Bergkette Richtung Meer zu queren. Wir folgten auf einer „Schotterautobahn“ einem Fluss, der sich durch den Sandstein seine eigene Schlucht gegraben hatte. Überall blühte der Klatschmohn und auf 750m war es auch angenehm warm.

Plötzlich schaltete sich während der Fahrt ein Gedankenkarussell in meinem Kopf ein. Es war 16 Uhr, es waren noch 165 ungewisse Kilometer. Würden wir wieder auf 2500m scheitern und dann dort in der Eiseskälte im Schnee zelten müssen? War der Weg frei oder vielleicht durch Muren oder Geröll versperrt? Hatten die Unwetter der letzten Wochen vielleicht den Weg ins Tal gerissen? Hatten Schmelzwasserflüsse vielleicht die Piste unbefahrbar zerstört? Mussten wir das am späten Nahmittag noch herausfinden? Jan lachte mich zwar aus, wir entschieden aber trotzdem, auf einer Wiese an einem dieser Schmelzwasserflüsse das Zelt aufzubauen und am nächsten Morgen den Versuch zu starten. Asphalt sparen ist nicht unbedingt zeitsparend….

Wir genossen es nach den eisigen Winternächten im Iran endlich wieder in den „eigenen 4 Wänden“ in der Natur zu schlafen, kochten mit Schmelzwasser und waren in der doch unerwartet kühlen Nacht froh um unsere kuschelige Daunendecke

Am nächste Morgen ging es über teils sandige Kehren in flottem Tempo schnell auf eine etwa 2300m hohe Hochebene, die so ganz anders aussah als die Landschaft, die wir am anderen Ende des Alamut Tals auf gleicher Höhe gesehen hatten. Fast ein wenig Kroatien oder Südfrankreich! Und wieder: außer uns keiner da, wir legten die Spur auf den Weg nach oben. Und dann, bei 2400m standen wir wieder vor Schnee. Doch diesmal war es nur eine „Schneezunge“ aus zu Eis verbackenem Altschnee und wir begannen, uns eine Spur frei zu graben.

Als wir uns fast zueinander durchgemeißelt hatten, kam Verstärkung: zwei Einheimische auf einem 150ccm Motorrad packten mit an und so war schnell eine schmale Durchfahrtsmöglichkeit frei gebuddelt. Bis wir wieder startklar waren, hupten und winkten die beiden von einem Bergrücken zu uns und verschwanden in komplett anderer Richtung. Komisch? Nicht komisch, denn kaum 100 Höhenmeter weiter standen wir vor demselben Problem wie am Vortag: Schnee. Und zwar zu viel davon, um das wegzubuddeln. Und ein Blick ins schattige Tal zeigte: es war nicht der einzige Schneehaufen, der auf uns wartete…

Wir beschlossen, in die Himmelsrichtung zu fahren, in die die zwei Männer verschwunden waren und fuhren eine steile Fahrspur auf einen Bergrücken. Die Fahrspur verschwand, wir fuhren weiter und mussten leider feststellen: dieser Fahrspaß führte zu nichts außer einem immer länger werdenden Rückweg. Außerdem zogen dunkle Wolken auf und wir entschieden uns für den Rückzug.

30 zügige Kilometer und knapp 2000m tiefer erreichten wir das erste Dorf auf der Talsohle und sprangen mit den allerersten dicken Regentropfen des Gewitters in eine Art Unterstand. Die Motorräder standen auf der Piste, auf der genau ein einziges Auto fuhr, während es regnete. Und dieses Auto hielt an. Ein Mann sprang heraus, schnappte sich seinen Picknickkorb und hockte sich zu uns. Obwohl gerade Ramadan (der Fastenmonat) ist, bot er uns heißen Tee aus der Thermoskanne an, schenkte uns eine Melone und fütterte uns mit zwei Tüten Chips. Als der Regen aufhörte, klappte er den Picknickkorb wieder zu und düste davon. Das ist Gastfreundschaft im Iran!

Wir entschieden, nicht noch die dritte Möglichkeit, gen Norden aus dem Alamut Tal heraus zu kommen zu probieren, sondern einen Weg gen Süden zu suchen. Den fanden wir in Form eines breit geschotterten, nur 2200m „flachen“ Bergpasses, der uns recht schnell über die Berge aus der Natur auf die Autobahn brachte. Kaum auf Asphalt, hing die nächste dicke Regenwolke über uns und öffnete sich so plötzlich, dass ich bis auf die Haut nass wurde. Da es aber in fast freiem Fall gen Küste ging, trockneten die Klamotten im immer heißer werdenden Fahrtwind blitzeschnell.

Am frühen Abend gaben wir auf. Asphalt fahren bei 37°C ist nervig und um das Meer noch zu erreichen, hätten wir noch ein paar Stunden Asphalt schrubben müssen. Mit der Hilfe von Einheimischen fanden wir Unterkunft in einem noch in Bau befindlichen Hotel, wo unsere Motorräder hinter verschlossenem Tor vor der zukünftigen Rezeption parkten, während wir mit Popcorn und Erdnüssen aus dem Laden gegenüber den Tag beendeten. Wegen Ramadan hat kein Restaurant vor Sonnenuntergang geöffnet – und die Sonne geht hier erst spät unter.

Da das Hotel ja nur eine Etage bewohnbar und kein Personal hatte und es so kein Frühstück gab, teilten wir uns die kleine Melone und fuhren mit einem großen Loch im Bauch los. Am Vortrag hatte es außer Frühstück aus der Campingküche, Chips im Regen und Popcorn am Abend nichts zwischen die Zähne gegeben. Auf den 140 folgenden Kilometern fanden wir auch kein geöffnetes Restaurant und verzogen uns mit einer Notration Chips aus einem Dorfladen in den Schatten. Ramadan ist auch eine neue Erfahrung im Iran!

Kaum auf Meereshöhe, waren wir in einem anderen Land: überall Reisfelder und Teeplantagen, Menschen mit großen Strohhüten, das Klima heiß und feucht, überall Palmen und Wasser und ein Geruch nach Tropen, der uns im Iran völlig neu war. Auch die Häuser sahen ganz anders aus und uns war, als hätten wir eine Weltreise im Zeitraffer gemacht: von der Einsamkeit der Berge voll Schnee bis hin in die Tropen Südosasiens… und von der Berghütte in ein Baumhaus. Wir sind nun in einer Ecolodge, haben unser Nest in einer Art Baumhaus aufgeschlagen und machen erstmal Pause. Klamotten waschen, arbeiten, Fotos sortieren, Videos schneiden, die Weiterreise planen und ein paar Dinge organisieren, während der tägliche Regen auf unser Baumhaus prasselt… Freut Euch auf die nächsten Videos! Jan ist fleißig, habt Ihr seine Zusammenfassung der letzten Monate schon gesehen?