Schon im letzten Blogbeitrag „Iran geht auch „bio“!“ konntet Ihr lesen, dass es auch im Iran Menschen gibt, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich für ökologischen Landbau, Umweltschutz und den Erhalt traditioneller, nachhaltiger Wirtschaftsweisen engagieren. Doch das ist noch nicht alles, was wir in dieser Hinsicht erlebt haben…

Am zweiten Tag auf dem Biohof, auf dem wir Honig „machen“ durften, kam abends Frank auf seiner KTM EXC500 an, mit dem wir über Facebook in Kontakt standen. Er kommt ursprünglich aus Stuttgart und reist seit 4 Jahren durch die Welt. Wir verstanden uns auf Anhieb und beschlossen, nachdem wir einen grauen Tag voll Regen und Nebel zusammen auf dem Biohof verbracht hatten, gemeinsam weiter zu fahren.

Die Wettervorhersage war mies, aber da für uns alle drei die Uhr im Iran tickt wegen unserer Visa (Frank Pakistan, wir Turkmenistan), fuhren wir trotzdem los. Wir waren ja eigentlich gar nicht hauptsächlich wegen des Biobauernhofes in der Gegend, sondern wegen den Kalksinterterrassen, dem „Pamukkale Irans“, was schöner, da farbenfroher sein soll. Leider wird das erstmal ein Geheimnis bleiben, denn wir sahen nichts von den Terrassen, obwohl wir direkt davor standen! Hier ein Foto von google ohne Nebel:

Quelle: http://www.kindiran.com/EN/photo/2176

Wir waren zwar drei Nächte 7km entfernt von den Quellen, aber nur am ersten Tag war weder Nebel noch Regen – und den Tag haben wir dem Honig, dem Bioanbau und Jan seinem Lenkkopflager gewidmet. Das Lenkkopflager rastete nämlich ziemlich, sodass Jan spontan beschloss, das mit Biobauer Mohammad und seiner Werkzeugausrüstung schnell zu wechseln. Wie Ihr seht: es ist immer sinnvoll, Lager dabei zu haben! Sie sind klein, rutschen in jede Lücke im Gepäck und sind so immer schnell zur Hand, wenn man sie braucht. Mehr zu unseren Ersatzteilen im Gepäck hier: Werkstatt

Nachdem wir einen Blick auf den Nebel geworfen haben, hinter dem sich die Sinterterrassen versteckt hatten, sind wir weiter gefahren. Der Nebel wurde immer dichter, sodass die Navigation echt schwierig wurde. Wir fuhren auf kleinen Bergpisten, um einen großen Umweg über Asphalt zu sparen. Sicherlich war die Landschaft toll, aber manchmal habe ich nur noch mein vorderes Schutzblech gesehen und nicht den Weg! Mit Frank macht es Spaß, zusammen unterwegs zu sein, denn er besitzt nicht nur eine EXC500, er kann damit auch umgehen.

So kamen wir auch auf die Idee, alle Warnungen Einheimischer in den Wind zu schlagen, dass eine Straße, die wir uns rausgesucht hatten und vor der uns Einheimische mehrmals eindringlich gewarnt hatten, doch anzufahren. Wir wollten in den Abr Nebelwald, der sich entlang eines Bergrückens mitten aus der Steppe erhebt. Unser „Joker“ Hamideh hatte uns im Haus eines Rangers als Gäste angemeldet. Quer durch den Wald waren es nur 45km Strecke, auf Asphalt 158km. Und da wir ja Enduros haben und damit umgehen können…

Während Frank und ich noch Höhenprofile möglicher Routen und Streckenvarianten begutachteten, saß Jan dabei und stellte fest: „Lasst es doch einfach sein, es ist doch eh klar, dass wir da hin fahren und es versuchen!“ Er hatte Recht und schon bald fuhren wir in den Nebelwald hinein. Und der machte seinem Namen alle Ehre, er gab sein Bestes, indem es nicht nur Nebel, viel Nebel gab, sondern auch Regen. Die Piste ließ sich gut fahren, auch im Nassen waren die Steine recht griffig und wir düsten hoch motiviert der GPS Koordinate des Rangers entgegen.

Mitten im Nebel wurden wir von Einheimischen gestoppt, die uns eindringlich davor warnten, ohne Begleiter weiter zu fahren, der Weg sei eigentlich nicht fahrbar. Das hatte uns der Ranger auch ausrichten lassen, aber es waren nur noch 14km und der Rückweg unendlich lang. Also weiter. Der Regen prasselte weiter auf uns runter und die Sicht war so vernebelt, dass ich froh war, zumindest Jan über Intercom hören zu können, denn sehen konnten wir uns trotz LED Scheinwerfern allesamt nicht, obwohl wir sehr dicht aufeinander fuhren.

Es ging stetig bergab, das wussten wir: 1600 Höhenmeter mussten wir runter. Solange der Untergrund nur nass, aber steinig war, ging das auch gut. Und dann, ganz plötzlich änderte sich der Untergrund von Stein zu Glitsch. Keine solche Matsche, in der man sich seine eigene Spurrille gräbt, sondern der Typ „Balkan Matsche“, die sofort die Reifen zu setzt und einen Schmierfilm auf dem darunter liegenden festen Untergrund bildet. Ein Schmierfilm, auf dem schon Laufen eine Herausforderung ist. Es kam, was kommen musste: Jan wollte nur einem Schlammbrocken ausweichen…

Aber weil der Vorderreifen voll Schlamm war, brachte Lenken natürlich gar nichts außer Kontrollverlust und Oskar und Jan rutschten zur Seite. Über Intercom kam sehr schnell sehr bestimmt: „Kommt bloß nicht hinterher, wir kommen hier nie mehr hoch!“ Wir haben Oskar zu dritt dann doch wieder hoch bekommen und saßen nass geregnet im Wald. Die Matsche war nicht fahrbar, das Gefälle sehr steil und am Ende des Hangs eine rechtwinklige Kurve, die wir aber nur im GPS sahen, denn durch den Nebel verschwand der Hang im Nichts. Der Asphalt war keine 5km entfernt, die Unterkunft 12km, aber bis dahin mussten wir noch 1200 Höhenmeter herunter. Was tun?

Um über Asphalt zur Unterkunft zu kommen, müssten wir nochmal einige Stunden durch den Regen fahren. Im Wald campen und darauf hoffen, dass der Regen irgendwann aufhört, wäre eine andere Variante. Doch würde der Hang im Nebelwald in absehbarer Zeit abtrocknen? Eher nicht. Wir entschieden uns für Rückzug und verbrachten die nächsten Stunden bis kurz vor Sonnenuntergang im Regen auf Asphalt. Bei so einem Wetter ist es dann besonders schön, anzukommen. Insbesondere dann, wenn der Gasofen bollert und es sofort heißen Tee und Suppe gibt!

Unser Gastgeber, der Ranger, nahm uns am nächsten Tag gleich unter seine Fittiche, um uns sein Projekt zu erklären. Im Nebelwald wächst die Eibe, welche durch Abholzung im Iran vom Aussterben bedroht ist. Sie wächst sehr langsam, wodurch ihr Holz sehr fein gemasert und teuer ist. Eigentlich steht die Eibe unter Naturschutz aber darum kümmern sich die Leute im Nebelwald nicht, denn sie haben keine Alternative, um ihr Einkommen zu erwirtschaften. Und genau da setzt das Projekt des Rangers an: den Menschen eine Einkommensalternative geben, wenn sie aufhören, die Eiben abzuholzen.

Im Dorf gibt es mehrere Werkstätten, in denen die Familien, die früher vom Holz gelebt haben, nun nicht nur ihr Einkommen bestreiten, sondern auch alte Traditionen wieder aufleben lassen. Da werden Stoffe gewebt, zum Beispiel zu sehr schönen Chenille Handtüchern oder Tischdecken. Wandbehänge, Kissenbezüge und Deckchen werden traditionell bestickt, Teppiche geknüpft und Filzteppiche gewalkt. Außerdem werden Kräuter angebaut und Puppen handgefertigt. Zum Beweis, dass dieses Konzept aufgeht, bekamen wir eine Frau vorgestellt, die ihre Familie nun durch Handarbeiten ernährt und deren Mann keine Eiben mehr fällt.

Mir tut es dann immer leid, dass wir mit dem Motorrad reisen und kein Zuhause mehr haben, um zumindest ein Handtuch oder eine Tischdecke kaufen zu können und damit solche Projekte zu unterstützen. Aber allein durch unsere Übernachtungen samt Abendessen konnten wir etwas Geld im Dorf lassen. Der Tourismus soll ausgebaut werden und so kam es den Dorfbewohnern ganz gelegen, dass im Nachbardorf die Unwetter der vergangenen Wochen die Straße zerstört haben und aus Teheran ein ganzer Bus Regierungsbeamter anreiste, um das Ausmaß der Schäden zu begutachten.

Dass dann tatsächlich Touristen aus dem Ausland im Dorf waren, musste ausgenutzt werden. Wir wurden vorgestellt und mussten mit den Politikern Mittagessen. Unser Gastgeber instruierte uns vorher noch, dass wir unbedingt das Thema Mobilfunk und Internet ansprechen sollten – und wir nutzten die Regierungskontakte für unsere Zwecke. Unser Gegenüber war vom Tourismusministerium und zuständig für die Entwicklung des Tourismus im ländlichen Raum. Er wollte tatsächlich von uns wissen, ob er etwas für uns tun könne. Das konnte er! Vom momentanen Einreiseverbot für Motorräder über 250ccm wusste er nichts und sah schnell ein: seine Tourismusförderung bringt rein gar nichts, wenn ein anderes Ministerium verhindert, dass die Touristen überhaupt einreisen können! Das mit dem langsamen Internet im Dorf haben wir natürlich auch angesprochen. Allerdings innerlich schmunzelnd: im Iran beschwert sich ein Bergdorf, dass das Internet so langsam ist. In Deutschland beschweren sich ganze Landstriche, weil es dort weder Handyempfang noch Internet gibt…

Nach zwei Nächten beim Ranger und seiner Familie schien die Sonne wieder und wir fuhren zu einem Wasserfall, der uns von der Familie sehr ans Herz gelegt wurde. In MX Stiefeln und Motorradklamotten im Wald bergauf kraxeln ist nicht die beste Idee und nur Frank hielt durch. Das, was er uns dann als „Fototrophäe“ mitbrachte, war den Aufstieg nicht wert. Wir tranken noch ein paar Schluck Malzbier im Ausflugsrestaurant und fuhren Richtung Turkmenistan.

In Gonbad e Qabus steht der höchste Grabturm im Iran mitten in der Stadt und mitten in einem Park. Dort wollten wir eigentlich nur auf einer Bank sitzen, auf den Turm gucken, etwas trinken und im Internet surfen, als wir zu Instagram Stars wurden. Mal wieder. Ein lokaler Instagram Star interviewte uns (sehr nervig) und zog von dannen. Seine Follower jedoch erkannten auf dem Video den Park und liefen zu uns, um Fotos mit uns zu machen. Instagram ist im Iran ganz groß, wir nutzen Instagram seitdem wir hier sind auch immer öfter. Ihr findet uns dort unter „travelove4u“.

Als wir im Ort tankten, erreichte mich die Nachricht unserer nächsten Unterkunft, bitte keinesfalls von Westen aus anzureisen, sondern bitte nur von Süden. Das hatten wir schonmal. Sollten wir diesmal dem Rat der Einheimischen folgen oder doch unseren Plan, offroad zu fahren, übers Knie brechen? Ein paar Minuten Spielen mit maps.me zeigte: wenn unsere offroad-Route schief geht, hätten wir 180km mehr auf dem Tacho! Also fuhren wir von Süden in die Region hinein und waren sofort begeistert!

Es ist schwer zu beschreiben, was wir sahen: lauter kleine dreieckige oder pyramidenförmige grüne Hügel mit Canyons dazwischen. Und ein dünnes Asphaltband, was sich dazwischen gen Norden schlängelt. Hamideh hatte uns in einer weiteren „Ecolodge“ angekündigt, doch diese lag im „Nirgendwo“: weder das Dorf noch die Straße waren auf irgendwelchen Karten in unseren drei verschiedenen Kartenquellen vorhanden. Hamideh hatte uns eine GPS Koordinate zur Orientierung gegeben, doch wir würden erwartet und zur Unterkunft geführt. Spannend! Was hatte sie uns da bloß herausgesucht?

Tatsächlich: an einer Weggabelung saß ein dicker Junge samt Motorrad und wartete auf uns. Er fuhr vorneweg und brachte uns so zu seinem Vater, der zwei turkmenische Jurten an Gäste vermietet. Jurten! Sehr cool! Wir waren sofort begeistert, meine erste Nacht in einer nicht-mongolischen Jurte! Für alle, die sich mit Jurten nicht so auskennen wie ich: mongolische Jurten sind ganz anders aufgebaut. Ganz anders. Aber turkmenische Jurten sind auch schön.

Die Kommunikation war schwierig. Unser Gastgeber sprach Turkmenisch, für das es keine Übersetzungs-App gibt. So versuchte er sich in Fremdsprache Farsi, tippte das fehlerhaft in die App ein und heraus kamen lustige Sätze wie „Die Giraffe hat einen Augapfel in Bojnurd“ oder „Sei fröhlich mit der lustigen Mutter“. Außer Lachen brachte das nichts, aber wir blieben trotzdem 2 Nächte in der Jurte.

Die Turkmenen im Iran sehen aus wie Turkmenen, sprechen Turkmenisch, kleiden sich wie Turkmenen und haben die teuersten Pferde des Landes. Im Ort selbst gibt es 50 oder 60 Stück: wunderschöne Tiere, die selbst Kinder schon im Galopp über die staubige Dorfstraße treiben. Nur wir durften nicht reiten: „zu wild“. Zumindest glauben wir, dass das die Übersetzungs-App meinte…

Im Abendsonnenschein fuhren wir nach Khaled Nabi, einem prä-islamischen Friedhof inmitten der bizarren Landschaft der pyramidenförmigen Berge und Hügel. Keiner weiß so genau, was die schmetterlingsförmigen und phallussymbolhaften Grabsteine bedeuten oder welcher Kultur sie zugeordnet werden können. Auf jeden Fall erlebten wir tolle Aussichten, einen wunderschönen Sonnenuntergang und einen Blick in die Weite bis ins 30km entfernte Turkmenistan, welches grün leuchtete – gar nicht grau und Steppe, wie man immer vermutet!

Nach 2 Nächten konnten wir uns kaum von unserer Jurte trennen. Obwohl wir uns mit unserem Gastgeber kaum verständigen konnten, war es trotzdem eine tolle Erfahrung, eine so sehr andere Kultur im Iran kennengelernt zu haben. Dank Hamideh und kleinen, einfachen Unterkünften, haben wir die Tabari sprechenden Milchbauern im Wald erlebt, den Biobauern besucht und Honig gemacht, über die Eibe und den Nebelwald gelernt und waren bei Turkmenen und ihren Pferden zu Gast. Eine Seite des Irans, welche wir Euch sehr ans Herz legen möchten: einfach Mal „klassische“ Sehenswürdigkeiten links liegen lassen! Nicht nur im Iran!

Wir haben die „Unterkünfte mit Mehrwert“ in maps.me und auf iOverlander eingetragen. Apps, mit denen Menschen wie wir reisen. Hamideh hat dafür gesorgt, dass die von uns gelieferten GPS Koordinaten mit allen Infos auf google Maps eingetragen sind. So hoffen wir, dass mehr Reisende die Gelegenheit bekommen, das zu erleben, was uns so bereichert hat. Und damit einen kleinen Beitrag leisten, um biologische Landwirtschaft zu fördern, Biodiversität und alte Traditionen und Wirtschaftsweisen zu erhalten und mit ihrem Aufenthalt im „Nirgendwo“ etwas Geld in die Dörfchen (wenn man überhaupt von „Dorf`“ sprechen kann) zu bringen. Liebe Leser, nehmt Euch Zeit, egal in welchem Land, sucht neue Pfade statt ausgetretener Wege, meidet Hostels für Ausländer und verbringt Eure Zeit mit den Einheimischen, nicht mit anderen „Travelern“…

Zu dritt fuhren wir noch durch den Golestan Nationalpark, in dem es aussieht wie in Deutschland: dichter, grüner Wald, ein kleiner Fluss darin und Warnschilder zu Wildschweinen, Leoparden, Rotwild, Steinböcken und Bären. Richtig schön! Unser Ziel war Bojnurd, wo der Gründer der Facebookgruppe „Overland in Iran“, Mohsen, Gäste aufnimmt. Dort sind wir nun und kümmern uns um unsere Motorräder: die DRs bekommen Ölwechsel, die KTM wird vom Elektrikwurm kuriert, unsere zwei freuen sich über neue iranische Reifen und einen großen, gründlichen Service, denn die beiden müssen fit für Turkmenistan sein. Weil wir da nur ein 5-tages-Transitvisum haben und eine „herausfordernde“ Route geplant haben, darf nichts dazwischenkommen!