Als wir das erste Mal die Altstadt von Lhasa betraten, war es dunkel, die Gebäude wunderschön beleuchtet und wir wurden direkt verzaubert und in den Barkor Pilgerrundweg hineingesogen: um den Jokhang Tempel herum verläuft im Pflaster eine glatt gepflasterte Spur, auf der sich die Pilger Runde um Runde nach immer 3 Schritten auf dem Boden ausstrecken, um sich dann wieder mit aneinander gelegten Händen aufzurichten, 3 Schritte zu laufen – und sich wieder auf dem Pflaster auszustrecken. Damit das besser „flutscht“, haben manche Pilger mit Küchenschwämmchen gepolsterte Holz- oder Metallplatten unter ihren Händen.

Als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster schauten war klar: bei dem Wetter machen wir keine Besichtigungen! Es regnete. Wir machten uns stattdessen auf die Suche nach einer Wäscherei, einem Waschsalon oder einer Waschfrau. Das Hotel wollte für ein einfaches Shirt knapp 2€, die Reinigung um die Ecke „nur“ 1,50€. Dafür kann man nebenan ein ganzes Shirt neu kaufen! Unser Guide Jeff wusste am Telefon auch nicht weiter und im Internet stand, man solle rund um ein bestimmtes Restaurant nachfragen. Das taten wir und gaben in einem Souvenirgeschäft unsere 2 Säcke Wäsche für 7$ ab. Nicht billig, aber billiger! Nach 3 Wochen war es wirklich Zeit, Jeans, Fleecejacken, Handtücher und andere größere Wäscheteile, die man nicht im Waschbecken waschen und bis zum nächsten Morgen trocken bekommt, waschen zu lassen. China ist nicht billig, und wenn man dann in guten Hotels zwangsuntergebracht wird, dann gibt es dort auch keine Waschmaschine für Gäste!

Da wir seit 2 Wochen nur Nudeln und gebratenes Gemüse zum Frühstück bekommen hatten und nur dünnes Teewasser oder heißes Wasser oder heißes Süßgetränk „Plörre“ vom chinesischen Ableger der BASF dazu, gönnten wir uns jeder eine Tasse richtigen Kaffee in einem Café, das überall auf der Welt hätte sein können. Auch preislich orientierte sich das Etablissement mehr an New York als an Lhasa: eine Tasse Kaffee schlug mit 5€ tief in die Reisekasse ein. Nur Name und Dekoration erinnerte daran, dass wir im Himalaya waren: Summit Café… Trotzdem war es uns das viele Geld wert. Man kann hier für 5€ zwar zwei Personen im Restaurant satt bekommen, aber manchmal muss Seelenbalsam wirklich sein! Der Rest des Tages stand auch ganz unter dem Motto „Seelenbalsam“. Wie im letzten Blogbeitrag erwähnt, waren wir reisemüde. Jeden Tag den Ort wechseln ist nicht unsere Art des Reisens – hinzu kommt noch, dass unsere Anreise mit unserem VW Bus Kittymobil ja auch einen täglichen Ortswechsel bedeutete, sodass wir seit Ende Juli keine Zeit zum Erholen hatten und nirgends länger als 2 Nächte bleiben konnten. So ganz und gar nicht unser Reisestil und Reisetempo! Draußen regnete es weiter und wir verzogen uns mit unseren E-Bookreadern unter die Wolldecke auf dem Hotelzimmer.

Wir konnten uns immer noch nicht erklären, warum uns, bzw. Kittymobil, vor 2500km die Antriebswelle aus der Verzahnung gerutscht war. Technisch eigentlich unmöglich! Da Phuphu weder technisches Verständnis noch Engagement noch Chinesisch Kenntnisse hatte, hatten wir in der Werkstatt vor 2500km auch keine weitere Info außer „no problem“ herausbekommen können. Doch für die Weiterreise hätten wir doch gerne gewusst, ob das nochmal passieren kann. Wir baten unseren neuen Guide Jeff um Hilfe, der mit uns zur VW Werkstatt fuhr. Dort wurde alles gut kontrolliert und man fand heraus: die Schraube, welche die Antriebswelle an der Radnabe befestigt, war auf der „Schadenseite“ eine andere als Original. VW vermutet (und wir auch), dass beim prophylaktischen Radlagerwechsel in Eriwan der Mechaniker entweder die Schraube ganz vergessen oder nicht festgezogen hat. Jetzt ist eine Schraube drin, auch richtig festgezogen und alle (auch wir) überzeugt: das kann nie wieder passieren!

Bis der Mechaniker das alles überprüft hatte, war Zeit genug, dass sich im gesamten Autohaus die Kunde von einem VW aus Deutschland herumgesprochen hatte! Angestellte und Kunden standen um Kittymobil herum und alle waren sich einig: nur deutsche Qualität ist gut genug, um so weit zu fahren! Mittlerweile wissen wir, was passiert, wenn wir die Schiebetür öffnen und den Leuten klar wird: das ist kein Auto, das ist ein Haus! Wieder bildeten sich Trauben von diesmal VW Fans im Türeingang und mit Handys wurde alles festgehalten. Einer nach dem anderen wollte ein Foto von Kittymobil, natürlich mit VW Logo und deutschem Kennzeichen. Bezahlen durften wir auf keinen Fall, es war ja auch nichts kaputt! Kittymobil öffnet mehr Herzen, als es unsere Motorräder in 1,5 Jahren Reise je konnten!

Den Rest des Regentages verbrachten wir erholsam auf dem Hotelzimmer. Wir verließen es nur abends, um unsere frisch gewaschene (aber wegen Regen nicht ganz trockene) Wäsche abzuholen und in unser neues Lieblingsrestaurant zu gehen. Das ist in einer winzigen Seitengasse, keiner kann Englisch, wir bestellen per Fingerzeig und lachen viel. Besonders dann, wenn wir jeden, wirklich jeden unserer 5 Abende in Lhasa wiederkommen und immer etwas Neues probieren. Und es ist jedes Mal richtig lecker. Nicht immer wissen wir, was wir essen, aber das macht nichts, es schmeckt!

An Tag drei in Lhasa begann das Gefühl, nach 2 Wochen Durchreise auch in Tibet angekommen zu sein. Die Sonne zeigte sich und da die meisten Touristen nicht länger als 2, vielleicht 3 Nächte bleiben, wurden wir von Einheimischen wiedererkannt und gegrüßt, mussten an der Polizeikontrolle unsere Pässe nicht mehr zeigen und kannten uns in Lhasa aus.

Wenn wir in einer Seitengasse in „unserem“ Lädchen Wasser (oder Eis) kauften, freute sich das Ehepaar und wusste schon, was wir wollten. Die ganze Nachbarschaft kannte uns. Lhasa ist mit rund 470.000 Einwohnern recht klein und die Altstadt verwinkelt und bunt wie im Bilderbuch. Da seit 2008 ausländische Touristen nicht mehr so einfach nach Tibet kommen, ist es für uns Ausländer sehr angenehm. Niemand versucht, uns übers Ohr zu hauen, alle lächeln uns an und rufen „Hallo“, ohne uns etwas andrehen zu wollen. Und: wir selbst sind eine Attraktion, denn wir werden immer wieder fotografiert. Manchmal heimlich mit dem großen Teleobjektiv, manchmal fröhlich winkend mit Handykameras. Niemand spricht Englisch und das verstärkt die positive Stimmung, die wir in Lhasa verspüren.

Und so ein klitzekleines Bisschen haben wir uns eingelebt. Wir haben scharf gewürztes, getrocknetes Yakfleisch gekauft (welches mit einer Rosenschere in mundgerechte Stücke geschnitten wurde), trinken Buttertee aus Yakbutter, mögen Yakmilchsüßkram und finden es gar nicht mehr komisch, dass es überall heißes Wasser gibt. Man trinkt kein kaltes Wasser, sondern aus Thermoskannen oder Heißwasserspendern kochend heißes Wasser, welches man zum Essen sofort kostenlos eingeschenkt bekommt. Klingt komisch, ist aber gar nicht so schlecht, wie man denkt, wenn man kaltes Wasser gewohnt ist!

Wir liefen nochmal alle Sehenswürdigkeiten der Altstadt bei Sonnenschein ab, mischten uns unter die vielen Pilger, die mit Gebetsmühlen oder Gebetsketten um den Tempel im Kreis laufen, beobachteten die sich auf dem Boden ausstreckenden Pilger und die in tibetische Trachten verkleideten chinesischen Touristen auf der Jagd nach dem besten Foto für Instagram. (Auch wir haben seit dem Iran einen Instagram Account und zeigen dort andere Fotos als auf Facebook oder im Blog)

Wir hatten gelesen, dass der Potala Palast, seit dem 5. Lama der Sitz des Lamas (der jetzige Lama ist Nummer 14), völlig überlaufen sei und man in den engen Gängen und kleinen Räumen von den chinesischen Reisegruppen zerdrückt würde und nichts sähe. Unsere chinesische Agentur schien das zu wissen, denn man muss Eintrittskarten mit fixer Uhrzeit kaufen – und unsere Uhrzeit war: 8:20 Uhr morgens. Wir waren vielleicht die dritte „Gruppe“, die in den Palast durfte und unser Guide Jeff war so clever, uns ganz fix an der großen Chinesengruppe vor uns vorbei zu schleusen, sodass wir fast alles für uns allein hatten!

Man darf in den Innenräumen nicht fotografieren, aber es war magisch! Überall, fast versteckt in Nischen, auf Fensterbänken oder kleinen Schemeln saßen Mönche, murmelten oder sangen, drehten Gebetsmühlen oder tranken Tee. Überall flackerten Dochte in Yakbutter mit ihrem charakteristischen Geruch, der uns für immer an den Sitz des Dalai Lama erinnern wird.

Die Räume, die man besichtigen darf, haben eine wirklich mystische Aura und überall ist es bunt, glitzernd und riecht nach Räucherstäbchen und Butterlampen. Man fühlt sich Jahrhunderte zurückversetzt und spürt, wie wichtig dieser Palast den Tibetern ist. Als wir nach 2 Stunden wieder draußen waren, sahen wir, wie sich die Menschenmassen in langen, behäbigen Schlangen durch die Palastmauern schoben. Wir waren zur richtigen Uhrzeit da!

Allein diese zwei Stunden im Potala Palast waren jede Mühe wert! DAS werden wir für immer in Erinnerung behalten und in unserem Herzen festhalten…  Wir können es mittlerweile nicht mehr hören/lesen, wenn Menschen sagen „ich könnte/wollte/würde/möchte“ niemals mit Guide reisen“!. Ihr steht Euch damit selbst im Weg, solche einzigartigen, märchenhaften Erlebnisse wie den Besuch im Potala Palast zu erfahren. Wenn Ihr Länder oder Regionen dieser Werlt nur deswegen ablehnt, dann tut Ihr nur Euch damit selbst weh, denn Ihr erlebt die Welt nur in dem engen Rahmen, den Ihr Euch selbst steckt.

Ja, wir hatten Pech mit unserem Guide, aber es hatte seinen Grund, warum wir zunächst mit dem Restposten unterwegs waren. Aber selbst eine Dumpfbacke wie Phuphu kann einem ein solch märchenhaftes Land nicht vermiesen, wenn man selbst es nicht zulässt. Überdenkt vielleicht nochmal Eure strikte ablehnende Haltung und lest vielleicht auch in anderen Blogs (zum Beispiel von Ride2seetheWorld, die gerade von der Mongolei nach Laos unterwegs sind), dass die Sache mit dem Guide gar nicht so schlimm ist, wie man immer denkt. Wenn man sich darauf einlässt und offen ist für neue Erfahrungen. Dadurch bricht keine Zacke aus dem Krönchen, wirklich nicht!

China ist das drittgrößte (!) Land der Erde. Wer Rahmenbedingungen wie „Guide“ von vornherein ablehnt, verpasst einen richtig großen Teil dieser wunderschönen Welt. Natürlich ist in China, auch politisch, einiges anders als in Europa, doch nicht alles ist so schlecht, wie man in westlichen Medien erzählt bekommt. Fahrt lieber hin, macht Euch Euer eigenes Bild, macht Eure eigenen Erfahrungen und stellt vielleicht hinterher fest: vieles ist ganz anders, als gedacht! (Auch das mt dem Guide) Lasst Euch von uns ein Stück im Kittymobil mitnehmen (gerne auch die ganzen 2 Monate China) und lasst Euch inspirieren und motivieren, Eure eingefahrenen Meinungen und Haltungen zu revidieren und auch nach China zu reisen. Außerhalb von Tibet braucht man übrigens ohne eigenes Fahrzeug keinen Guide. Alles nicht so schlimm! Auch mit dem eigenen Fahrzeug ist es einfacher, als man denkt: China mit dem eigenen Fahrzeug (unsere FAQ für Euch),

Unser „Ersatzguide“ Jeff jedenfalls war bis zuletzt super. Wir verstanden uns gut, er verstand unsere Späße, hatte Verständnis für unsere nicht ganz so üppige Reisekasse und Spaß an Kittymobil und machte seinen Job wirklich gut, organisiert und absolut clever. So hätte es von Anfang an laufen können! Da Jeff nur in den Schulferien als Guide arbeitet, bat er uns noch, unseren Dank für seinen guten Job auch der Agentur mitzuteilen. Machen wir natürlich! Und wenn Ihr, liebe Leser, auch so einen tollen Guide habt, dann denkt bitte daran, das auch mit einem entsprechenden Trinkgeld zu würdigen. Ich habe lange genug in dem Job gearbeitet und kann Euch versichern: Trinkgeld zeigt Wertschätzung!

Ab morgen reisen wir mit einem neuen Guide, da die Schulferien am Montag enden und Jeff wieder ans Lehrerpult muss. Nach 5 Nächten in Lhasa fühlen wir uns nun endlich angekommen, etwas erholt und sind bereit, bis Hongkong wieder täglich den Ort zu wechseln. Dann haben wir wieder ein paar Tage Pause. Doch bis dahin melden wir uns bestimmt noch Mal!

 

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