Bevor auch im Iran der Winter kommt, wollten wir noch in die Berge: und zwar nach Kurdistan. Besser gesagt: in die iranische Provinz „Kordestan“, welche an den Irak grenzt und sich mit dem Irak das Zagros-Gebirge teilt. Da es dort über 4000m hohe Berge gibt, wurde es Zeit, loszukurven.
Doch im Iran sind die Distanzen groß und da wir keine großen Straßen oder Autobahnen nutzen und uns unterwegs gerne „aufhalten lassen“, sind 500km ein Mehrtagesritt.

Bevor wir damit los legen, schaut Euch doch das Video an, das unsere Ankunft im Iran zeigt:

Zunächst ging es also nach Urmia, eine Stadt, die mit „Ort am Wasser“ übersetzt werden kann. Bloß dass das Wasser, der Urmiasee, mittlerweile fast 20km von der Stadt entfernt ist, denn der See trocknet aus.
Der See war, sagt Wikipedia, 140km lang und 55km breit. Davon ist leider nur wenig übriggeblieben, denn der See trocknet rapide aus und hinterlässt eine Salzwüste, deren Salz in der Luft die Sicht diesig macht, wenn der Wind über den ehemaligen Seegrund bläst… Der See hat keinen Abfluss und die Austrocknung wird im Klimawandel und dem erhöhten Wasserbedarf der Stadt Tabriz begründet.
Ein trauriger Anblick! Es führt eine ehemalige Brücke über den See, bei der es sich nur mehr um einen Damm handelt, der über das traurige, schmutzige Salz führt. Am Ufer liegt, wie in Eis festgefroren; eine Fähre, Fischerboote, Badestege und Tretbötchen sind trockengefallen, Ausflugsrestaurants verwaist. Wer bei Wikipedia zum See nachliest, findet dort eine interessante Folge von Luftbildaufnahmen, die den See von 1984 bis 2014 bildlich schrumpfen lassen.
Wir jedoch hatten kein Problem mit Trockenheit. Im Gegenteil. Über dem See braute sich eine dicke, schwarze Regenwand zusammen und wir hofften, noch rechtzeitig eine Unterkunft zu finden. 900m vor der anvisierten Unterkunft standen wir im alltäglichen Verkehrsinfarkt iranischer Städte, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Doch wir hatten Glück und bekamen auf Anhieb ein Zimmer, wo wir unsere nassen Sachen trocknen konnten.
Urmia gefiel uns wesentlich besser als Tabriz und so streunerten wir den ganzen Abend durch die Gassen und aßen Kebab in einer kleinen Bude. Gott sei Dank, denn als Jan einen Stecker für 15 Cent kaufte, kam die nächste Einladung zum Abendessen. Wir brauchten Pause! Und die kleine Auszeit versüßten wir uns mit gewöhnungsbedürftigem Karotten-Halva und scharfem, oberleckerem Ingwer-Halva! Hmmmm!
Wir hatten einen Auftrag. Und zwar hat unser Bekannter Heinz letztes Jahr in einem uns völlig unbekannten Ort „Tikab“ einen Schneider bei der Arbeit fotografiert und ihm versprochen, ihm das Foto zukommen zu lassen. Und wir waren die Kuriere. Grund genug, eine Stadt und Region „abseits aller Routen“ kennen zu lernen!
Der Weg dorthin war einfach nur: lecker, denn ich hielt an der Bude mit den meisten LKWs davor und wir ließen servieren, was alle anderen auch aßen: himmlisch! Im Iran isst man zu fast jedem Gericht auch eine Portion Joghurt. Keinen immer gleichen, genormten „Industriejoghurt“ wie in Deutschland, sondern hausgemachten, cremigen Joghurt mit Rahmschicht aus vollfetter Milch von Kuh oder Schaf. Oft ist der Joghurt noch mit Rosenblüten oder Kräutern oder Gurken verfeinert. Sehr lecker!
Am nächsten Morgen sahen wir den Schneider bei der Arbeit und liefen zurück aufs Zimmer, um das Foto zu holen. Als wir zurück an seinem Laden waren, hing ein Vorhängeschloss davor. Nur 5 Minuten zu spät! Sein Bruder kam um die Ecke und mangels gemeinsamer Sprache verstand er erstmal nichts. Der Rezeptionist unseres Hotels half beim Dolmetschen. Schade, dass wir den Schneider verpasst haben, aber immerhin haben wir dadurch eine Ecke vom Land kennen gelernt, in die wir sonst nicht gefahren wären!
Und dann ging es endlich los nach Kordestan! Die Kurven wurden mehr, die Berge höher, die Frauen trugen bunte Kleider mit viel Goldschmuck und Glitzer, die Männer sahen alle aus wie Aladdin in ihren Pluderhosen, der breiten Schärpe, einer offenen Weste und einem Tuch auf dem Kopf. 1001 Nacht! Wikipedia sagt, dass „1001 Nacht“ tatsächlich hauptsächlich persische Märchen (mit indischem Einfluss) sind. Wir waren also tatsächlich im Land von Aladdin, Ali Baba, Sindbad und Scheherazade!
Doch zunächst fühlten wir uns auf der „Reise nach Jerusalem“ statt in Baneh in Kordestan und hätten auch „Maria und Josef“ sein können, denn wir fanden keine Bleibe. Da es im Iran ja keine für uns nutzbaren Buchungsportale gibt, müssen wir nach Karte und gut Glück etwas finden. Wie früher, als wir in den 1990ern ohne Internet durch die weite Welt tingelten. Die erste Unterkunft, die wir anfuhren, wirkte perfekt: Innenstadt, Hof zum sicheren Parken, das Doppelzimmer für 4,50€. Doch der Chef wollte kein Zimmer an Ausländer vermieten. Der peinlich berührte Rezeptionist versprach aber, uns zu helfen.
Er sprang ins Auto und wir sollten hinterherfahren. Am nächsten Hotel, welches rein optisch weit über unserem Budget lag, das gleiche Spiel: Zimmer gab es, aber nicht für Ausländer. Also ging die Odyssee weiter zu einem Hotelneubau außerhalb der Stadt. Dort nahm man uns nach etwas Zögern und aufgrund der Überredungskünste unseres „Lotsen“ doch als Gäste auf und wir bezogen nach etwas Zögern unsererseits auch das Zimmer, welches mit 14,50€ und vier Sternen nicht das war, was wir sonst so wählen.
Aber draußen regnete es, so wie jeden Tag im Zagros Gebirge gegen 15 Uhr, und gegen Luxus zum Sparpreis müssen wir uns nicht wehren: wir waren in dem Zimmer Erstbezug! An allem klebte noch die Schutzfolie, das gesamte Hotel war so neu, dass noch nicht alles fertig war und das Hotelpersonal noch übte. Statt Speisekarte hatte der Koch Fotos seiner Kreationen auf dem Handy. Wir genossen den Luxus wirklich sehr, fühlte uns aber fremd.
Am nächsten Morgen hatte man sich wohl an uns skeptisch beäugte Ausländer gewöhnt und wir mussten Fotoshootings mit machen, Instagram Accounts austauschen und für das Hotel mit Fahne auf dem Parkplatz posieren. Als Jan an der Rezeption fragte, wo man Geld tauschen könnte, wurde er kurzerhand „entführt“, in ein Auto gesetzt und in die Stadt zu einem Geldwechsler kutschiert. Geht schneller als Wegskizzen malen.

Auf in die Berge!
Zunächst ging es auf einer Straße, die teils asphaltiert, teils sehr steinig war, Richtung irakische Grenze. Und dann gab es nur noch Kurven auf bestem Asphalt in spektakulärer Landschaft.

Unser Ziel war der größte See im Zagros Gebirge, der Zrebar See bei Marivan, an dem man super Fisch essen können sollte. Theoretisch. Aber es war Mittwoch und daher mussten wir den See fast ganz umrunden, bis wir endlich eine Fischbude fanden! Die lange Suche hat sich aber gelohnt!
Als wir satt und zufrieden weiterfahren wollten, begann neben der Fischbude ein Bäcker seine Arbeit. Er walzte Teig platt, zog ihn wie Strudelteig über ein Kissen, bestreute ihn mit Schalotten und Salz, klappte ihn zu und buk die Fladen auf einer heißen Metallplatte aus. Sein Helfer bestrich die heißen, knusprigen Fladen mit flüssiger Butter. Und weil wir ja im Iran sind, bekam ich einen Fladen geschenkt. Lecker! Die Fotoserie dazu seht ihr hier: Kurdische Teigfladen
Zum Platzen vollgefressen gingen wir das Thema „Unterkunft“ an. Unsere Strategie nach der „Reise nach Jerusalem“ war: wir fahren direkt zu einer im Lonely Planet empfohlenen Unterkunft. Die kannte auch jeder in der Straße, doch dort begann das gleiche Spiel: keine Zimmer an Ausländer! Was hatte sich seit dem Erscheinen des Reiseführers vor einem Jahr und heute geändert, sodass wir immer wieder vor verschlossene Türen liefen?
Frustriert fuhren wir zu einem Hotel direkt am See, welches wir auf unserer Suche nach der Fischbude zufällig gesehen hatten und mit den Worten „Guck Mal, so ein Luxusschuppen“ bedacht hatten. Dort nahm man gerne unsere 14,50$ und wir das Zimmer mit Seeblick zu Sonnenuntergang. Doch wohl fühlten wir uns in der Lobby voll Marmor und Gold nicht wirklich. Nicht unsere Welt, aber immerhin ein Dach überm Kopf statt den nachmittäglichen Regen draußen zu erleben!
Hatten wir uns am Vortrag schon den Drehwurm eingefangen, kam es noch schlimmer: unzählige Serpentinen aus bestem Asphalt schlängelten sich entlang der irakischen Grenze, über einen 2600m hohen Pass und dann gute 60km auf 2300m immer in den Hang gemeißelt mit atemberaubenden Ausblicken. Wow, einfach nur Wow! Wer sich im Iran die Reifen eckig fährt, hat definitiv was falsch gemacht!
An einem Aussichtspunkt wurden wir von einem Ausflugsbus Iraner zu mehreren Fotoshootings überfallen und von einer kurdischen Großfamilie zum Picknick eingeladen. Es gab Ayran, Tee, zwei Sorten Brot, heiße mit Frühlingszwiebeln gebackene Teigfladen, Obst, Gemüse – und die Erkenntnis, dass „Tomate“ auch auf Kurdisch „Tomate“ heißt. Wir hatten zwar keine gemeinsame Sprache, aber trotzdem eine schöne Zeit zusammen!
Auf der Strecke jagten uns ständig verdächtige Toyota Landcruiser. Immer mindestens zu zweit, immer voll beladen und immer mit hohem Tempo, sodass sie in den Kurven fast umzukippen drohten. Wir waren sicher (und hatten das auch irgendwo gelesen), dass es sich dabei um Schmugglerfahrzeuge handelt, die über kleinste Bergpisten Ware aus dem Irak in den Iran schmuggeln.
Da wir uns ständig so nah zum Irak aufhielten, dass wir wirklich „hinüber spucken“ konnten, gab es an der Straße einige Checkpoints und Patrouille-Fahrzeuge, auf denen immer ein vermummter Soldat mit Maschinengewehr im Anschlag saß.

Jan und ich waren zum zweiten Mal so dicht am Irak: das erste Mal in Syrien bei Palmyra und nun im Iran in Kordestan. Ob wir es jemals auch IN den Irak schaffen werden? Unsere Telefone zumindest waren im irakischen Mobilfunknetz eingebucht.
Wir fuhren uns weiter die Reifen rund, bis wir in einem Dorf an einem Kreisverkehr anhielten, um in einem Lädchen etwas zu trinken zu kaufen. Wir saßen auf dem Bürgersteig, halb verdeckt hinter den Motorrädern, als ein Mann vorbeikam und uns Granatäpfel schenkte. Einfach so. Es folgten Walnüsse und dann ein Auto, das zwei Rundem im Kreisverkehr fuhr.
In der ersten Runde wurde bis zum hupenden nachfolgenden Verkehr geklärt, woher wir kommen, in der zweiten Runde folgte die Einladung nach Hause. Wir tauschten Telefonnummern aus und ich versprach, am nächsten Tag zu kommen. Das Auto dreht eine dritte Runde und schlug vor, da wir ja sowieso kein Hotel hätten, könnten wir auch sofort mitkommen.
Uns war das recht, denn wir hatten keine Lust auf einen weiteren Abend „Reise nach Jerusalem“. Also folgten wir dem weißen Auto durch die Traumlandschaft. Bei der fünfköpfigen Familie angekommen, war zunächst alles wie bei uns: er fuhr los und holte Pizza und Grillhuhn, da es zu spät zum Kochen war. Ansonsten war aber alles anders: im Wohnzimmer gab es keine Möbel, nur schöne Teppiche und Kissen. Im Kinderzimmer stand ein Kinderschrank und ein Computertisch, in der Küche die übliche Einbauküche. Sonst gab es keine Möbel, gegessen wurde auf dem Teppich. Unsere Dreckwäsche wanderte sofort in die Waschmaschine und wir unter die Dusche. Wir fühlten uns sofort wohl.
Er war Arabischlehrer ohne Englischkenntnisse, sie Englischlehrerin an einer Mädchenschule. Wir waren alle müde von der Fahrt und dem Tag und gingen gegen 22 Uhr ins Bett. Beziehungsweise: auf den Teppich, denn Betten gab es auch keine. Geschlafen wird auf Matten, die auf dem Teppich ausgerollt gemütliche Schlafstätten abgeben. Gott sei Dank war unser Teppich der im Kinderzimmer, denn die Familie hatte ihr Haus mit dem Ölofen auf tropische Hitze aufgeheizt, die selbst mich zum Schwitzen brachte: unter dem Kopftuch war mein Hals glitschnass!
Heimlich öffneten wir das Kinderzimmerfenster, und lagen ohne Decke regungslos da, um abzukühlen. Die besorgte Familie entdeckte leider das offene Fenster und erst nach Jans Erklärung „wir sind aus dem Norden, da sind wir Kälte gewöhnt“ durften wir es offenlassen.
Puh! Die Toilette befand sich auf dem Hof und als ich auf dem Weg dorthin nachts durch das Zimmer der auf den Wohnzimmerteppichen schlafenden Familie musste, herrschte dort Sauna. Ich schlich in langem Nachthemd (eigentlich ein islamkonformes T-Shirt) und nackigen Beinen ohne Kopftuch durchs Haus und war froh, dass nur die Frau wach wurde, um mir die Haustür zu öffnen. Ich war zu schlaftrunken, um mich komplett zu verhüllen!
Nach dem Frühstück schlug die Familie vor, mit uns einen Ausflug zu machen. Das Mittagessen sei schon vorbereitet, wir würden zu einem Aussichtsberg fahren und in einen Ort auf einen Bazar. Zunächst hielten wir an für Erinnerungsfotos. Wir reisten mit der gesamten Familie zu siebt in einem iranischen Kleinwagen der Marke „SAIPA“. Es lief laute iranische Musik, die drei Kinder turnten um uns herum und die Stimmung war gut.
Und dann kippte die Stimmung ganz, ganz schnell: auf dem Bazar angekommen, steuerte unsere Gastgeberin direkt ein Handygeschäft an. Welches Handy uns gut gefallen würde, wollte sie wissen. Wir fanden alle doof, denn wir rochen den Braten: ob wir nicht eines dieser Handys für sie kaufen könnten? Bitte? Ihr gefiel ein Samsung Galaxy, natürlich! Statt Jans energisches „Nein“ zu akzeptieren, ging die Diskussion weiter. Wie viel wir beisteuern könnten? Vielleicht ein oder zwei Millionen? Als Jan weiter verneinte, war die Stimmung dahin. Wir kamen uns ausgenutzt vor und beschlossen, noch vor dem Mittagessen abzureisen.
Der Aussichtspunkt fiel aus, wir fuhren sofort zurück, wo, so glauben wir, dem Herrn des Hauses die Situation immer noch nicht ganz klar war, da er ja keine gemeinsame Sprache mit uns hatte. Hastig packten wir unsere Sachen und Jan erklärte, warum wir abreisten. „Ich sage dazu nichts“, meinte unsere wie ein Kleinkind angesäuerte Gastgeberin und ließ uns ohne Mittagessen ziehen…
Puh! Kurdistan ist zwar wunderschön, aber auch wundersam. So etwas ist uns noch nie passiert. Auch die allabendliche „Reise nach Jerusalem“ machte für uns keinen Sinn. Nach ein paar Kurven durch die Berge war unsere gute Laune wieder da und wir hielten an einem Teehaus. Das sind meist Bettgestelle mit Teppichen neben einem Samovar, vielleicht noch mit kleinem Lädchen. Wir saßen auf dem Bett und übten Persisch als gemeinsame Fremdsprache mit dem Inhaber, einem alten Kurden, als ein Auto hielt.
Die beiden Insassen kamen aufs „Nachbarbett“, packten ihre Shisha aus, bestellten Tee und es gab Weintrauben für alle. Wir fühlten uns wieder wohlig im Iran, hatten die kurze Episode auf dem Bazar schnell verdaut. Noch wohliger wurde uns, als der alte Kurde kein Geld von uns wollte. Es sei schon alles bezahlt! Das ist der Iran, den wir kennen und lieben und wir sind sicher, dass unsere „Handymadame“ eine Ausnahme bleibt.
In der Hauptstadt Kordestans, Sanandaj, fanden wir kurioserweise sofort eine Unterkunft mit Parkmöglichkeit. Und das mitten im Zentrum, mitten im Leben, genau dort, wohin wir uns seit Tagen gesehnt hatten. Unterkünfte der gehobenen Kategorie sind selten am Bazar, sondern meist in gehobeneren Stadtvierteln, in denen nichts lebt, es nur teure Restaurants und kein Streetfod und Supermärkte statt Marktstände gibt.
Wir lagen auf dem Bett unserer einfachen Herberge und fühlten uns wieder „zurück“. Zurück in unserer Art Unterkunft, zurück im Land, zurück im Leben des Reiselandes, zurück zu zweit, zurück auf Reisen. Wir beschlossen, länger zu bleiben. Außer einem Museum hat die Stadt keine touristischen Attraktionen, aber es war unsere erste Stadt in Kordestan, in der wir eine Unterkunft gefunden haben, die es uns erlaubt, Teil des Lebens vor der Hotelzimmertür zu werden.
Zum Frühstück gab es im Hotel kein Touristenzeug wie in den Sterneschuppen, sondern Rahm mit Honig und Fladenbrot, so ging der Tag schon richtig los! Wir liefen zum Museum, fanden das aber nicht. Als Jan auf der Straße einen jungen Iraner ansprach, lief er mit uns zum richtigen Ort und begleitete uns durch die Ausstellung, die in einem kurdischen „Herrenhaus“ das Leben der Kurden illustrierte. Zur Krönung zahlte unser Begleiter uns auch noch einen Anteil des Eintrittsgeldes!
Beim Bummel durch den Bazar sahen wir so viele kurdische Kleider, die nicht nur nach 1001 Nacht aussehen, sondern im Alltag wirklich getragen werden. Unsere „handybettelnde“ Gastgeberin selbst trug an beiden Tagen ein solches langes Kleid mit Glitzerweste und Goldschmuck wie Scheherazade und überall laufen die Männer wie Sindbad höchstpersönlich herum. Ich traue mich nicht, die Leute auf der Straße zu fotografieren…
Wir liefen an einem Friseur vorbei und Jan entschied sich spontan für einen Haarschnitt. Und der Friseur entschied sich spontan, für den Haarschnitt kein Geld zu verlangen. Es war ihm einfach nur eine Ehre, einem ausländischen Gast die Haare geschnitten zu haben! Es sind solche Kleinigkeiten, die das Land so liebenswert machen und die Gedanken an Deutschland immer unverständlicher erscheinen lassen.
Was hier auch sehr gerne gemacht wird, ist uns absichtlich falsches Wechselgeld heraus zu geben. Am Anfang dachten wir, dass die Iraner einfach schlecht Kopfrechnen können, aber wenn man genau hin sieht, dann entdeckt man in ihren Gesichtern, dass da absichtlich für ein Abendessen nur 60 Cent berechnet wird oder dass mit Nachdruck für das Eis viel zu viel Wechselgeld aus der Kasse kommt oder dass Phantasiepreise veranschlagt werden, um uns „durch die Blume“ zu beschenken.
Als ich für unseren Mittagssnack, den Teigfladen mit Frühlingszwiebelfüllung anstand, drehte sich eine Frau in der Schlange um und grüßte mich. Ich war verwirrt. Ihr Begleiter drehte sich auch um und grüßte. Kannten wir uns? Ja! Die beiden gehörten zu der lustigen Truppe, mit der wir vor 2 Tagen in den Bergen auf dem Aussichtspunkt ein Fotoshooting hatten. Natürlich durfte ich dann nicht mehr zahlen, unser Mittagessen war bereits von den beiden bezahlt, als ich an die Reihe kam…
Weil täglich Regen vorhergesagt war und es auch täglich geregnet hat, haben wir das nasse Wetter einfach 4 Nächte ausgesessen, haben täglich den „Entsafter“ in seinem „Saftladen“ für Karrottensaft (mit Rosenwasser-Milcheis, sehr lecker!) beehrt, unzählige Fladen verputzt und nachmittags gearbeitet. Wir wollten nochmal tief in die Berge Kordestans und das bei bestem Wetter.
Am Dienstag war es soweit: Sonnenschein ohne Wolken! Unser Ziel war Palingan, ein kurdisches Bergdorf, von dem wir erfahren hatten, dass es dort noch ganz ursprünglich sei, es im Gegensatz zu anderen Bergdörfern in anderen Regionen des Landes keine Touristen gäbe und man ganz entspannt Kurdistan kennen lernen könne. Bis wir dort waren, hatten wir noch eine herrlich kurvige Bergstrecke vor uns, zum Teil sogar unbefestigt.
Das Dorf selbst liegt in den Steilhängen eines Tales, etwas versteckt und daher wirklich ziemlich unberührt. Mir war es peinlich, mit dem Motorrad Lärm zu machen, denn das Dorf strahlte Stille aus. So hielten wir am Dorfplatz vor einem Laden, um etwas zu trinken zu kaufen. Als klar war, dass ich eine Frau bin (ich fahre im Iran immer mit dem Zopf unterm Kopftuch), waren alle besonders strahlend: Oma textete mich sofort mit einem riesigen Lächeln im Gesicht zu, alle freuten sich.
Wir setzten uns auf die Treppe vor dem Laden und waren einfach nur „da“. Oma sponn mit einer Spindel Schafwolle, Opa setzte sich zu Jan und nach und nach kamen noch mehr Leute auf die Treppe und Kinder davor. Die Frauen trugen bunte Kleider mit Glitzer und kurze Westen, die Männer Pumphosen mit breiter Schärpe, Hemd und offener Weste. Wie bei Sindbad oder Ai Baba. Und wir mittendrin. Und jeder strahlte jeden an.
Keiner wollte auch nur eine Sekunde irgendetwas von uns, wir hatten keine gemeinsame Sprache und doch verbrachten wir bestimmt eine Stunde zusammen auf der Treppe in dem kleinen Dorf, in dem die Terrasse eines Hauses das Dach des anderen ist, weil es so eng in den Hang gebaut ist.
Wir „unterhielten“ uns über das Übliche „Gibt es das in Deutschland? Ja? Nein? Sondern? Ich musste fast lachen, als Opa wissen wollte, ob wir auch Schafwolle in Deutschland haben. Und Oma wollte wissen, ob ich mit der Spindel umgehen könne. Konnte ich mal, aber das ist über 20 Jahre her, ich habe mich nicht getraut, Omas Spindel mit der weißen Wolle in den Dreck fallen zu lassen. Oma brachte Wollnachschub zum Spinnen, eine junge Kurdin kam mit ihrer Spindel dazu, ein Mann mit blauen Augen lachte uns fröhlich an, es war so schön harmonisch.
Wir saßen da und sogen alles in uns auf. Jan hat nur ganz wenige Fotos gemacht, denn diese Menschen zu fotografieren hätte das Erlebnis auf Augenhöhe zerstört. Hätte die Kurden zu einer Touristenattraktion gemacht und nicht als Menschen wertgeschätzt. Hätte den Zauber des Ortes genommen. Hätte uns aus der Mitte der Leute auf der Treppe herausgerissen und die Begegnung beschmutzt.

Und so machten wir uns nach der Stunde wieder auf, zurück zur Hauptstraße, in die nächste Stadt, in ein Hotel voll Luxus (mit zwei Toiletten!), der im krassen Gegensatz zum Dorf stand.

Doch zunächst verließen wir Kordestan und wurden an der Regionsgrenze eine halbe Stunde festgehalten, weil die Militärs mit unserem Pass und Papieren unterwegs waren. Normalerweise fahren wir immer weiter, wenn Polizisten uns mit ihrer Kelle anhalten wollen. Ich grüße immer freundlich zurück. 🙂 Doch die Militärs waren gut sichtbar mit Waffen behängt, sodass ich schnell überzeugt war, dass wir diesmal anhalten sollten. Das war übrigens unsere zweite Militärkontrolle im Iran. Immer freundlich und zuvorkommend, eher auf einen Schnack aus als auf zügiges Bearbeiten. Dass wir nicht noch Tee trinken mussten, war alles. Es kostet nur Zeit, aber sonst nichts.
Wir sind nun 2,5 Wochen im Iran und als wir Kordestan verließen, waren wir gerade mal 700km von der armenischen Grenze entfernt. Und das nicht Luftlinie 😊 Nicht weit gekommen? Manche sehen das so. Wir aber haben Begegnungen erlebt, die uns immer in Erinnerung bleiben werden: das Picknick mit der kurdischen Großfamilie auf dem Berg, die Stunde auf der Ladentreppe in Palingan, die vielen Geschenke an Tee, Fladen und Saft, die bunten Kleider der Frauen und der Sindbad-Style der Männer. Kurven und atemberaubende Landschaft ohne Ende und die wiederholte Erkenntnis, dass man einfach Mal gewisse Webseiten ignorieren sollte, wenn man ein Land mit allen Sinnen erleben und nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken möchte. Das machen wir natürlich auch noch.
Aber jetzt sind wir erstmal in Lorestan und wechseln das Verkehrsmittel. Die Moppeds stehen schon sicher geparkt, ab heute fahren wir mit dem Zug. Nur, weil wir Motorräder dabei haben, heißt das ja nicht, dass wir damit immer fahren müssen, oder? Seid gespannt auf unsere neuen Erlebnisse – wir sind es auch!
P.S.: Wenn Ihr Euch fragt, wie wir hier so nächtigen: auf Facebook gibt es ein neues Fotoalbum, in dem wir alle Betten zeigen, in denen wir seit Anfang Juli geschlafen haben. Samt Preis, Location und kleiner Anekdoten. Etwas über 30 Betten sind es schon – wir schlafen ja auch im Zelt.
P.P.S.: Auch auf Facebook sammeln wir Fotos von dem, was wir hier so essen. 117 verschiedene Gerichte und Getränke haben wir da schon auf dem Menu stehen! Wer Interesse hat, nachzukochen: ich habe mal zwei ganz einfache iranische Gerichte außerhalb von Facebook abfotografiert: Kartoffelsandwiches und gefüllte Fladenbrote. Guten Appetit!

P.P.P.S. 🙂 Videos und Blogbeiträge laufen nicht ganz synchron. Es lohnt daher, immer wieder in unserem Youtube Kanal nachzuschauen, ob es etwas Neues gibt. Oder ihr abonniert den Kanal ganz einfach und bekommt dann eine Benachrichtigung, wenn Jan ein neues Video hochgeladen hat.