Die letzten Tage waren nicht einfach. Aber wir wollten es nicht anders und sind deswegen in Westafrika unterwegs und nicht da, wo sich die Reisenden knubbeln. Uns war die ersten vier Jahre der Reise etwas langweilig und jetzt bekamen wir Action. Geliefert, wie bestellt: TIA – this is africa!

In der Nacht vom dritten Advent auf Montag brannte in Conakry das einzige Treibstoffdepot von Guinea ab. Um Preisspekulationen und Schwarzmarkt zu unterbinden, wurden erstmal alle Tankstellen landesweit geschlossen. Und wir hatten leere Tanks, denn wir waren mit der kleinen Honda zwischen all den Mototaxis über 100km durch die Stadt geflitzt, um diverse Visa, Behördengänge etc. zu erledigen. Die sonst allgegenwärtigen Benzinflaschen am Straßenrand waren auch verschwunden, denn wer Benzin hatte, behielt es für sich.

Heike, eine in der Nähe von Conakry lebende Deutsche hatte uns zu sich eingeladen und wir rollten dienstags mit den letzten Schluck Benzin zu ihr auf den Hof. Hier konnten wir abwarten und Tee trinken. Denn in Afrika wird Elektrizität im großen Elektrizitätswerk wie in kleinen privaten Generatoren aus Treibstoff gewonnen und wenn es keinen gibt, gibt es auch keinen Strom. Und wenn es kein Benzin oder Diesel gibt, kommt die Lieferkette komplett zum Erliegen: Läden können nicht mehr beliefert werden, das Obst und Gemüse kommt nicht mehr auf die Märkte. Es gibt keinen ÖPNV mehr, Menschen kommen nicht mehr zur Arbeit, die gesamte Wirtschaft kommt zum Erliegen. Ich glaube, die Konsequenzen von „es steht kein Tropfen Treibstoff mehr zur Verfügung“ haben viele von Euch nicht verstanden, als wir letzte Woche davon berichtet haben. Es ging nicht um uns und unsere Weiterreise, das ist ein Luxusproblem.

Bei Heike ging es uns richtig gut, ihr Kühlschrank und die Vorratskammer waren gefüllt, wir verstanden uns sofort prächtig und als Jan den Kärcher repariert hatte, waren Heike und ich zwei Tage nonstop mit dem gelben Spielzeug beschäftigt. Nach ein paar Tagen gingen die Menschen in der Hauptstadt Conakry auf die Straßen und es kam zu Ausschreitungen, weil im Land von der Hand in den Mund gelebt wird und wenn die Marktfrau keine Tomaten mehr zum Markt bringen kann oder der Taxifahrer kein Benzin für sein Fahrzeug hat, dann geht es den meisten Menschen im Land sehr schnell sehr schlecht. Das Resultat war, dass am nächsten Tag das sowieso seit wenigen Monaten eingeschränkte Internet und Telefonnetz zeitweise ganz abgeschaltet wurde. Aber es durfte wieder rationiert Diesel verkauft werden! Das brachte zumindest einen Teil der Lieferketten wieder in Schwung, aber half uns nicht weiter.

Viele von Euch haben uns geraten, doch „einfach auf dem Schwarzmarkt“ Benzin zu besorgen. Danke für den sachdienlichen Hinweis, aber wenn es einen Schwarzmarkt gegeben hätte, sähe die Situation ja anders aus. Die Regierung ging extrem rabiat gegen Versuche eines Schwarzmarktes vor und die Gerüchteküche was passiert, wenn man unter der Hand Benzin verkauft, brodelte. Fakt ist: es gab wirklich nichts. Da Heike seit 12 Jahren in Guinea vernetzt ist, haben wir wirklich alle Möglichkeiten ausgereizt und weil wir selbst schon fast einen Monat im Lande waren und mittlerweile ein eigenes Netzwerk aufgebaut hatten, können wir definitiv sagen: Wo nichts ist, kann man auch nichts herzaubern. In Guinea hätten wir dank unserer Visaverlängerung in der Woche zuvor noch lange bleiben können, aber ohne Benzin ist Reisen dort unmöglich, selbst der ÖPNV steht nahezu still.

Am Samstag dann durften Tankstellen rationiert Benzin verkaufen: pro Motorrad 5l, pro Auto 20l. Kanister verboten und nur so lange, wie die Tankstelle auch Benzin im Tank hat. Wir standen in der riesigen Traube an Fahrzeugen an einer Tankstelle an, doch bis wir an die Reihe gekommen wären, war der Tank leer, die Tankstelle wurde vor unseren Augen geschlossen. Weil aber einige Motorradfahrer 5l tanken konnten, mussten wir jetzt nur noch einen finden, der mit uns teilt. Dank dem Netzwerk von Heike und ihrem Mann fanden wir auch genau einen solchen Motorradfahrer, der uns aus seinem Tank Benzin verkaufte. Unsere Idee: mit den paar Litern schaffen wir es bis ins Nachbarland Sierra Leone, tanken dort unsere 65l Tankkapazität voll, kommen zurück nach Guinea und reisen auf der ursprünglich geplanten Route weiter, denn wir hatten in der Elfenbeinküste schon Fußballtickets für den Africa Cup und deswegen ziemlich teure und schwer zu findende Unterkünfte gebucht.

Der Haken an dem Plan ist: Visa. Trotz viel gelobtem deutschem Pass kann man hier nicht einfach Länder wechseln, als wäre das Europa. Um mit vollen Tanks wieder zurück nach Guinea zu kommen, brauchen wir ein neues Visum. Das beantragt man in der Regel online (58€) und das haben wir auch schon zwei Mal erfolgreich für Guinea getan. Nach ein paar Tagen hat man normalerweise das Entry Visum im Posteingang. Normalerweise. Diesmal nicht, man orderte uns zum Interview am 27.12. in die Botschaft von Guinea in Freetown, Sierra Leone. Termin umlegen unmöglich, wir mussten definitiv nach Freetown. Wir waren aber immer noch in Guinea ohne Benzin. Bis wir den Deal mit dem Motorradfahrer machten, der uns mehrmals aus seinem Tank abzapfte und letztendlich 15l Benzin beschaffte.

Wir verabschiedeten uns von Heike und brachen auf zur Grenze nach Sierra Leon. Die erste Tankstelle dort war 114km entfernt: ein Klacks! Nun ja… Der Grenzübergang war easy, wir waren vorbereitet und hatten vorher auf der Straße bei Geldwechslern cash Dollar in Leones getauscht, sodass wir im Grenzort auch gleich Essen, Simkarten und Unterkunft bezahlen konnten, den es gab erst in 140km den ersten Geldautomaten. Weil Wochenende war, hatte die einzige Bank im Grenzort geschlossen – und die Tankstellen waren allesamt leer. Die Menschen aus Guinea waren in der vergangenen Woche wie die Weltmeister mit ihren Autos über die Grenze gefahren und mit vollen Tanks zurück. Kanister verboten, aber dennoch: die Tankstellen in Sierra Leone waren genauso leer wie in Guinea.

Irgendwann musste Jan sein Motorrad umwerfen, um an die letzten Tropfen Benzin zu kommen, die in der rechten Tankhälfte schwappen, während die Benzinpumpe in der linken Tankhälfte sitzt. Im nächsten Ort verkauften Männer Diesel in 5l Kanistern und wir hielten an. Benzin gäbe es irgendwo im Ort, wir sollten warten. Jan bestellte 3l und bis die aufgetrieben wurden, hatten wir rund 15 neue Freunde um uns herum. Sierra Leone ist ein vom Bürgerkrieg gebeuteltes Land und theoretisch kann jeder Mann um die 30 und älter ein ehemaliger brutalst zum Töten missbrauchter Kindersoldat sein, psychisch gezeichnet fürs Leben. Mit diesem Wissen im Hinterkopf völlig unbefangen in solche Gesichter zu blicken, ist nicht einfach. Wir bekamen drei Liter Benzin und schafften es damit in die 140km von der Grenze entfernte Stadt Waterloo, wo wir uns in einer Traube Fahrzeuge an einer Tankstelle anstellten und endlich volltanken konnten.

Quelle: Guineenews

Mittlerweile hat übrigens Russland angeboten, Guinea mit Treibstoff auszuhelfen. Warum das die EU nicht gemacht hat und hinterher wieder über „die Einflussnahme von Russland in Afrika“ schimpft, verstehen wir nicht. Sierra Leone stellt die Infrastruktur des Hafens und Zwischenlagers zur Verfügung, sodass an der Grenze 20-30 Tanklaster bereitstanden, um wenn Treibstoff ankommt, ihn direkt nach Guinea transportieren zu können.

Durch das Tanken war so ziemlich all unser Bargeld ausgegeben und wir brauchten dringend einen Geldautomaten, denn es war ja immer noch Wochenende und Banken immer noch geschlossen. Suchend fuhren wir etwas langsamer als üblich auf der Hauptstraße, als ein Motorradfahrer rechts an Jan zwischen ihm und einem Handkarren viel zu schnell vorbeischoss, sich während der Fahrt neugierig glotzend nach ihm umdrehte, dabei den Lenker verriss, dass Gleichgewicht verlor und Jan vor die Füße stürzte. Wir sind nicht neu in Afrika und wissen, dass man in solchen Situationen besser Gas gibt, statt anhält und hilft. In Afrika herrscht die Logik „Wärst Du Weißer nicht dagewesen, wäre nichts passiert“, also in dem Fall „Hätte ich nichts zum Glotzen gehabt, wäre ich auch nicht gestürzt“. Man ist dann als Unschuldiger wegen seiner Anwesenheit trotzdem schuldig und der wütende Mob ist dann zu allem fähig. Insbesondere mit dem Wissen um die Kindersoldaten im Hinterkopf.

Im Video seht Ihr, dass wir im europäischen Reflex (da ist jemand gestürzt, der vielleicht Hilfe braucht) anhielten, ich dann aber zur Weiterfahrt rief, die dann aber nicht stattfand, weil der gestürzte Motorradfahrer Jan sein Navigations-Handy aus dem Cockpit riss. Ja, es ist angebunden, aber offensichtlich war die Schnur nicht dick genug. Jans Glück war, dass der wütende Mob seine Wut gegen den Deppen richtete, der erstens ohne Führerschein, zweitens ohne Zulassung fuhr, dann auch noch rechts überholt hatte und vor lauter Glotzen ins Trudeln kam. Es gab genug Zeugen für Jans Unschuld und zufällig tauchte recht bald ein Verkehrspolizist auf, der dem Motorradfahrer Jans Handy wieder abnahm und sicherte, Jans Führerschein kontrollierte und einsteckte und den Verletzten erstmal ins Krankenhaus fuhr. Wir hinterher.

Im Krankenhaus wollte der Motorradfahrer aber seine Schürfwunden an Knie, Hand und Oberlippe dann doch nicht behandeln lassen (die Behandlung war laut Preisliste kostenlos, es war ein adventistisches Krankenhaus), sodass es gleich auf die Wache ging. Jan hatte Gott sei Dank alles auf Video und konnte so die Polizei sehr schnell davon überzeugen, dass er seinen Führerschein wieder zurückbekam und das Handy sowieso. Der Verunfallte wollte noch umgerechnet 25€ Schmerzensgeld, aber alle waren sich einig, dass er allein zu blöd war zum Motorradfahren und die Behandlung im Krankenhaus sowieso kostenlos ist. Jan wollte nett sein und ihm noch 5€ für die Reparatur des Sturzbügels am Motorrad geben, aber der Depp wollte 2€ extra, die er dem Polizisten gegeben hat (wohl als Schmiergeld, weil er ja ohne Führerschein und Zulassung gefahren ist). Wir wissen nicht, wo diese ganzen Geschichten über korrupte Polizisten in Westafrika herkommen. Wir haben bisher keine getroffen. Der Polizist wollte kein Geld und gab es Jan zurück.

Nach zwei Stunden konnten wir wieder los, allerdings hatten wir immer noch kein Bargeld und jeder Geldautomat der Stadt war entweder „out of Service“, leer oder konnte keine Verbindung zur Bank herstellen. Tja. Wir hatten gelesen, die von uns angepeilte Unterkunft akzeptiere auch PayPal, wenn man die Gebühren übernimmt, und so fuhren wir stumpf weiter. Wir wollten nur noch irgendwo ankommen, schließlich war ja auch Weihnachten. In Westafrika, insbesondere hier in Sierra Leone, gibt es viele Checkpoints von Militär und Polizei und die letzten Beamten riefen uns schon „Merry Christmas“ zu. In Sierra Leone ist Englisch die Amtssprache, aber um das zu sprechen, muss man in der Schule gewesen sein und das war übrigens der verunfallte Motorradfahrer nicht.

In der Unterkunft angekommen war schnell geklärt, dass wir mit PayPal auf das private Konto des Betreibers zahlen können. Wir haben noch richtig viel Devisen dabei, aber die möchten wir nicht antasten, denn die braucht man im Notfall und für Visa. Ganz Westafrika zahlt übrigens mit mobilem Geld über das Telefon, deswegen brauchen Einheimische keine Geldautomaten. Wir können unsere Bankkonten und Kreditkarten ja (wegen Datenschutz) nicht mit diesen afrikanischen Handy-Apps koppeln und sind auf das altmodische Bargeld angewiesen, was es für uns seitdem wir in Sierra Leone sind, nicht gibt.

Die Unterkunft ist traumhaft schön, wir hatten das letzte verfügbare Zimmer ergattert. Eigentlich das Familienzimmer mit Platz für vier und dementsprechend teurer und riesig, aber schließlich ist Weihnachten und die Lage paradiesisch: keine 3m neben dem Bett ist der Strand, wir sehen das Meer vom Bett aus, haben eine gemütliche Terrasse mit Hängematte und können hier Weihnachten verbringen, bis wir am 26. nach Freetown fahren, um am 27. zum Termin auf der Botschaft zu erscheinen.

Es hätte so schön sein können. Doch das Bad war unglaublich dreckig, im Klo klebte die Kacke anderer Gäste, das Waschbecken entwässert auf den Fußboden statt in die Kanalisation, es gibt nur eine Glühbirne im Zimmer, die Mücken sind extrem durstig, unsere Wäsche nass vor Schweiß und wir brauchten nur eins: Erholung, Dusche und „Tür zu“ und nicht den Putzmann, der dann tatsächlich das Bad akzeptabel sauber bekam. Bis es so weit war, riefen wir Emails ab und lasen, dass unsere Unterkunft, die wir für den Africa Cup in Abidjan gebucht hatten, storniert war, weil die Eigentümerin zur Operation nach Frankreich fliegen musste. Ersatz in Abidjan? Zu den Daten, zu denen wir Fußballtickets hatten, nur für viel Geld zu ergattern. Alles ausgebucht. Einer der Gründe, weswegen wir hier waren, hatte sich in Luft aufgelöst.

Unser Weihnachten war ziemlich anstrengend: kein Benzin, kein Bargeld, der Unfall, Absage der Unterkunft… Aber letztendlich haben wir einen wunderschönen Heiligabend verbracht. Direkt am Wasser, haben leckeren Lobster geschlemmt und noch lange auf dem Sofa gesessen und die laue Luft des Abends genossen. Unser Wunsch, dieses Jahr Weihnachten an einem schöneren Ort und bei besserem Essen als letztes Jahr in Mauretanien zu verbringen, haben wir geschafft, uns selbst zu erfüllen. Trotz allen Hindernissen, die Westafrika so für uns bereithält. Aber deswegen sind wir ja hier. Und wir wissen, dass es für jede Herausforderung eine Lösung gibt. Wir tüfteln gerade an einer Planänderung, hoffen, am 27. unser Visum zu bekommen, Bargeld und Benzin aufzutreiben und dann geht es weiter. Denn das geht es immer irgendwie. In diesem Sinne: FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!

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