Die Mongolei wird mit jedem Jahr, das ich wieder und wieder komme, immer touristischer. Es gibt in Ulan-Batar immer mehr Hostels und auch jedes Mal neue Restaurants, in denen nicht „Hammel in allen Variationen“ serviert wird. Doch sobald die Temperaturen sinken, verschwinden die Touristen wieder und die touristische Infrastruktur auf dem Land (Jurtencamps und Restaurants) ebenso. Das war schon im Oktober so und nun, im richtigen Winter, hatten wir oft das Gefühl, die einzigen Ausländer im Land zu sein.

Als wir auf dem Weg zu den Tsataan Rentiernomaden waren, wollten wir uns noch „mal eben schnell“ das Amarbayasgalant Kloster anschauen. 35km Piste sind ein Katzensprung. Doch wir hatten die Rechnung nicht mit dem Schnee gemacht, denn ohne Schnee sind die Pisten in der Steppe über Kilometer weit sichtbar. Im Schnee jedoch ist alles weiß und man kann vor einem Pistenabzweig stehen, ohne ihn zu sehen. Und das passierte uns schon auf den ersten 4km. Als die Sonne unterging, hatten wir die richtige Piste immer noch nicht gefunden und blieben einfach stehen, kochten Abendessen und warteten auf den Sonnenaufgang.

Bei Sonnenaufgang, mit zwei GPS, vier Augen und Schrittgeschwindigkeit fanden wir dann doch den Abzweig – um dann den nächsten wieder nicht zu sehen. Die Pisten, die im Winter ausgefahren sind, führen immer nur zu Jurten oder kleinen Gehöften und nie zu Touristenattraktionen! Bis wir das gelernt hatten, waren die nächsten Stunden vergangen. Und als wir dann irgendwann sicher waren, die richtige Piste über einen kleinen Pass gefunden zu haben, mussten wir abbrechen. Einerseits, weil wir an dem Tag noch 600km (!) zu fahren hatten und andererseits, weil wir keine Schneeketten hatten, um eine Spur in den Berg zu legen, denn wenn keine Touristen da sind, gibt’s auch weder Verkehr noch Fahrspuren mit festem Schnee.

Die 600km haben wir dann noch am selben Tag „abgerockt“. Wer sich in der Mongolei nicht auf Pisten traut, darf sich über meist sehr gute Asphaltstraßen freuen, die jetzt im Winter sogar besser geräumt sind als in Russland. In Sibirien waren wir auf den großen Transitrouten extrem froh um unsere bissigen Spikereifen, in der Mongolei gab es kaum Eis unter die Metallzähne, weil die Straßenverhältnisse einfach zu gut waren. Trotzdem hält sich in der Reiseszene hartnäckig die Meinung, in der Mongolei sei „nichts“ asphaltiert und wenn, dann ganz schlecht. Da werden Abenteuer erzählt, die mit der Realität wenig zu tun haben… Wer will, kann die Mongolei komplett auf Asphalt bereisen. Aber das wollen wir ja nicht, denn das Schöne liegt immer und überall abseits der Hauptrouten.

Wir mussten die 600km noch fahren, um rechtzeitig zur gebuchten Tour zu den Tsataan Rentiernomaden zu kommen. Den Termin haben wir uns selbst so knapp nach der Einreise legen müssen, weil wir wieder einmal nur 4 Wochen Aufenthalt in der Mongolei hatten und unser Russlandvisum auch nur noch knapp 4 Wochen Gültigkeit hatte. Und um die Mongolei zu verlassen, muss man durch Russland fahren und auch bis zum Ablaufen des Visums wieder heraus! Wir hatten Zeitdruck. Und das ist schade, wenn man eigentlich „open end“ reist. Dieser Zeitdruck begleitete uns schon seit Juli und seit Juli fahren wir wie die Weltmeister, um alle Visafristen einzuhalten.

(das ist ein Video, bitte auf das Bild klicken und staunen, wie schön Eis sein kann!)

Nach unseren 6 Tagen Ausflug zu den Rentiernomaden freuten wir uns auf „zuhause“, unseren Bus “Kittymobil”, und fuhren zum Khovsgöl Nuur See, den ich persönlich schöner finde als den Baikalsee. Nach dem Baikalsee ist der Khovsgöl Nuur der zweitgrößte See Asiens. Wir fanden einen super Stellplatz fernab von allem direkt am See und hatten Spaß daran, auf dem See herumzulaufen und die verschiedensten Formen von Eis zu entdecken: eingefrorene Luftblasen, gefrorene feine oder dicke Risse, eingefrorene Wasserpflanzen, Blätter und Hölzer und Eis so klar wie Glas, sodass es komisch war, darauf herum zu laufen.

Als wir ziemlich verfroren zurück ins Kittymobil kamen und Stollen und heißen Tee zum Aufwärmen genießen wollten, war die Heizung aus. Bei Temperaturen um die -25°C ist dann in sehr kurzer Zeit alles im Auto gefroren. Was tun? Sämtliche Wiederbelebungsversuche schlugen fehl. Wir waren 45km vom Asphalt und jeglicher „Zivilisation“ entfernt. Statt einer romantischen Nacht am See rumpelten wir also im Dunkeln den ganzen Weg wieder zurück zu der Jurte, in der wir zuletzt übernachtet hatten. Die Familie begrüßte uns herzlich mit heißem Milchtee und weil gerade ein nach buddhistischer Tradition fleischloser Tag war, gab’s Milchreis aus Yakmilch. Und dazu ellenlange Entschuldigungen, warum es kein Fleisch gäbe. Ich glaube, sie haben bis zum Ende des Abends nicht verstanden, dass wir unendlich froh waren um das „hammelfreie“ Mahl…

Den nächsten Tag verbrachten wir vor dem Ofen und zerlegten unsere Planar Standheizung. Und fanden darin: die Wüste Gobi. Naja, fast. Da wir die Heizung bei den Temperaturen nonstop durchlaufen lassen müssen, lief sie auch auf den 45 extrem staubigen Pistenkilometern zum See. Und hat dabei Staub angesaugt, weil kein Schnee lag. Ein Luftfilter ist nicht im Lieferumfang enthalten. Da mussten wir nachrüsten! Doch woher bekommt man für eine Standheizung einen Luftfilter in einem Ort, in dem es noch nicht mal fließend Wasser gibt? Improvisation ist alles! Jetzt ziehen wir einfach eine Socke über den Ansaugschlauch, sobald es staubig wird und alles ist gut.

Um nochmal zum See zu fahren, fehlte uns die Zeit. Wir machten uns auf den Weg gen Süden und verbrachten eine Nacht bei den Hirschsteinen. Hirschsteine stehen in ganz Zentralasien in der Gegend herum und stammen ursprünglich aus der Bronzezeit. Wahrscheinlich markieren sie Grabstätten, obwohl sie immer einige Meter danebenstehen. Die Hirschsteine in der Mongolei gelten als die am besten erhaltenen und sie sind wirklich toll! Ich war 2014 schonmal dort, aber da war gerade Baustelle und alles aufgewühlt und ich sah nicht ein, Eintritt zu zahlen, um im Matsch herum zu laufen. Dieses Mal, weil Winter, war das Kassenhäuschen geschlossen und das Tor nur mit einem Stöckchen gesichert, sodass wir Sonnenauf- und -untergang dort erleben durften.

Und dann war Heilig Abend. Eigentlich wollten wir ganz klassisch Würstchen machen, fanden aber in ganz Mörön keine. Also beschlossen wir, das Festmahl vorzuziehen und kochten unglaublich gemütlich zwei Putenkeulen mit Ofengemüse, Rotkraut, Preiselbeeren und Kartoffelpüree, stellten den Weihnachtsbaum auf und verbrachten einen so traumhaften Weihnachtsabend in den eigenen vier Wänden, dass wir dieses Weihnachtsfest zu den schönsten unseres Lebens zählen. Wir leben unseren Traum!

Am nächsten Morgen war das Aufstehen schwer, denn es war ja Weihnachten und der Blick aus dem Fenster traumhaft weihnachtlich winterlich. Doch wir mussten weiter, die Zeit tickte. Immerhin nahmen wir uns noch viel Zeit für ein sehr ausgiebiges Weihnachtsfrühstück mit Rührei und anderen Leckereien, bevor wir wieder Mal den Asphalt verließen. Ich kannte die Strecke schon mit dem Motorrad im Sommer und kann mich nicht entscheiden, wann es schöner ist. Nur eins weiß ich: es ist zu jeder Jahreszeit schöner, sich ohne Asphalt Ulan-Bator zu nähern.

Wir genossen einen herrlichen Sonnenuntergang in tief verschneiter, einsamer Landschaft und telefonierten in bester LTE Qualität über VoIp nach Deutschland, um unseren Familien frohe Weihnachten zu wünschen. Auch an diesen Fahrtagen war die Navigation etwas herausfordernd, denn was durch viele Reifenspuren im Schnee wie die Hauptpiste aussah, war oft nur eine Piste zu einer Mine oder, wie so oft, zu einem kleinen Gehöft. Offroad im Winter bedeutet wirklich anspruchsvolle Navigation! Aber unsere „Snow Cross“ Reifen haben ein super Profil für frischen Schnee und mit etwas Mut und vier Augen für die richtige Spurwahl haben wir den Weg nach Ulan-Bator gefunden.

Und manchmal war es einfacher zu fahren, als zu laufen. Als ich einmal ausgestiegen bin, um nach dem besten Weg zu suchen, ging es so steil bergab, dass es mir die Füße im Schnee unter den Beinen weggezogen hat und ich ungebremst platt auf den Rücken gefallen bin. Autsch! Mir blieb erstmal die Luft weg. Kittymobil jedoch fuhr souverän in den Graben und auf der anderen Seite wieder raus, während ich auf allen Vieren wieder nach oben gekrabbelt bin. Die Erfahrung, dass Laufen oft gefährlicher ist als Fahren, haben wir auch bei unserer EISREISE mit den Motorrädern zum Nordkap gemacht: ohne die richtigen „Reifen“ unter den Winterstiefeln manchmal ganz schön halsbrecherisch!

Da wir wegen der Wetterverhältnisse nicht wussten, wie lange wir durch die Schneepisten bis zur Hauptstadt brauchten, konnten wir auch nur sehr spontan nach Unterkunft suchen. Was wir dringend brauchten, war eine Dusche und eine Waschmaschine, denn seit Irkutsk (!) hatten wir keine Möglichkeit zum Waschen. Wir selbst hatten 3 Tage vor Weihnachten zuletzt geduscht. Das „mal eben schnell“ angemietete Apartment war mit 30€/Nacht nicht nur teuer, wir fühlten uns darin auch nicht wohl: die Türen und Fenster schlossen nicht richtig, was bei Temperaturen bis an die -40°C kein Spaß ist, und überall hingen Zettel mit Regeln und der Hinweis auf eine Überwachungskamera.

Wir hatten in der Stadt ein paar Dinge zu erledigen (abgesehen von der Wäsche von uns und unseren Klamotten) und die vier Nächte verflogen viel zu schnell. Wir waren absolut gestresst, hetzten herum, kamen kaum zum Essen und verließen nach drei Tagen die Stadt mit dem Gefühl, unbedingt einmal ausschlafen und „Pause“ machen zu müssen. Doch die Zeit tickte weiter, das ablaufende Russlandvisum saß uns im Nacken und bis zur Grenze des nächsten visafreien Landes, Kasachstan, lagen noch gut 3000km vor uns.

Zu allem Überfluss hörte unsere Planar Standheizung bei -38°C einfach auf, zu funktionieren, während wir in der Ferienwohnung schliefen. Staub konnte sie diesmal nicht gefressen haben, denn es lag nur Schnee. An der Socke konnte es auch nicht liegen, die war über eine Woche nicht mehr im Einsatz. Und aus deutschsprachigen Foren zur Heizung kamen nur absolut schlaue Sprüche in Richtungen wie „im Gebirge geht das eh nicht“ (welches Gebirge?) oder „Feuchtigkeit im Filter“ (Welcher Filter? Welche Feuchtigkeit bei -40°C?) oder „Euer Eigenbau ist scheiße“ (welcher Eigenbau? Vom Fachhändler mit Garantie eingebaut!) und unsere Laune wandelte sich stellenweise richtig in Hass. Immer noch, wenn ich darüber nachdenke… Der entscheidende Hinweis kam dann nicht von besserwissenden europäischen Fachhändlern, sondern von einem Reisebekannten, der das Problem im letzten Winter auch schon in der Mongolei hatte: der schlechte Diesel und die Winteradditive setzen das feine Zerstäubersieb zu und verschmelzen sogar ein paar Fasern. (Könnt Ihr hier nachlesen: “Scheißteil“) Ohne Ersatzteil keine Reparatur möglich. Also hatten wir eine Herausforderung: im Winter die Mongolei zu queren, ohne eine eigene Unterkunft zu haben!

Wir hatten uns für die sogenannte „Südroute“ durch die Mongolei entschieden. Vorher hatten wir uns diverse Ratschläge von Einheimischen eingeholt. Im Gegensatz zu den Overlandern mit ihren teuren Expeditionsmobilen und 4×4 waren alle der Meinung, dass Kittymobil sowohl die Nordroute, als auch die mittlere Route und selbstverständlich auch die Südroute schaffen würde. Schließlich fahren dort ja auch alle mit ihrem Prius und nicht mit hochgerüsteten Fahrzeugen! Wir entschieden uns für die Südroute, weil ich die Nordroute schon kannte und die Wettervorhersage für den Süden keinen Neuschnee vorhersagte. Wenn man unter Zeitdruck ist, muss man den Weg des besten Wetters gehen!

Unser erster Halt war ein Guesthouse in Kharkhorin, dem antiken Karakorum, der ehemaligen Hauptstadt des großen Mongolenreiches unter Dschingghis Khan und seinen Nachfolgern. Das Museum zur Hauptstadt, von der heute nichts mehr sichtbar ist, ist klasse gemacht und war für mich auch einen zweiten Besuch wert. Das Erdene Zuu Kloster kenne ich nur im Winter, aber diesmal war es ganz besonders kalt: bei -25°C blies ein kräftiger, eisiger Wind und wir waren froh, dass wir die Gelegenheit bekamen, im aktiven Teil des Klosters den Mönchen beim Singen zuhören zu dürfen. Ein Ofen prasselte warm vor sich hin und während die Mönche ihre Verse sangen, tauten wir wieder auf.

Außer uns waren noch zwei andere Touristen in der Klosteranlage, welche Tür für Tür extra für uns aufgeschlossen wurde. Nach den etwas künstlich wirkenden Klöstern in China war dieses Kloster wieder so lebendig und charaktervoll wie die Klöster, die wir in Tibet erleben durften. Und genauso natürlich und ohne Touristenmassen wie in Tibet, denn in China war ja alles überlaufen, laut und schrill bunt.

Es war der letzte Tag des Jahres 2019 und wir hatten keine Ahnung, wo wir Silvester „feiern“ würden. Wir hatten beschlossen, so lange zu fahren, bis ein Ort mit einer Übernachtungsmöglichkeit kam. Booking.com wusste nichts, aber auf maps.me gab es theoretisch ein paar Möglichkeiten. Und dann kam alles anders.

Wir verloren den Antrieb. So, wie vor rund 27.000km in Tibet (zum Nachlesen hier entlang: der Westen Tibets): die Antriebswelle rutschte heraus und wir waren wieder ratlos: wie konnte das passieren? Und dann standen wir da, mit unserem Kittymobil ohne Standheizung im Nirgendwo. Und lernten recht schnell einen weiteren von so vielen Gründen kennen, warum größere Reisefahrzeuge nur Probleme und Kosten bereiten: wenn abgeschleppt werden muss! Kittymobil ist schon zu groß, um hinter einem Prius (90% aller Fahrzeuge in der Mongolei sind ein Toyota Prius) hergezogen zu werden. Wir brauchten einen Abschlepper – und auch für den war Kittymobil grenzwertig. Aber er brachte uns sicher zur 60km entfernten Stadt.

Wir hatten zwar keine Standheizung, aber unsere Binar 5S Motorheizung. Und mit der kann man auch die Fahrerkabine heizen. Als ein mongolischer LKW Fahrer neben uns anhielt und uns zu sich in seine Kabine zum Aufwärmen einlud, konnten wir ihm das nicht vermitteln, aber seine Standheizung bollerte auf höchster Stufe, er saß im T-Shirt vorm Lenkrad und goss uns heißes Quarkgetränk ein, welches Mongolen immer trinken, wenn es richtig kalt ist. Ich liebe es: sämig, samtig, süß-säuerlich, mit Fettaugen aus Butter und es wärmt herrlich von innen!

In der Stadt, zu der der Abschlepper uns brachte, gab es zwar ein Hotel, aber in den ersten 4 Zimmern, die man uns anbot, keine Glühbirnen. Während der arme Nachtportier nach Glühbirnen suchte, wurde es Mitternacht und ein anderer Hotelgast, ein Monteur noch in dreckiger Arbeitskleidung, zog uns spontan vom Gang in sein Zimmer, wo wir mit ihm und seinen zwei Kollegen und scheußlichem Sekt auf 2020 anstießen. Das war also unser Silvester.

Mit dem neuen Jahr kam auch eine (!) Glühbirne und wir fielen erschöpft ins Bett. Am nächsten Morgen war natürlich Feiertag und keine Reparatur zu erwarten, doch wir hatten Glück: bei unserem Neujahrspaziergang trafen wir zufällig den Inhaber der Werkstatt, welcher sofort wusste was unser Problem war: der Sicherungsring war weg! Wie bitte?

Am nächsten Morgen stellte sich heraus: er hatte Recht. Die Antriebswelle wird unter der Achsmanschette von einem Sicherungsring daran gehindert, aus der Verzahnung zu rutschen. Und dieser Ring fehlte. Da uns ja schon in Tibet die Welle herausgerutscht war, gehen wir davon aus, dass der Ring auch nie da war. Wir hatten vor zwei Jahren die Antriebswelle von einer Werkstatt in Krefeld (nein, das war nicht unsere Lieblingswerkstatt mit dem gelben T2…) provisorisch tauschen lassen, weil die Achsmanschette zu lange aufgerissen und das Fett weg und auf der Welle Rost war. Ob man dort geschlampt hat? Sehr wahrscheinlich. Ein Pfennigartikel und große Schlamperei hat uns nun 2x den Abschlepper und Abschleppkosten von insgesamt 650€ beschert! Wir waren so unglaublich wütend! Macht heute keiner mehr seinen Job so, wie er soll und wofür man bezahlt? Muss man bis in die Mongolei fahren, um solche Schlamperei auszumerzen? Offensichtlich ja.

Uns rannte die Zeit davon. Wir fuhren weiter mit der tickenden Uhr im Nacken und als nach 200km die Bremse fest ging, brauchten wir wirklich starke Nerven. Klar, bei so viel Offroadeinsatz kommt irgendwann Dreck an die Bremskolben, aber wir hatten erst in Kasachstan den „großen Service“ geplant, weil wir dort kein Visum brauchen und bis zu 90 Tage bleiben dürfen. Für „kleinen Service“ zwischendurch war einfach keine Zeit. Schon einfache Dinge wie ein Friseurbesuch schoben wir seit Wochen vor uns her. Ich fuhr 60km ohne zu bremsen bis zur nächsten Kleinstadt.

In der dortigen Werkstatt kümmerte man sich zunächst sehr professionell um unseren Dreck. Eine Bremszange ging partout nicht auf, sodass der Mechaniker etwas Druck aus der Bremsleitung ließ. Eigentlich kein Problem, wenn man weiß, wie man Bremsen entlüftet. Und genau das wussten sie nicht. Kittymobil wurde als „fertig“ deklariert, doch dass kein Bremsdruck da war, fiel erst mir auf. Also haben wir versucht, den Jungs beim Entlüften auf die Finger zu gucken und stellten fest: statt zu entlüften, ließen sie noch mehr Luft ins Bremssystem, weil ein Dummkopf vergaß, rechtzeitig Bremsflüssigkeit nachzufüllen. Ich hielt es wirklich kaum aus. Jan und ich beschlossen, alles selbst zu machen und ich brauchte alle meine arg strapazierten Nerven, um nicht einem nach dem anderen auf die Finger zu schlagen, wenn sie Kittymobil anfassten. Es war nach 22 Uhr, als Kittymobil mit Bremsdruck von der Hebebühne rollte. Ach ja: die Kupplung hing zwischendurch auch noch fest. Aus „mal eben schnell sauber machen“ war ein ganzer Tag geworden! Aber es gab ein Hotel im Ort. Viel zu teuer für eine kurze Nacht und ohne Frühstück, aber Essen wird sowieso überbewertet.

Das Essen in der Mongolei ist außerhalb der Hauptstadt leider wirklich so, wie es überall erzählt wird: es gibt nur Hammel. Hammel in Dampfnudeln, Hammel in frittierten Teigtaschen, Hammel zu gebratenen Nudeln, Hammel in Maultaschen, Hammelsuppe und sogar zum Frühstück Haferbrei mit Hammelfleisch! Seit Tagen der Fahrerei und des Stresses hatten wir nur Kekse und Chips gegessen, da war es egal, wenn es im Hotel kein Frühstück gab.

Am nächsten Tag schafften wir 825(!)km. Und das war nicht geplant, denn nicht alles war asphaltiert. Aber wenn die Standheizung nicht funktioniert und es draußen dick unter -20°C ist, dann muss man so lange fahren, bis man eine Unterkunft findet. Und das ist in der Mongolei nicht einfach. Wir kamen schon im Dunkeln im ersten Ort an, das eine einzige Unterkunft hatte. Und die war zu. 80km weiter gab es einen Truck Stop, doch dort wollten die Damen rund 15€ für eine dreckige Wolldecke auf wenigen Holzbrettern. Wir fuhren weiter. Und weiter. Und weiter. Völlig erledigt fanden wir immerhin noch vor Mitternacht nach 825km für 14€ ein edles Zimmer mit Privatbad und hammelfreiem Frühstück (3 halbe Scheiben Toast mit halbem Ei und Instantkaffee).

Wir standen früh auf und fuhren 350km zur mongolisch-russischen Grenze. Und erfuhren dort: sonntags geschlossen! Nein! In all der Hektik hatten wir vergessen, uns vorher über diesen Grenzübergang zu erkundigen! Und natürlich war die Standheizung nicht repariert und natürlich keine echte Unterkunft vor Ort. Was tun bei unter -20°C? Tja: erstmal heißen Tee kochen. Bloß dass der Dampf vom Tee sich im Innenraum zu riesigen weißen Dampfwolken ausbreitet und alles mit Glitzer überzieht. Und weil wir auch irgendwann etwas essen mussten und ein Topf Nudeln bei -20°C und kälter eine unvorstellbar große, weitere weiße Dampfwolke erzeugt, war im Bus alles voll Glitzer, als wir ins Bett gingen: sogar die Vorhänge!

Am nächsten Morgen glitzerte es noch viel mehr im Auto. Wir hatten richtig viel Eis auf der Bettdecke und das Thermometer über dem Bett war am Anschlag. Das funktioniert nur bis -20°C. Hinter uns parkte ein Pole, der erzählte, sein Thermometer zeigte -28°C an. Egal, wie kalt es war: nochmal machen wir das nicht! Immerhin konnten wir dank unserer Motorheizung in der Fahrerkabine im Warmen sitzen, Wasserflaschen auftauen und dort auch das Gas warm genug machen, um heißen Tee für uns und die Polen zu kochen. Unser Wintergas funktioniert nämlich auch nur bis -20°C

Und was war den Polen in der Nacht passiert? Die Standheizung war ausgefallen! Ach?! Auch falsch eingebaut, im Gebirge unterwegs oder Feuchtigkeit im nicht vorhandenen Filter? Nein, der Pole kannte das Spiel schon: seine Eberspächer fällt in der Mongolei jede Woche 1x aus, weil der miese Diesel mit den Winteradditiven das feine Zerstäubersieb zusetzt und die ganze Brennkammer verrußt. Das Problem war keinem europäischen „Fach“händler bewusst und bis heute bekommen wir böse Nachrichten vom deutschen Importeur, dass das alles nicht wahr sei. Komisch nur, dass wir nun die dritten Mongolei-Winterreisenden mit exakt dem Problem getroffen haten!

Bei der Einreise nach Russland wurde ich vom Zoll auch noch darüber informiert, dass sich meine Suzuki immer noch in der Eurasischen Zollunion befindet, obwohl der ADAC behauptet, sie am 15.9. ordnungsgemäß ausgeführt zu haben. Sie ist auch tatsächlich in Krefeld, nur hat der ADAC da wohl die Zollpapiere nicht richtig gemacht. Das wird also auch noch lustig, der ADAC hat sich bei der Aktion nicht gerade mit Ruhm bekleckert: erst 2 Monate diskutieren, ob sie eine notarielle Vollmacht zum Transport brauchen, dann erfahre ich, dass der ADAC das havarierte Motorrad eines Bekannten ohne Vollmacht aus exakt derselben armenischen Garage holt, dann beim Transport mein Motorrad beschädigen und nach 2 Monaten Reise mit mindestens drei Speditionen nicht wissen, wie man ein Fahrzeug in die EU einführt. Und offensichtlich vorher nicht aus Armenien ordnungsgemäß ausgeführt hat. Da kommt Freude auf!

Echte Freude hatten wir jedoch im russischen Altai. Doch davon berichte ich demnächst. Die Zeit tickte: nur noch 5 Tage Gültigkeit des russischen Visums, 1200km zur nächsten Grenze und bis dahin die Aufgabe, Ersatzteile für die defekte Standheizung zu finden. Wir nahmen auch diese Herausforderung an…

 

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