Wir sind im Iran! Und das, obwohl unsere Motoräder über 250ccm haben und im August über das Internet verbreitet wurde, dass die Einreise solcher „big bikes“ nun verboten sei. Das war das beste Beispiel dafür, wie ein einziger Mensch international über soziale Medien große Verwirrung stiften kann. Bis heute taucht in Foren und Gruppen immer wieder die Frage danach auf. Aber: alles heiße Luft, „wir sind drin“ mit unseren „Monstermotorrädern“!
Nach ein paar Tagen „Büroarbeit“ in Goris machten wir uns mit Ulla und Bernd (beide auf BMW F650GS) auf den Weg nach Agarak, dem armenischen Grenzort zum Iran. Da wir ja im Sommer alle möglichen Streckenvarianten Richtung Grenze getestet hatten, wussten wir, welche besonders schön war.
Das einzig nicht so schöne an der Traumstrecke durch tollste Landschaft auf bestem Asphalt und mit 5 Fahrzeugen auf 100km war das Wetter. Schon am Vortrag hatte es geregnet und die angenehmen Temperaturen fielen auf 7 Grad bei Abfahrt aus Goris. Und sie fielen weiter – bis auf 1°C im Nebel auf 2225m. Brrr! Aber ich habe ja meine Nordkap-erfahrenen Heizhandschuhe dabei und wir fuhren mit Daunenjacke unter den Motorradjacken. Wir froren daher kein bisschen!
Auf halber Strecke kommt man an einem Gedenkstein zum Berg-Karabach-Krieg vorbei, es scheint, als seien dort 4 Soldaten 1994 gefallen. Die Straße führt in unmittelbarer Nähe zum Korridor, der Armenien von Berg-Karabach trennt. Ein trauriges Kapitel im Kaukasus, das bis heute noch nicht abgeschlossen ist…
In Agarak kamen wir wieder im „Guesthouse Samuel“ unter, wo wir im Sommer bei über 40°C schon übernachtet hatten. Mangels gemeinsamer Sprache hatte die Familie damals nicht verstanden, dass wir uns nicht „für immer“, sondern „bis Oktober“ verabschiedet hatten und in der Zwischenzeit nicht im Iran waren, sondern nur im Kaukasus. Entsprechend riesig war die Wiedersehensfreude.
Natürlich mussten wir wieder zu Oma in die Küche, in der sie damals frische Feigen und frische Feigenmarmelade gereicht hatte, während der Feigenkompott auf dem Herd köchelte. Nun war klar, dass wir den Kompott auch probieren mussten! Und dazu natürlich noch die Marmelade, dazu Gebäck, Süßigkeiten, Tee und von Opa eilig aus dem Garten gepflückte Granatäpfel und… Quitten. Ja, die werden hier roh gegessen…
Das üppige Frühstück wollte am nächsten Morgen kaum enden, doch irgendwann mussten wir uns trennen, um die 200m bis in den Iran anzutreten. Das Guesthouse liegt nämlich fast direkt hinterm Schlagbaum. Auch über den Grenzübertritt in den Iran wusste das Internet, beziehungsweise einige Herren in sozialen Medien, Schlimmes: ohne Helfer, die einen den Weg durch den Schalterdschungel weisen und dabei dolmetschen, sei ein Grenzübertritt in den Iran nicht möglich. Und Gebühren koste es auch. Jaja.
Nun, wir brauchten weder Helfer noch Dolmetscher noch unser Portemonnaie zu zücken. Außer, weil wir keine Kopien unserer Papiere zur Hand hatten. Die mussten wir dann doch für 1$ kopieren lassen. Ansonsten lief alles sehr flüssig, strukturiert und absolut nachvollziehbar ab. Natürlich standen „Helfer“ bereit und einer versuchte auch recht penetrant, zu „helfen“, doch das größte Problem war der Lehrling, welcher zwar unsere Unterlagen bearbeitete, dies jedoch nicht im System hinterlegte, sodass wir am Ende zwar alle Stationen durchlaufen hatten, aber trotzdem nicht erfasst waren.
Dieser kleine Fehler des Lehrlings kostete zwar Zeit, aber das machte nichts, denn Ulla hatte vergessen, ihre Heizgriffe auszuschalten und hatte ihr Motorrad während der gesamten Grenzprozedur von gut 3 Stunden mit Zündung, Licht und Handy stehen lassen. Da war die Batterie leer. Und da ein modernes Motorrad keinen Kickstarter hat und sich nicht anschieben lässt, weil die Benzinpumpe eine gewisse Spannung dazu braucht, brauchte Bernd einige Zeit, Ullas Motorrad halb zu zerlegen, um die von BMW unzugänglich verbaute Batterie frei zu legen. Aber wir hatten ja Zeit, denn Jan flitzte durch die Grenze hin und her, um mit allen unseren Daten irgendwie ins System zu kommen. Und als wir endlich im Computer auftauchten, lief Ullas BMW auch wieder. Perfektes Timing!
Wir fuhren entlang des Grenzflusses Aras, welcher der biblische Fluss Gihon sein soll durch tolle Felsformationen bei ziemlich starkem und böigem Wind. Der Aras ist nicht nur Grenzfluss zu Armenien, sondern auch zu Aserbaidschan, denn einen Teil der Strecke fuhren wir auf der anderen Seite der aserbaidschanischen Exklave „Nachitschewan“ entlang.
Nach 200km und einem Kebab kamen wir in Tabriz an. Im Iran funktionieren ja gängige Webseiten nicht und so fuhren wir ohne Reservierung nur nach Empfehlung aus der iOverlander App zu einem Guesthouse, in dessen Hof die 4 Motorräder sicher stehen konnten. Es stellte sich heraus: es gab nur noch ein Vierbettzimmer. Nachdem wir Geld getauscht hatten, konnten wir das auch bezahlen. Ganze 7€ kostete das!
Im Iran ist die Währung im freien Fall. Das bedeutet, dass es für uns jeden Tag hier billiger und die Situation für die Iraner immer schlimmer. Unser Abendessen schlug mit etwa 1,30€ pro Person zu Buche (inklusive Getränke), ein riesiges Glas frischer Saft kostet 60 Cent. Tendenz täglich billiger, solange man sein Geld illegal schwarz tauscht. Es gibt im Iran zwar Geldautomaten, aber an diesen kann man mit Visa oder Mastercard nichts abheben, sodass man auf Bargeld angewiesen ist. Das kann man zum ofiziellen Wechselkurs auf der Bank tauschen oder das Vierfache auf dem Schwarzmarkt bekommen. Und da ist man schnell Millionär: schon 6€ reichen hier für die erste Million!
Unser erster Tag in Tabriz führte uns zu einer zweiten illegalen Handlung: im Iran dürfen Ausländer keine Simkarten kaufen. Doch wie bekommt man eine Karte fürs Handy in einer fremden Stadt, in der man niemanden kennt? In Deutschland wäre das unmöglich, zudem, weil es ja nicht erlaubt ist. Und im Iran fragt man einfach den Opa hinterm Tresen des Mobilfunkanbieters. Und der führt einen dann zu einem jungen Mann, der weiterhilft.
Eine Stunde und zwei leckere Kaffee später hatten wir beide unsere Telefone im iranischen Netz eingebucht und Internetguthaben darauf. So einfach ist das! Dann gingen wir auf den Bazar, welcher der größte überdachte Bazar der Welt sein soll. O.k., das Warenangebot war im Vergleich zu anderen solcher Märkte wie Isfahan oder Marrakesch bis auf die Teppichabteilung eher „made in China“, aber trotzdem interessant, denn ich musste shoppen.
Im Iran müssen sich auch Ausländerinnen „mullahgefällig“ kleiden. Ich war mit meiner Mutter und Schwester 1996 (vor 22 Jahren!) schonmal im Iran und bin damals sehr wütend gewesen, im knöchellangen Mantel herum rennen zu müssen, die Haare unter einem engen Kopftuch zu verstecken und mich „zu Tode“ zu schwitzen, während mir erzählt wurde (und über den Spruch ärgere ich mich bis heute!), dass sich ja die Frauen in so einer Vermummung schließlich „frei fühlen“ könnten, denn sie seien ja „vor den Blicken der Männer geschützt“. Ich hatte mir geschworen, erst dann wieder in den Iran einzureisen, wenn sich die Situation entspannt hat.
Und nun ist es tatsächlich so weit: das Kopftuch wird vielerorts nur noch „von Allahs Hand gehalten“ und bedeckt den Nacken statt das Haar, knöchellange, sackartige Mäntel sind flotten, zum Teil recht figurbetonten Kurzmänteln oder Longshirts gewichen und das eigentlich verbotene Make-Up wird so exzessiv verwendet, dass es nicht mehr schön ist. Statt derbem Schuhwerk mit blickdichten Socken wird barfuß in offenen Schuhen gelaufen und die einst weite Hose ist Leggings gewichen.
Ein langes Holzfällerhemd mit Kopftuch als Erstausstattung war schon ein guter Start, aber ich brauchte Wechselklamotten und erstand einen blauen „Manteau“ (Kurzmantel) mit Pünktchen und ein passendes Kopftuch. Obwohl wir in einem Fachgeschäft einkauften und uns der Verkäufer noch zum Tee einlud, wurden wir für den Mantel nur 3,20€ los. Das Shopping belastet hier die Reisekasse nur wenig.
Als wir abends mit Ulla und Bernd ein Restaurant betraten, war das Gelächter bei Kellner und Gästen groß: die Speisekarte war für uns nicht zu lesen! Kein Problem, der Koch brachte diverse Zutaten und Gerichte in kleinen Schüsseln an den Tisch und wir trafen unsere Wahl. Es war so lecker! Nachdem wir ja in Georgien schon geschlemmt hatten, bis die Bäuche platzten, wird es hier so weiter gehen…
Jan und ich schwärmen beide von einer bestimmten Eisdiele in Damaskus, in der es ein unbeschreiblich leckeres Milcheis gibt. Und wir hatten ein ähnliches Eis gesehen, was wir unbedingt probieren mussten. Es war vergleichbar: Milch mit Rosenwasser und Kardamom zu Eis verarbeitet und in Waffeln gespachtelt. Nur die frischen Pistazien, in denen das Eis in Damaskus gewälzt wurde, fehlten hier. Hmmmmmm! Ob es die Eisdiele in Damaskus wohl noch gibt? Wahrscheinlich nicht…
Angeblich muss man im Iran sein Fahrzeug versichern, weil man sonst im Falle eines Unfalls zunächst schuldig ist (unabhängig vom Unfallhergang) und mit Pech im Gefängnis landet, bis die Sache vielleicht irgendwann geklärt ist. Diese Art der Unterbringung ist natürlich äußerst kostengünstig und auch ohne Visaprobleme, aber leider sehr ortsgebunden und mit unserem Vagabundenleben nicht vereinbar. Also zogen wir zu viert los, um unsere Motorräder zu versichern.
Die erste Adresse eines Versicherungsbüros endete in einer Mall, in der das Büro nicht (mehr?) war, uns aber ein Gardinenverkäufer (Spezialität: Glittergardinen und Perlenstores) eine Karte malte, auf der wir den Weg zur nächsten Adresse nachvollziehen konnten. Dort fanden wir aber nichts außer Sportstätten und Ulla sprach eine Frau auf der Straße an.
Diese Frau entpuppte sich als Engel des Tages. Später erklärte sie uns das als „im Iran völlig normal“ und war völlig erstaunt „in Deutschland nicht?“. Zunächst führte sie uns zur aufgemalten Adresse. Es handelte sich dabei um das Büro der iranischen FIA. Leider verstand man dort offenbar das, was auch der Gardinenverkäufer verstanden hatte: dass wir eine Lizenz zum Fahren großer Motorräder beantragen wollten. Ein paar Telefonate und dank der Englischkenntnisse unseres Engels namens „Raana“ klärte sich das Missverständnis auf. Ausländer dürfen ohne Lizenz auch große Motorräder fahren! Dass meine kleine Pet mit ihren 350ccm und 27PS hier ein Riesenmotorrad ist, amüsiert mich tagtäglich.
Die Adresse, die man unserem Engel nun erklärte, lag weit weg und so packte sie uns kurzerhand in ihr Auto und fuhr uns dort hin. Unterwegs rief sie ihre Mutter an, damit diese ihren Sohn aus dem Kindergarten hole. Im Versicherungsbüro selbst konnte man zwar etwas mit uns anfangen, aber keiner konnte Englisch, sodass Raana weiter bei uns blieb und dolmetschte. Insgesamt knapp drei (DREI!) Stunden blieb sie bei uns! Würde das in Deutschland passieren?
Am späten Nachmittag waren wir mit Resa verabredet, einem jungen Iraner, den Ulla und Bernd am Vortag kennen gelernt hatten. Resa wollte uns an Orte in den Bazar führen, „die keiner kennt“. Da sein Vater im Bazar ein Restaurant hat, waren wir uns sicher, dass er Recht hat. Und es war perfekt!

Im Tabriz werden Teppiche gehandelt und verfeinert, welche in den umliegenden Dörfern geknüpft werden und als „Rohware“ in die Stadt kommen. „Rohware“ ist in dem Fall ein Teppich mit Wollgewusel auf der Oberseite und ohne erkennbares Muster.
Zunächst muss der Teppich von der Rückseite begutachtet werden, um anschließend ungleich gewebte Ornamente, schiefe Linien oder zu locker gewebte Passagen zu verbessern und zu verdichten. Dies geschieht mit einer Art Haken, einem Metallkamm und einem Stößel.
Anschließend muss aus dem „Wollgewusel“ der Oberseite das Teppichmuster „herausgeschoren“ werden. Dazu wird die Oberseite mit einer Art Fräse rasiert, welche die ungleich abgeschnittenen Wollfäden auf eine einheitliche Länge kürzt und somit das Motiv zum Vorschein bringt.
Anschließend wird der Teppich mit einer Art rotierenden Bürste wie ein Rasen vertikutiert, wodurch die feinen Linien und Motive schärfer und klarer werden. Für uns sah der Teppich dann eigentlich schon fertig aus. Ist er aber nicht.
Einer der letzten Schritte ist unter anderem die sorgfältige Nachbearbeitung der Motive mit einer Schere, um die Motive plastischer zu gestalten, eventuell immer noch abstehende Fäden zu kürzen und dem Teppich zu einem Gemälde zu machen. Wir waren schwer beeindruckt, wie viel Arbeit in einem Teppich steckt, nachdem er fertig gewebt ist!
Mit Resa fuhren wir dann zum Restaurant seines Onkels, in dem uns eine Kundin zurief, hier gäbe es die besten Kebabs. Und sie waren wirklich gut! Anders als sonst: mit frischer Minze und nicht in Fladenbrot gerollt, sondern stückweise mit der Hand und Fladenbrot zu essen.
Wir hatten alle noch frische Minze übrig und sprachen davon, was das für einen leckeren Pfefferminztee geben würde. Resa verstand nicht. „Pfefferminztee“? Kannte er nicht. Also bestellten wir einen Becher heißes Wasser und bereiteten ihm einen Pfefferminztee zu. Resas Augen begannen richtig zu leuchten: so lecker! Wir sind uns sicher, bald wissen noch mehr Leute in Tabriz, was man noch so mit Pfefferminze machen kann…
Wir luden Resa noch zu einem Eis ein und „unsere“ am Vorabend zufällig entdeckte Eisdiele entpuppte sich als DIE Eisdiele der Stadt schlechthin! Nach einer Riesenportion Eis und 5 gemeinsam verbrachten Stunden verabschiedeten wir uns von Resa, der eigentlich nur Kellner in dem Restaurant war, in dem Ulla und Bernd am Tag zuvor saßen und nach einer Simkarte fragten. Ist Euch das schonmal mit einem Kellner in Deutschland passiert? Würde das einem Ausländer in Deutschland passieren, der eine Versicherung braucht oder illegal nach einer Simkarte fragt?
Die Bestellung unseres Frühstücks für die Milchbar hatte uns Resa auch noch auf einen Zettel geschrieben. Als wir dort mit dem Zettel auftauchten, wurde viel gelacht und sofort serviert: eine Schale Rahm mit Honig und frisch gebackenes Brot. Dazu einen Becher heiße Milch. So lecker! Das war echtes Essen! In der Sahne waren Schmand- oder Butterstückchen, die Milch schmeckte sahnig, das Brot war lauwarm. Ein Hochgenuss! Und das ist auch das iranische Frühstück, der Laden war brechend voll und Sitzplätze Mangelware, sodass für Jan und Bernd schnell die Kühltruhe als Stehtisch frei geräumt wurde.
Jan und ich haben nur ein Visum für 4 Wochen bekommen, brauchen aber drei Monate. Also suchten wir das Passamt auf. Auch da hatten wir allerlei Geschichten gehört und gelesen von „keiner kann Englisch“ bis hin zu „in Tabriz fast unmöglich“. Es stellte sich heraus: der Mensch am Schalter sprach super Englisch und konnte alle Fragen beantworten. Ein Punkt mehr auf der to-do-Liste abgehakt!
Der nächste Punkt war mein Vorderreifen. Da der KTM Händler in Tiflis ja keine Reifen für mich bestellt hatte, obwohl er sogar kurzfristig einen Abholtermin vereinbarte hatte, musste ich ein paar Wochen später in Eriwan nehmen, was ich bekam. Und das war ein iranischer Hinterreifen und ein chinesischer Vorderreifen. Der Hinterreifen von „Iran Yasa“ ist nun meine Lieblingsmarke, der fährt sich einfach traumhaft! Nur der chinesische Vorderreifen ist ein „Sorgenkind“, da er eher für Mofas gedacht ist, also viel zu schmal und weich. Bei jeder Unebenheit (und da gibt es hier viele!) führte das zu Vorderradschlackern und in Kurven und beim Bremsen führte die geringe Traglast zu einem Fahrgefühl wie mit Mousse statt Schlauch.
Ich träumte also von einem „Iran Yasa“ Vorderreifen mit passender Traglast und breiterem Reifenmaß. Gleich im zweiten Motorradladen wurden wir fündig. Nicht nur, dass der Reifen vorrätig war (wo gibt’s denn sowas bei uns?), sondern auch der Inhaber des Ladens war ein Volltreffer! Mit ihm waren wir bei Ankunft in Tabriz zufällig schon durch den dichten Verkehr geflossen! Er erinnerte sich auch sofort an unsere vier Motorräder und lud uns ein, mit ihm am Freitag eine Ausfahrt zu machen. Er selbst fährt eine chinesische Interpretation eines Reisemotorrades mit 250ccm, BMW Look und Alukoffern.
Übrigens sind wir hier zwar im Iran und in einer „teppichberühmten“ Stadt, jedoch sind wir weder in Persien, noch handelt es sich um „Perserteppiche“. Wir befinden uns in Ost-Aserbaidschan und 99% der Leute in Tabriz sprechen Azeri und bezeichnen sich selbst weder als Iraner, noch als Perser, sondern als Azeris. Alle, die wir getroffen haben, waren sich darin einig. Jan und ich waren ja in Aserbaidschan und hatten fast 1 Monat Zeit, die Azeris kennen zu lernen. Und müssen nun sagen, dass wir froh sind, dass die Azeris mit iranischem Pass persisches und nicht aserbaidschanisches Verhalten an den Tag legen. Sehr entspannend!
Abends waren wir mit unserem Engel vom Vortag, Raana, verabredet. Wir wollten sie und ihre Familie als Dankeschön zum Abendessen einladen. Die Adresse, die sie uns nannte, war in einem noblem Viertel der Stadt und das italienische Restaurant hätte auch bei uns sein können. Statt ihres Mannes hatte Raana ihre beste Freundin Anita mitgebracht und wir spachtelten lecker italienisch mit 7 Personen für umgerechnet 22 Euro. Inklusive Cocktails. Alkoholfrei natürlich.
Raana musste mit ihrem kleinen Sohn heim, aber ihre Freundin Anita hatte beschlossen, dass wir die größte Sehenswürdigkeit der Stadt noch nicht gesehen hatten. Obwohl es nach 22 Uhr war, kutschierte sie uns dort hin: im El Goli Park ein Pavillon in einem künstlichen See. Naja. Viel netter war, dass ihr Mann dazu kam und wir von ihnen interessante Einblicke in das Leben der gehobenen Mittelschicht bekamen: sie Ärztin, er Sportlehrer, planen sie, nach Kanada auszuwandern, lernen dafür Französisch und sagen, dass sie in ein Leben in diesem Staat keine Kinder in die Welt setzen möchten. Es war weit nach Mitternacht, als uns ihr Mann vor unserem Guesthouse absetzte…
Etwas unausgeschlafen standen wir morgens in Moppedklamotten im Hof, denn unser nächstes Date holte uns ab: der örtliche Motorradhändler hatte uns zu einer Ausfahrt ins Höhlendorf Kandovar eingeladen. Jan und ich mussten tanken. Nachdem wir zwei Motorräder vollgetankt hatten, war unsere Reisekasse um 1,50€ leichter. Ein Euro fünfzig für 25 Liter Benzin. So viel kostet in Deutschland ein einziger Liter…
Es war Freitag, also Sonntag, und das Höhlendorf völlig überlaufen mit iranischen Sonntagsausflüglern. Trotzdem war es nett, denn für die Einheimischen waren wir eine weitere Attraktion des Ortes und wir standen viele, viele Male Modell für unzählige Fotos. Im Vergleich zum Hählendorf Wardsia in Georgien und Chndsoresk in Armenien ist Kandovar viel schöner, da noch bewohnt. Mir taten die Bewohner leid, die mitten im größten Ausflugstrubel wohnen…
Natürlich wurden wir vom Motorradhändler auch zum Essen eingeladen, seine Tante hatte gekocht. Wir saßen lange auf der Terrasse auf dem Boden (ich habe im Haus keinen einzigen Tisch gesehen, auch das Kochen fand in der Küche auf dem Boden statt), sodass es schon dunkel war, als wir in die Stadt zurückfuhren.
Heute regnet es und wir sind unsichtbar. Hoffen wir zumindest. Wir haben allen unseren neuen Freunden erzählt, dass wir heute weiterfahren. Die iranische Gastfreundschaft ist unglaublich und wer das 1x erlebt hat, findet die verschlossenen Türen und Menschen in Deutschland merkwürdig. Wer das noch nicht erlebt hat, findet uns und diese Aussage merkwürdig. Wetten? Nur sind wir hier jeden Tag mindestens 1x verabredet gewesen oder eingeladen worden und das ist auf Dauer etwas anstrengend, sodass wir nun einen Tag Pause brauchen. Dann sollte der Regen aufgehört haben und morgen rollen wir weiter.
Und wenn wir uns Mal nicht melden, dann liegt es daran, dass gerade keiner unserer zwei VPN Tunnel funktioniert. Da im Iran die meisten Internetseiten, die wir so nutzen, gesperrt sind, müssen wir immer über einen VPN Tunnel online gehen. Das funktioniert zwar besser, als gedacht, aber nicht immer. Und wenn, dann langsam. Das Wahrscheinlichste aber ist: wenn Ihr nichts von uns hört, sind wir einfach nur wieder von lieben Iranern entführt und gemästet worden! Bis wir wieder frei gelassen wurden und genug Verdauungsschlaf gehalten haben, könnt Ihr ja noch unser letztes georgisch-armenisches Vdeo anschauen:

Übrigens: unsere Fotoalben aus Georgien und Armenien sind nun fertiggestellt. Ihr könnt die Fotos hier anschauen: Georgien Facebook / Georgien Flickr und Armenien Facebook / Armenien Flickr. Leider herrscht im Armenien Fotoalbum auf Flickr ein wahnsinniges Durcheinander, weil die Internetverbindung hier so schlecht ist, dass ich nun den 3. Tag versuche, die Fotos dort hoch zu laden. Manchmal funktioniert es – und so entstehen doppelte und dreifache Bilder. Raus löschen tu ich die aber nicht, das würde noch einen Tag Zeit kosten. Und dafür, dass ich immer noch nicht weiß, wer (und ob!) sich das jemand anschaut, ist mir die Zeit zu kostbar. Feedback wäre schön…