Inselhopping im März? Na klar! Und weil hier überall „no camping“ Schilder herumstehen: jetzt oder nie! Auch, wenn noch Eis im Hafen war: wir freuten uns auf drei estnische Inseln: Muhu, Saarema und Hiiumaa. Wie man sieht, verwenden die Esten Vokale genauso „inflationär“ wie die Finnen. 😊

Nach drei Arbeitstagen (mitunter haben wir die Laptops erst gegen Mitternacht ausgeschaltet) in Pärnu waren wir „reif für die Inseln“. Wir fuhren nach Muhu. Muhu ist eigentlich nur eine Art „Transitfels im Meer“, über den die gesamte Ladung Autos von der Fähre schnurstracks rüber rollte, um über den Damm nach Saaremaa zu kommen. Wir sind ja so „Reiseschnecken“ und nehmen eigentlich nie die schnellste Route. So bogen wir auf Muhu von der Transitstrecke ab und fuhren nach Koguva.

Koguva ist ein winzig kleines Fischerdörfchen mit rund 30 Einwohnern. Die Straßen sind unbefestigt und die Häuser mit Reet gedeckt. Der kleine Hafen war noch völlig zugefroren und sehr idyllisch. Doch beim Spazierengehen fielen uns diverse Schilder auf: „Bitte drehen Sie hier um“ oder „Ab hier privat!“ und „Nicht weiterlaufen!“. Ein erster Hinweis, dass in dem nun so friedlich wirkenden Dörfchen im Sommer buchstäblich die Hölle los sein muss.

Und bald sahen wir auch, warum: das 30 Einwohner kleine Dörfchen hat einen Campingplatz und gleich zwei große Wohnmobil-Stellplätze. Insgesamt können (und werden) dort zur Saison ein Vielfaches an „Gästen“ durchs Dorf laufen, als es Einwohner gibt und dem Ort gut tut. Jetzt in der „Nicht-Saison“ fühlten wir uns fast wie Störenfriede im beschaulichen Örtchen, wo man Vögel und Bewohner gleichermaßen hörte. Wunderschön!

Wir wollten nicht weiter stören und fuhren dann auch über den Damm nach Saaremaa. Über den „Windmühlenhügel“, auf dem früher neun der für Saaremaa typischen Windmühlen gestanden haben sollen. Heute sind es noch vier, was für die paar Quadratmeter auch ganz schön viele sind. Auf der ganzen Insel stehen diese Mühlen herum, meist ohne Flügel oder nicht mit allen Flügeln, aber immer gleich gebaut: eine hölzerne Mühle auf einem „Steinhaufen“.

Im Norden von Estlands größter Insel fanden wir einen Stellplatz direkt am Meer. Als die Sonne unterging, war der Traum vom Haus am Meer perfekt: die Bucht war eisfrei, wir standen unter Bäumen, das Meer lag wie ein See vor uns und der Himmel färbte sich kitschig rosa.

Am nächsten Morgen wurde es noch viel besser. Als die Sonne über dem Meer auftauchte, fingen wie auf Kommando alle Vögel an, wild und laut durcheinander zu singen, um den neuen Tag zu begrüßen. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages brachten das Eis auf den Kieselsteinen überall zum Funkeln und unser kleiner Privatstrand wurde zur Zauberwelt aus Vogelstimmen, kitschigen Himmelsfarben, die im Meer reflektierten und Eisglitzer überall! Weil es irgendwann zu kalt wurde, um im Schlafanzug am Meer zu sitzen, öffneten wir die Heckklappe und schauten dem Zauber tief unter der Bettdecke vergraben zu. Traumhaft!

Leider gab es an diesem Traumplatz keinen Handyempfang. Wir kämpfen ja in ganz Estland damit: kaum sind wir außerhalb von bewohnten Gebieten, gibt’s keinen Handyempfang. Blöd, wenn man Internet dazu braucht, um den Tank zu füllen. Blöd, wenn man Handyempfang braucht, um wichtige Telefonate zu führen. Blöd, wenn man den Platz eigentlich nicht verlassen möchte, es aber muss. Aber gut, das ist Jammern auf hohem Niveau. Andere arbeiten schließlich auch nicht am Strand und stehen auf dem Weg ins Büro jeden Tag im Stau…

Wir fuhren gerade mal 15km weiter und fanden das Unmögliche: einen schönen Strand mit gutem Handyempfang! Zack, Laptops raus, Kaffee in die Becher, Heckklappe auf und die Steuererklärung in Angriff nehmen! Zwei Schwäne schwommen vorbei, der Sonnenuntergang tauchte wieder alles in Barbie-Farben und wenn die Standheizung nicht tickerte und Gras und Steine nicht wieder vor Eis glitzerten, man könnte meinen, wir seien in Sommerferien.

In den Sommerferien wären wir aber ganz sicher nicht hier, denn auf jedem Schotter- oder Asphaltparkplatz stehen Schilder mit „no camping“ oder „Parken verboten 22-7“. Ein ganz deutliches Zeichen, dass hier die letzten zwei Jahre auch zu viel los war und man versucht, der Camper-Plage Herr zu werden. Nur die RMK Plätze (der estnischen Forstverwaltung) sind noch nicht beschildert. Wir haben Gott sei Dank ein kleines, niedriges und kurzes Fahrzeug mit Bodenfreiheit und kommen an Plätze, an die ein Wohnmobil nicht hinkommt, ohne sich das Plastikgehäuse aufzureißen. Solche Plätze und die vom RMK sind im Baltikum noch erlaubt, aber wer weiß, wie lange noch? Wir sind schließlich Teil des Problems, wenn auch jetzt buchstäblich „allein auf weiter Flur“. War es in Skandinavien ab Februar schon voll mit Campern, haben wir in drei Wochen Estland erst einen gesehen. Mit Spikereifen.

Gute 24 Stunden später war das deutsche Finanzamt „versorgt“ und unsere Nerven trotz Strand etwas strapaziert. Wir fuhren ein paar Kilometer weiter zum „weißen Kliff“ von Saaremaa. Naja, wenn man auf der Klippe steht, sieht man natürlich nichts und einen Aussichtspunkt mit Sicht auf die Klippen gibt’s nicht. Immerhin konnten wir dank Jans Drohne die 20m hohen Klippe sehen. Ganz nett.

Und dann fuhren wir sage und schreibe 70km weit bis an den Südzipfel der Insel. Für unsere Verhältnisse ist das richtig weit. Dort liefen wir bis ganz zum Ende der Insel am Meer entlang, fotografierten den Leuchtturm (auf den man im Sommer hochkraxeln kann) und fanden einen weiteren traumhaften Stellplatz am kilometerlangen, einsamen Strand. Im März steht es sich hier prima ohne Menschen, Mücken und andere Plagegeister.

Aber auch ohne Handyempfang. Mal wieder. Als Deutsche sollte uns das nicht kümmern, aber von Estland „weiß“ man ja eigentlich, dass alles digital ist und da haben wir, die wir nicht erst 1x in Tallinn waren und in Estland eine Firma hatten, einfach ganz andere Erwartungen gehabt. Wenn man hier wohnt, hat man immer Handyempfang, aber sobald man bewohntes Gebiet verlässt, ist es damit vorbei. Und da wir bewohntes Gebiet meiden, stehen wir einfach regelmäßig im „Off“. In vier Jahren und rund 30 Ländern unserer bisherigen Reise war es nur in Deutschland so schwer. Nun ja, wir sind hier halt in Europa und da können wir „Asien“ nicht erwarten!

Und das betrifft auch die Sehenswürdigkeiten. Wir verließen unseren Privatstrand mit dem Baum voll Hühnergötter und fuhren in die Hauptstadt der Insel, Saaremaa. Übrigens: warum hängen in Estland die Hühnergötter in Bäumen? Ich kannte sie bisher so, dass sie der Person oder dem Objekt, an dem so ein Hühnergott hängt, Haus, Tier oder Person, vor Unglück und bösen Geistern schützt. Doch warum hängen Esten ganze Bäume voll Hühnergötter? Google kann dazu auch nichts sagen. Ihr vielleicht? Wir freuen uns über Eure Ideen!

In der Inselhauptstadt, Kuressaare, steht die besterhaltene Festung des gesamten Baltikums, sagt der Reiseführer. Passenderweise ist die Burg auch das Titelbild des Buches und wir waren daher der Meinung, die Zitadelle sei einen Besuch wert. Nun ja. „Bestens erhalten“ sah für unseren Geschmack „über-restauriert“ aus. Ein wenig wie diverse Sehenswürdigkeiten in China, die dadurch Charme und Charakter verlieren. Ganz nett, auf dem Burgwall einmal um die ganze Anlage zu spazieren, aber weiter reichte unser Interesse nicht. Wir haben in unserem Leben schon hunderte europäische Burgen, Schlösser, Festungen und Zitadellen gesehen und im Vergleich zur Zitadelle von Erbil vor der wir noch vor sechs Monaten standen oder der Zitadelle von Aleppo, die wir beide kennen, sind die europäischen Exemplare einfach wenig spannend für uns. Wir vergessen das nur immer wieder, wenn wir Reiseführer oder Reiseberichte lesen…

In der Inselhauptstadt fanden wir tatsächlich ein geöffnetes Café und beschlossen dort, in Zukunft solche „europäischen Highlights“ öfter links liegen zu lassen und uns mehr auf die Natur Europas zu konzentrieren. Wir surften durchs Internet und machten Pläne. Es gab noch eine dritte Insel, auf unserer „Inselhopping-Tour“: Hiiumaa. Eigentlich gibt es zwei Mal täglich eine Fähre von Saaremaa nach Hiiumaa, aber aus irgendeinem Grund jetzt nur noch eine einzige Fähre pro Tag und die war am Mittwoch natürlich bis einschließlich dem Wochenende online schon ausverkauft. Man könne aber, so die Webseite, im Hafen direkt vor Abfahrt mit Glück noch Tickets bekommen. Wir brachen eilig auf, überquerten die Insel von Süden nach Norden und konnten im dortigen Hafen tatsächlich noch ein Fährticket bekommen. Es stellte sich heraus: es war Niedrigwasser und ein Gefahrguttransporter auf der Fähre, weswegen es so wenige Tickets gab.

Und so saßen wir dann im Kittymobil, aßen Roggenvollkornbrot mit frischem Räucherfisch von der Insel und ließen uns in Dunkelheit bei miesem Wetter von Saaremaa nach Hiiumaa buchstäblich schaukeln. Auf Hiiumaa angekommen, hatten wir richtig Glück: wir fanden auf Anhieb einen schönen Stellplatz am Meer, aber leider stank es dort ziemlich. Ein Phänomen, was wir derzeit oft riechen: der Schnee schmilzt und darunter hat es angefangen, zu faulen: Laub im Wald, Seetang und Gräser am Meeresufer, Gras auf Wiesen. Alles ist derzeit nass, modrig und faulig müffelnd. Aber für eine Nacht o.k.!

Internet gab es natürlich nicht und der Gestank trieb uns am nächsten Morgen recht früh zurück auf die Straße. Christoph, bei dem wir vor zwei Wochen zu Gast waren, hatte uns empfohlen, zum Köpu Leuchtturm zu fahren: einer der ältesten dauerhaft betriebenen Leuchttürme der Welt. Seit 1531 warnt er hier vor einer Sandbank und hat seit 2020 das modernste Leuchtfeuer der Welt. Bei Tag natürlich nicht sichtbar. Jedes Land braucht so seine eigenen Superlative. Estland hat also das modernste Leuchtfeuer. 😊

Viel beeindruckender fanden wir das Denkmal für die 1994 beim Untergang der Fähre „Estonia“ ertrunkenen Kinder. Alle Kinder, die damals an Bord waren, kamen ums Leben. Im Denkmal hängt eine Glocke, die erst dann läutet, wenn der Wind so stark ist wie in der Nacht, in der die Fähre sank. Ich (Silke) war selbst an Bord der „Estonia“, als sie noch „Viking Sally“ hieß (bis 1990) und Denkmäler an Ereignisse, die einen selbst hätten treffen können, zeigen uns immer wieder, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu leben, nichts auf „später“ oder „morgen“ zu verschieben, das Leben zu leben und Tag für Tag zu genießen. Auch, wenn es abgedroschen klingt: jeder Tag könnte der letzte sein! Deswegen leben wir seit vier Jahren so, wie wir leben. Als wir Anfang 2017 auf der Beerdigung eines viel zu früh verstorbenen Freundes waren, schworen sich so viele nach der Beerdigung, ihr Leben zu ändern. Wir denken oft daran zurück, wie wir da mit all den Freunden am Tisch saßen und schon wussten, dass wir diesen Schritt wirklich gehen würden. Dass unsere Worte keine leeren Worte waren, wie sie es so oft sind… Heute sind wir glücklich, es wirklich durchgezogen zu haben.

Auch Estland hat einen „Berg der Kreuze“, wobei „Berg“ auf Hiiumaa „kaum wahrnehmbares Hügelchen“ bedeutet. Dort stehen viele Holzkreuze, die an die 1000 Schweden erinnern sollen, die Katharina die Zweite zu Fuß in die Ukraine geschickt hat. Nur 500 von ihnen kamen an und seit dem werden bis heute immer und immer wieder neue Holzkreuze aus Ästen und Zweigen gebastelt und dort aufgestellt. Leider waren die meisten dieser Kreuze vom Gewicht der Schneemassen zerdrückt. Im Sommer sieht es dort sicherlich „aufgeräumter“ aus!

Die letzte Nacht auf Hiiumaa verbrachten wir direkt am Strand einer kleinen Landzunge. Es fühlte sich nach Frühling an. Wir saßen bei offener Schiebetür ganz ohne Standheizung im sonnigen Windschatten und beobachteten insgesamt drei Fischerboote, die in der Bucht ihre Reusen kontrollierten und dann keine 5m neben Kittymobil ihre Boote an Land zogen. Und dann packten sie, alle halbe Stunde ein anderes Boot, ihre Sachen zusammen und fuhren davon. Einerseits sehr entspannend für uns als „unbeteiligtes Publikum“, andererseits auch völlig ungewohnt. In jedem außereuropäischen Land der letzten vier Jahre wären wir von jeder Bootsbesatzung gefragt worden „Woher kommt Ihr? Wo wollt Ihr hin? Gefällt es Euch hier? Welcome to my country!“ und in vielen Ländern wären wir mit mindestens 10kg Fisch beschenkt worden. Hier waren wir einfach nur unsichtbar. Weil wir als ausländische Camper / Touristen nerven oder weil Esten einfach nicht mit Fremden reden? Reisen in Europa ist für uns ungewohnt und weil sich das Reisen in Europa extrem verändert hat, kennen wir uns auf dem eigenen Kontinent nicht mehr aus. Sicher ist nur: im Sommer möchten wir das hier nicht machen. Und das liegt nicht an den Mücken. 😊

Am Ende unseres Inselhoppings mussten wir wieder zurück aufs Festland. Nachdem wir jetzt fast eine Woche „eisfrei“ hatten, waren wir doch ziemlich überrascht, dass die Ostsee doch noch gefroren ist. Und dass auf dem Festland noch überall Schneematsch liegt und alles in tiefer Matsche und Dreck versinkt, hätten wir auch nicht erwartet. Der Frühling ist doch noch nicht hier, aber eins ist sicher: er kommt!

Übrigens hat Jan ein neues Video fertig. Darin erkunden wir (unter anderem) die lost places von Tskaltubo, die Ruinen luxuriöser Sanatorien im ehemals größten Kurort der Sovietunion…

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