Nachdem wir schon im Januar einen wunderschön weißen Winter in Bulgarien erleben durften, überraschte uns Anfang Februar urplötzlich der Frühling: drei Tage durften wir Temperaturen bis 18°C und Sonne satt genießen. Wir nutzten das gleich aus und liefen zu einer eigentlich unspektakulären Höhle, die aber jetzt im Winter für Fledermäuse als Winterquartier genutzt wird. Überall hingen Fledermäuse herum! Wir waren alle noch nie so nah an diesen faszinierenden kleinen Tierchen, die mit ihren winzigen Krallen wie an die Decke geklebt wirken.

Das Wetter war so sommerlich, dass wir spontan eine Nacht in unserem Passat “Hans” schliefen, denn auch nachts blieben die Temperaturen fast zweistellig. Anfang Februar! Wir hatten so Sehnsucht nach „draußen“, dass wir, als wir uns an unserem Lieblingsplatz mit Blick auf die schneebedeckten Berge nicht sicher waren: kamen die Tränen vom Wind oder vom Glück, wieder in Freiheit zu schlafen? Vom Glück, vom Bett in die glitzernden Sterne schauen zu können und beim Frühstück herrlichen Bergblick genießen zu dürfen? Seelenbalsam hoch zehn! Mindestens.

Und dann kam der Winter-Nachschlag. Wir lieben Winter und so mussten wir los ins Weiß, los in die Natur, los in die Berge! Wie im letzten Blogpost schon beschrieben: nach zwei Monaten echter nonstop Sesshaftigkeit im Steinhaus wurde der Druck und die Sehnsucht immer und immer größer, wieder in die Freiheit zu ziehen. Wenn man gewohnt ist, draußen zu leben, dann fühlt sich ein Haus auch nach zwei Monaten schon wirklich nach “Wohnhaft” an. Wir vermissen es sehr, wieder draußen zu leben, jeden Tag den Sonnenauf- und Untergang zu erleben, mitten in der Natur zu schlafen. Und dann fuhren wir einfach los. Es ist nicht einfach, im Winter (und damit meinen wir zweistellige Nachttemperaturen) in einem PKW ohne Standheizung zu leben, denn weil in Bulgarien die Restaurants bis zum 1.3. geschlossen sind, hätten wir im Freien kochen müssen. So waren wir froh, dass uns Verena und Edgar in ihrer „Eule“, ein T4 wie unser Kittymobil, zu den Mahlzeiten „Asyl“ gewährten: zusammen verbrachten wir 6 wunderschöne Wintertage unterwegs!

Unser erstes Ziel waren die „Erdpyramiden“ von Stob. Nicht so berühmt wie die von Melnik, aber trotzdem wunderschön! Insbesondere im Winter mit weißem Schnee und knallblauem Himmel! Wir waren seit dem letzten Schneefall die ersten Besucher und so kämpften wir uns durch tiefen Schnee bergauf. Ganz oben blies ein so starker Wind den Schnee von der Kuppe, dass es sich fast wie Hochgebirge anfühlte, dabei lag hinter uns die Tiefebene Richtung Griechenland und Nordmazedonien…

Auf der Fahrt nach Stob drehte sich der Tacho auf 20.000km mit Hans. Unser 30 Jahre altes „Sommerhaus“, was uns für seine 900€ Anschaffungskosten nur „mal eben schnell“ mit der Fähre nach Georgien/Armenien bringen sollte, um dort Jans Motorrad und unsere Ausrüstung einzusammeln, dient uns nun schon seit 20.000km als Reisekumpel, Haus, Rückzugsort und Overlanding-Fahrzeug. Nur kurz hatten wir Ärger: neulich nach der Autowäsche behauptete Hans, dass wir ihn klauen würden und aktivierte die Alarmanlage. Klingt richtig toll in der Waschbox… Zündung aus, er ließ sich nicht von uns „klauen“. Wir konnten ihn letztendlich doch davon überzeugen, mit dem Gejaule aufzuhören und zogen dann radikal den Stecker: die Alarmanlage ist nun deaktiviert. Nochmal lassen wir uns von Hans nicht so anbrüllen!

Trotzdem haben wir ihn richtig lieb gewonnen und ihm den verchromten „HANS“ Schriftzug, den wir schon zum seinem 30. Geburtstag kaufen wollten, aus Deutschland schicken lassen. Erst später fiel uns ein, wir hätten auch kyrillische Buchstaben kaufen können, um den Namen zu schreiben: XAHS 😊

Gegen Abend fuhren wir nach Rupite an die griechische Grenze zu den heißen Quellen. Dort trafen wir durch Zufall eine Facebookbekanntschaft: ein australisches Pärchen auf dem Landweg nach Hause, was auch etwas „hängen geblieben“ ist und nun in Osteuropa Kreise dreht. Wir waren nun schon drei Mal bei den heißen Quellen, sind aber nie dem Wegweiser nach „Heraclea Sintica“ gefolgt. Einen „Weg“ gibt es tatsächlich (noch) nicht, aber die Stadt gibt es: seit dem 4. Jahrhundert vor Christus!

Kaum dass wir begannen, in den Ausgrabungen herumzukraxeln, kam ein Mann auf uns zu. Ob wir Italienisch sprechen? Ähm, nein, aber ich verstehe jedes Wort, aber wie sagt man das auf Italienisch, wenn man nur Spanisch und Portugiesisch spricht und Bulgarisch im Kopf hat? „Da, rasbiram“ (“ja, verstehe ich” auf Bulgarisch). Wir lachten alle und hatten ab dann einen Privatguide, der wohl an den Ausgrabungen beteiligt war, denn er kannte jeden Stein, der irgendwo abgedeckt am Rand lag, zeigte Details (z.B. der „DINYSOS“ Schriftzug auf einem Tonkrug) und drehte Fundstücke um, damit wir sie sehen konnten: ein römisches Straßenschild zum Beispiel!

Die Stadt wurde ursprünglich im 4. Jahrhundert vor Christus von den Thrakern erbaut, später brannte sie ab und wurde von Römern wieder errichtet und nach einem Erdbeben erst final aufgegeben. Es gab eine Flanier- und Shoppingmeile, gesäumt von einem weißen, 4m hohen Säulengang mit wasserspeienden Löwenköpfen, Geschäften und Kapellen und eine der zur damaligen Zeit  drei größten Basiliken! Eine „ordentliche römische Stadt“ braucht natürlich auch ein Amphitheater, fließend Wasser, 10km Kanalisation, Paläste, Werkstätten und Statuen. So auch Heraclea Sintica. Wir waren völlig geflashed von den Ausgrabungen und so froh, die spontane Bekanntschaft des Bulgaren gemacht zu haben, der acht Jahre in der Schweiz gearbeitet hat und daher fließend Italienisch sprach.

Wir fuhren weiter durch Melnik und verbrachten die Nacht vor der wunderschönen Kulisse der Felsen und „Erdpyramiden“ rund um das Kloster Roshen. Es war die zweite Nacht mit zweistelligen Minusgraden und Hans hat gut auf uns aufgepasst. Unser Winterequipment, mit dem wir in Kittymobil bis -28°C geschlafen haben ist natürlich in Kasachstan, aber mit einer Bettdecke aus dem Steinhaus und einer Kuscheldecke vom Sofa haben wir es uns trotzdem herrlich kuschelig gemacht!

Die schönsten Stunden sind immer morgens, wenn man aufwacht: alles glitzert (auch die Bettdecke) und die Sonne verwandelt alles um einen herum in eine magische Glitzerwelt, während man gemütlich und eingekuschelt im Bett liegt und den Winterzauber in sich aufsaugt…

Wir kurvten den ganzen Tag durchs Gebirge und genossen das tolle Wetter, den Winter und die Freiheit, die Wände aus Stein gegen unser rollendes Heim aus Blech und Glas getauscht zu haben. Leider war dieser „Winter Nachschlag“ so spontan, dass ich nicht in dem Maße „vorarbeiten“ konnte wie ich das sonst tue, wenn wir ein paar Tage am Stück frei sein wollen. Außerdem saß mir der Zeitdruck im Nacken, denn unser Auszugsdatum ist fix und bis dahin muss noch ein großer Batzen Arbeit erledigt werden. Im Sommer ist es kein Problem, im Auto zu arbeiten. Bei zweistelligen Minustemperaturen ist das im Hans oder draußen am Campingtisch nicht wirklich eine Option und so buchten wir beim Skiresort Bansko für 13€ ein riesiges Zimmer mit Schreibtisch, Privatbad und Heizung. Wir holten Pizza und ich ließ bis Mitternacht die Tasten des Laptops klappern. So eine Nacht im Hotel statt im Auto ist mit etwas Disziplin auch bald wieder verdient!

Verena und Edgar schliefen in der Nähe in der Eule und am nächsten Morgen trafen wir uns wieder. Alle frisch geduscht und gebadet: die beiden waren in ein outdoor Thermalbad gehüpft! Ich hatte von bulgarischen Bekannten den Tipp einer Hütte in den Bergen bekommen. Die dazugehörige Facebookgruppe kümmert sich um die Hütte und jeder der sich kümmert, darf die Hütte nutzen. Ich bin Mitglied der Facebookgruppe und so fuhren wir die ganze Woche schon Brennholz mit uns herum, um in der Berghütte zu übernachten. Schon die Anfahrt über kleinste Mini-Sträßchen war herrlich winterlich und wir schafften es ohne Schneeketten.

Die Straße endete in einem Dorf am Dorfladen. Wir waren auf 1550m und um uns herum nur Berge und Schnee. Wo ging es nun zur Hütte? Unser bulgarischer Bekannte meinte vor ein paar Wochen, mit einem VW Synchro (Allradantrieb) sei die Hütte auch im Winter zu erreichen. Die Dorfbewohner sahen das anders. Mit dem Auto? Jetzt? Im Winter? Niemals! Knietief sei der Schnee! Das wurde wohl nichts mit dem Brennholz, der Hütte und uns. Wir liefen los. Tatsächlich: der Schnee war teilweise wirklich knietief, auch ein Allradfahrzeug wäre nicht weit gekommen. Aber unsere Füße kommen (fast) überall hin. Also liefen wir einfach los, die Hütte wollten wir wenigstens sehen!

Nach 3km Schneegestapfe kamen wir an der Hütte an: erst im Sommer 2020 fertig gebaut, mit einer Fassade fast komplett aus Glas mit Blick in die Natur und einem Matratzenlager auf dem Spitzboden, Ofen, Solaranlage, Plumpsklo, Wasserquelle und allem, was man so braucht. Ich machte ein paar Fotos für die Facebookgruppe, dokumentierte Holzmenge und Sauberkeitsstatus, wir packten den Müllsack ein, testeten die Toilette und stapften zurück zu Hans und Eule. In der Facebookgruppe meldete ich, dass das Toilettenpapier zur Neige geht und Müllbeutel fehlen. Mittlerweile waren die nächsten Wanderer da und haben beides schon mitgebracht. Ein tolles System einer Gemeinschaft Unbekannter einer Facebookgruppe!

Da wir nun nicht in der Hütte übernachteten (denn das vorhandene Brennholz ist nur für Notfälle, wer geplant kommt muss eigenes Holz bringen), mussten wir einen Stellplatz für Hans und Eule suchen. Im Winter ist das schwierig, wenn so viel Schnee liegt, das vergessen viele angehende „Vanlifer“. Auch ein Allradfahrzeug schieb sich nach ein paar Metern einen Schneeblock unter das Auto, der ein Vorwärtskommen unmöglich macht. Woher ich das weiß? Aus Erfahrung mit einem Landrover Defender… Auf Buddeln hatten wir keine Lust, aber wir fanden einen Waldweg, der wegen dichter Bäume nur mäßig beschneit war. Leider war es schon fast dunkel als wir ankamen und wir hatten etwas Stress, denn wir vier nehmen seit Januar zwei Mal wöchentlich online an einem Bulgarischkurs teil. Und das lassen wir natürlich nicht ausfallen, nur weil wir ins Auto gezogen sind! Ich glaube, wir waren die ersten „Waldschüler“ auf der bulgarischen Lernplattform. 😊

Erst am nächsten Morgen entdeckten wir, dass wir nur 100m weiter einen paradiesischen rundum-Bergblick gehabt hätten. Die Sonne schien, die Vögel gaben ihr Bestes, es war herrlich! Und wir mittendrin! Draußen zu leben ist einfach wunderbar! (Bitte unbedingt beim Video oben den Ton einschalten!)

Wir verbrachten den Tag weiter im Winterwunderland der Berge und fanden kurz vor Sonnenuntergang (der im Winter ja immer viel zu früh ist!) einen Stellplatz am Ufer eines Sees. Zumindest zeigte das unser GPS, denn der See sah eher aus wie eine zugeschneite Wiese. Manchmal ist der Blick auf die Karte doch (über-)lebenswichtig! Am nächsten Morgen entdeckten wir ein paar Kurven weiter, dass auch Bulgaren Eisangler sind: ein See war fast überbevölkert mit Anglern, die ihre Haken durch Löcher im Eis ins Wasser hingen. Das hatten wir in Europa nicht so erwartet, macht aber Sinn: der Bulgaren liebstes Hobby ist schließlich das Angeln, warum sollten sie sich auch von Eis davon abhalten?

Frühling! Der Blick vom Ortseingang. 🙂

Die Arbeit rief und so verabschiedeten wir uns von Verena und Edgar und fuhren zurück zu unserem gemieteten Haus. Ein letztes Mal dorthin zurück. Ein letztes Mal über schneebedeckte Straßen, ein letztes Mal durch dickes Schneegestöber. Dann kam der Sonntag und er hatte den Frühling im Gepäck: alles taute und tropfte und am Montag war der Frühling da. Wir hatten die letzte Winterwoche perfekt genutzt und genossen. Jetzt zählen wir die verbleibenden Tage im Steinhaus. Verena und Edgar ziehen in den nächsten Tagen aus, wir wachen noch exakt sieben Mal ohne Blick in die Natur auf und freuen uns schon auf die nächsten Wochen. Denn wir machen weiter und wechseln den Kontinent! A propos “anderer Kontinent”: Der Fernsehbeitrag aus Kasachstan, in dem wir und Kittymobil die Schlussszene spielen, wurde mittlerweile gesendet. Jan hat Euch die letzten Minuten zusammengeschnitten:

Wer Kasachisch oder Russisch versteht, kann hier den ganzen Beitrag anschauen: Kittymobil im kasachischen Fernsehen

Gestern vor exakt drei Jahren haben wir in Krefeld die Tür zu unserem „alten Leben“ geschlossen und die Tür zum Vagabundenleben geöffnet. Was als Weltreise auf Motorrädern geplant war, wurde im Juli 2019 eine Reise mit unserem VW Bus „Kittymobil“ auf der Seidenstraße bis Peking, später quer durch die Wüste Gobi der Mongolei und ein zauberhafter Winter in Sibirien. Jetzt, nach 3 Jahren, sind wir mit Fahrzeug Nummer vier unterwegs, denn wir haben uns von der Pandemie nicht aufhalten lassen. Wir haben im Rahmen dieser Reise 30 Länder bereist und wachen in 10 Tagen in Land Nummer 31 auf. Wo das wohl ist…?

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