Nachdem wir uns in mühsamer, stundenlanger Kilometerarbeit aus dem Großraum Shenzen Richtung Westen heraus gequält hatten, erreichten wir am Ende eines langen Tages (an dem wir ja morgens noch in Hongkong aufgewacht waren, in Shenzen am richtigen Bahnhof ankamen, Kittymobil aber am falschen Bahnhof, 17km stadteinwärts abholen mussten) eine Kleinstadt auf dem Land. „Kleinstadt“ ist in China immer relativ, aber diese war wirklich klein: schnell am Hotel und rund ums das Hotel alles, was man braucht. Insbesondere das Essen war mal wieder ein Erlebnis.

Wir liefen ins nächste Restaurant. Es war voll, es roch lecker und es war gute Stimmung. Wir bestellten per Fingerzeig und bewiesen uns selbst, wie scharf wir wirklich essen können. Sauscharf! Bei den ersten Bissen denkt man noch „unmöglich essbar!“, nach ein paar mehr Happen kommt man auf den Geschmack – und wenn der Teller leer ist, brennen die Lippen und ein wohliges, warmes Gefühl breitet sich im Magen aus. Aber wir kamen kaum zum Essen, denn die Kellnerinnen sorgten für Unterhaltung.

Eigentlich durfte jeder Tisch ein Runde „Stein, Schere, Papier“ gegen die Kellnerin spielen und dabei entweder ein Getränk oder eine Überraschungstüte gewinnen. In Deutschland hätte sich keine junge Kellnerin an den Tisch eines schwarzafrikanischen (oder anderweitig als extrem fremdländisch erkennbaren) Pärchens ohne Deutschkenntnisse getraut, um zu spielen. In China hat keiner Berührungsängste. Jeder plappert uns auf Chinesisch an, wir plappern auf Deutsch zurück. Englisch kann eh keiner und erwartet auch niemand von uns und so kommen wir in unseren eigenen Muttersprachen bestens miteinander aus. So auch im Restaurant. Ich gewann eine Überraschungstüte. Darin war: ein Bündel getrocknetes “Schilfgras”. Okeeeey…

Die Kellnerin kam zurück und erkundigte sich, ob ich damit kochen könne. Sie verstand, dass ich nicht mal wusste, dass man das Zeug essen kann und versprach, sie würde mir das aufschreiben – was sie auch tat. Sehr lieb! Auf Chinesisch natürlich. 🙂 Immer wieder kam unsere neue Freundin an den Tisch und wollte immer mehr von uns wissen. Als sie verstanden hatte, dass wir mit dem Auto da waren, legte sie eine Übersicht der Flaggen sämtlicher asiatischer Länder vor. Woher kommen wir? Noch weiter weg als Asien? Ja, das können wir selbst kaum glauben! So weit weg liegt Deutschland – und unser Auto parkt 50m neben dem Restaurant!

Einen langweiligen Autobahntag später kamen wir im Bilderbuch Chinas an: Karstlandschaft par Excellence! Wir hatten diesen Kegelkarst ja schon im Süden Chinas gesehen, aber dieser hier rund um Guilin war gigantischer und noch viel schöner! Wir fuhren mitten in die kitschigsten aller Gemälde der billigsten Chinarestaurants hinein! Kleine Flussläufe durchzogen die Karstlandschaft, alles grün bewaldet und märchenhaft schön! Fast zu kitschig, um echt zu sein, eher wie eine Kulisse eines (schlechten) Chinafilms oder Computerspiels.

Wir fuhren zur „Silver Cave“. Ich bin bei Höhlen immer skeptisch, denn ich habe schon viele, sehr viele Höhlen dieser Welt gesehen und bin während meines Geo-Studiums in so einigen Stollen und Höhlen mit Bergmännern auf völlig untouristischen „Pfaden“ unterwegs gewesen. Dagegen sind touristisch erschlossene Bergwerke oder Höhlen immer nur ein müder Abklatsch. Aber diese Höhle nicht! Die Höhle ist geologisch noch sehr jung, wodurch die Stalaktiten und Stalagmiten darin noch sehr hell und teilweise knallweiß sind. Allein das ist schon besonders schön, doch eine zusätzliche Besonderheit ist, dass die Calcitkristalle des Gesteins pegmatisch (riesengroß) ausgebildet sind und es daher von den Wänden wie Sternenstaub glitzert!

Das ist auf Fotos natürlich nicht sichtbar und weil Chinesen es gerne bunt und schrill mögen, waren die meisten Wände auch grellbunt angeleuchtet. Trotzdem war es klasse, auch wenn ich zur Ausleuchtung eher grellweiße LEDs genommen hätte statt Discobeleuchtung. Nach 2km Rundgang durch die Höhle waren wir durch die unendlich feuchte Luft darin zwar wie schweißgebadet, aber uns beide einig: hier hat sich in China zum ersten Mal das Eintrittsgeld so richtig gelohnt!

Unser Hotel war in Traumlage: abseits der mal wieder an Ballermann erinnernden „Altstadt“ direkt am Fluss gelegen mit Möbeln aus echtem Holz (statt chinesischem Plastikholz) und unheimlich nettem Personal. Alles Frauen, die alle ab der ersten Sekunde verliebt in Kittymobil waren. Doch statt den Damen eine Hausführung zu ermöglichen, saßen wir eine ganze Stunde mit Audrey in der Lobby, um herauszufinden, wie man diese tolle Karstlandschaft als Individualreisender erkundet.

Am Vortag hatte sie uns erklärt, man könne einen kleinen Fluss mit dem Bambusfloß entlang schippern oder mit dem Fahrrad oder E-Roller daran entlangfahren. Wir hatten uns für das Floß entschieden. Wir wussten dabei aber nicht, dass die Flöße nur mit der Strömung fahren (was sich letztendlich auch als falsch rausgestellt hat) und dass die Abfahrts- und Ankunftstege alles andere als in Hotelnähe waren. Was Audrey auch nicht bedacht hatte und worauf uns erst eine deutschsprachige Reiseleitung einer Reisegruppe in der Lobby aufmerksam machte: wir waren nicht mit einem Reisebus unterwegs, der uns zum Floß bringen und vom Ankunftsort stromabwärts wieder abholen kann! Wir konnten auch weder mit dem Fahrrad noch mit dem E-Roller zum Floß fahren, denn wie würden wir zurück zum Ableger kommen? Und für solche Organisationskünste haben wir einen Guide an Bord… 🙁

Wir entschieden uns nach ewigem Herumfragen für den E-Roller und düsten bis in die Dunkelheit mit dem Ding durch die traumhaft schöne Landschaft. Man fühlt sich dort wirklich wie inmitten einer kitschigen Filmkulisse! Und dann auch noch zu Sonnenuntergang… Zum Abendessen hielten wir, es war mittlerweile schon dunkel, irgendwo an der Straße, alle Chinesen um uns herum schlürften und schmatzten um die Wette und wir hatten einen wirklich schönen Tag.

Am nächsten Morgen durften wir beim Frühstück mit anhören, wie der chinesische, parteitreue und deutschsprachige Reiseleiter einer STA Travel Reisegruppe seine Gäste finanziell ziemlich übers Ohr haute und waren froh, mit Phuphu nur ein kurzes solches Schauspiel erlebt zu haben. Dahingegen ist Audrey ein Goldstückchen – wenn auch eigenständiges Denken, Transferleistung und Organisation ihr völlig unbekannte Begriffe sind. Als wir sie auf die Abzocke ihres “Kollegen” ansprachen, fand sie sein Verhalen total o.k. und konnte partout nicht einsehen, warum sie denn nicht bei Restaurant oder Eintrittskarten ein “kleines Extrageld” verdienen sollte, das sei doch normal. Gut, dass wir seit Phuphu sensibilisiert sind für solche “kulturellen Unterschiede” und da Pandabärchen gar keine Chance dazu von uns bekam!

Nach dem Frühstück düsten wir nochmal drei Stunden mit dem E-Roller durch die Filmkulisse – ähm, Landschaft. Dieser Elektroroller macht richtig Spaß und er ist so leise, dass man damit ganz anders reisen kann als wir es gewohnt sind. Noch nicht einmal die Hunde fallen einen an! Jan kam auf die verrückte Idee, für die nächste, extra lange China-Reise zwei E-Roller zu kaufen und damit langsam, ganz nach unserem Tempo und über kleinste Straßen das riesige Land zu erkunden.

Wir haben uns auch gleich nach dem Peis erkundigt: ein E-Roller bester Chinamarke, größter Akkureichweite und teuerste Ausstattung kostet 500$. Führerschein braucht man nicht, Höchstgeschwindigkeit 50km/h, maximale Reichweite 70km pro Akkuladung. Sehr verlockend! Ihr seht schon, China schmeckt uns so gut, dass wir ernsthafte Ideen entwickeln! Wie ernsthaft Jans Idee ist, damit als „Seidenstraße 4.0“ von Xi’An bis Europa zu fahren, wissen wir selbst noch nicht, denn wir wissen noch nicht mal, wie die nächsten Monate aussehen: ein Motorrad steht in Armenien, ein anderes befindet sich seit 2 Wochen mit Motorschaden und ADAC auf dem Weg nach Deutschland, wir sind mit dem „falschen“ Fahrzeug auf der anderen Seite eines weiteren Kontinents und planen jetzt schon eine neue Reise mit einer dritten Art Reisefahrzeug. Die Welt ist so groß!

Es standen nur 70km bis Guilin auf dem Programm. Eigentlich unnötig, dort einen Zwischenstopp einzulegen, aber dort ist der Sitz “unserer” Agentur und daher war ursprünglich ein gegenseitiges Kennenlernen der deutschen und chinesischen Veranstalter geplant. Das fand nun ohne den deutschen Veranstalter statt, aber wir haben den aufschlussreichen Abend sehr genossen!

Zuvor hatten wir die 70km über kleine Straßen durch malerische Landschaft zurückgelegt und dabei gesehen: fährt man keine Autobahn, so ist das Reisetempo nur bergauf höher als mit dem E-Scooter. Es macht also dort, wo wir normalerweise reisen, keinen Unterschied, welches Fahrzeug man wählt. O.k., zu groß darf das Fahrzeug nicht sein. In einer Kurve kam uns ein Rollerfahrer entgegen und bekam fast einen Herzinfarkt, weil Kittymobil mit der Spurbreite den gesamten Betonweg beanspruchte. Kittymobil ist ja, im Gegensatz zu den Rollerchen, offroadtauglich und nimmt dann gerne das Kiesbett, damit der Rollerfahrer keine Blessuren davon trägt…

Audrey hatte einen ihrer hellen Tage. Als wir zum wiederholten und wiederholten wiederholten Mal erklärten, dass 2 Tage Peking und ein Tag Xi’An nicht gerade üppig sind, wir dafür aber unterwegs tagelang in irgendwelchen nichtssagenden Städten im Nirgendwo übernachten sollten, weil da ein Deutscher mit dem Zirkel Tagesetappen auf der Weltkarte definiert hat, begann es in Audreys Gehirnwindungen zu rattern. Warum nicht einfach aus zwei 350km Fahrtagen einen machen? Und warum nicht einfach mehrmals? Jaaaa! Das hatten wir zwar vor ein paar Tagen schonmal angeregt, da aber von Audrey keinerlei Reaktion kam, wieder verworfen und gedacht „wir ziehen das jetzt halt so durch und kommen wieder mit unserem eigenen Reiseplan“. Audrey hatte wohl wirklich endlich mal den Reiseplan angeschaut und so wie wir festgestellt: macht so gar keinen Sinn! Geht viel besser! Und das machen wir jetzt auch so. Und dann verlassen wir uns bei der Reiseplanung nie wieder auf andere…

Jan hat die letzten bewegten Bilder aus Tibet zu einem neuen Video zusammengefasst. Und wir vermissen beim Betrachten tatsächlich Tibet, den Himalaya und die Natur und Ruhe dort…

 

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