Vor vier Wochen packten wir ein paar Habseligkeiten zusammen und flogen zum Visarun nach Istanbul. Heute ist unser Gepäck nicht größer geworden und wir reisen als Backpacker durch Usbekistan. Doch wo ist unser VW Bus Kittymobil – und warum reisen wir zu Fuß?

Nach unserer Rückkehr aus Istanbul nach Almaty verbrachten wir nur 5 Tage in der vom Winterzauber weiß glitzernden Stadt in einem kleinen Apartment, dessen Vermieter uns durch heftigen Schneefall vom Flughafen ins warme „Nest“ chauffierte. Wir hatten in Almaty noch ein paar weitere Arztbesuche zur Vorsorge geplant und waren vor Ort, als unser Paket aus Deutschland eintraf. Klein, aber mit allerlei Krimskrams, unter anderem für Kittymobil. Ersatz für eine verlorene Radzierblende zum Beispiel, damit Kittymobil im neuen Look richtig strahlen kann.

Tja, was ist mit Kittymobil? Das macht sich immer noch hübsch. Unser „Schönheitschirurg“, der sich um Kittymobil kümmert, war selbst zwei Wochen in Urlaub und hat nach seiner Rückkehr Rost gefunden, mit dem er nicht gerechnet hat und der vor dem Lackieren noch weg muss. Der Kuraufenthalt dauert also noch länger! Insgesamt zwar nur eine Woche länger als ganz ursprünglich geplant (sein Urlaub war von Anfang an klar für uns), doch der neue „Entlassungstermin“ fiel dummerweise genau auf den Tag, an dem wir den nächsten Visarun aus Kasachstan hätten antreten müssen.

Also erschienen wir genauso spontan wie zwei Wochen zuvor im auf Visarun spezialisierten Reisebüro und buchten einen Flug nach Taschkent. Oneway, denn auf dem Rückweg werden wir mit dem Zug von Taschkent nach Baikonur in die kasachische Steppe fahren, um dort den Start einer Sojusrakete mitzuerleben. Sechs Tage nach der Rückkehr aus Istanbul stiegen wir also wieder in den nächsten Flieger – mit dem gleichen schmalen Handgepäck wie zwei Wochen zuvor.

Jan hatte im Hostel aus der „zu verschenken“ Ecke einen Wanderrucksack mit defektem Reißverschluss gefischt (und den Reißverschluss ersetzen lassen), ich stopfe meinen Kram in unseren „Duschrucksack“, einem faltbaren Rucksack von IKEA family, mit dem wir üblicherweise Handtücher und frische Wäsche zur Duschgelegenheit tragen, wenn wir mit Kittymobil unterwegs sind. Keep it simple, keep it light! Jetzt sind wir schon vier Wochen mit Minimalgepäck unterwegs und es fehlt uns an nichts, wir sind für alle Jahreszeiten gerüstet und haben auch Handtuch und Luxus dabei. Unser Trick: Kompressions-Packwürfel (und 25 Jahre Reiseerfahrung)!

In Taschkent angekommen, lernten wir sofort das Problem aller Usbekistan-Reisenden kennen: Bargeldbeschaffung ist richtig schwierig. Nach etwa sechs Anläufen spuckte ein Geldautomat endlich Geld aus. Wir hatten zwar genug Dollar in bar dabei, aber die schon am ersten Abend anzubrechen, schien uns nicht ganz schlau. Bei irgendeiner versuchten Transaktion wurde auch unsere Kreditkarte gesperrt, wie wir von der Hotline erfuhren. Eine unserer vielen Kreditkarten. Es ist daher immer gut, mindestens zwei Karten dabei zu haben und noch besser: die „Curve“ App zu nutzen. Mit der kann man nämlich unter anderem die bereits in Deutschland liegende, neu ausgestellte Kreditkarte am Automaten nutzen, ohne sie tatsächlich in der Hand zu halten. Schöne neue Welt! (und Startguthaben bei Curve für Dich mit dem Code NVYGGZON)

In Usbekistan muss man sich als Tourist auch registrieren. Das kostet pro Nacht und Nase 2$ und man muss bei Ausreise für mindestens jede dritte Nacht registriert worden sein. Dazu sammelt man „Schnipsel“, nach denen aber bei der Ausreise niemand fragt, denn jede Registrierung ist im System erfasst. So entstehen dann Gerüchte unter Reisenden (wie auch zum Thema Registrierung in Russland), man bräuchte das “ganze Theater” nicht. Was wir auch erklärt bekommen haben: im System wird auch „Fehlverhalten“ erfasst, damit sich Unterkünfte vor Zeche prellenden Gästen warnen können – denen dann die Ausreise verweigert wird, falls noch etwas offen sein sollte. Nicht schlecht, aber für Reisende wie uns, die gerne campen oder im Haus auf vier Rädern wohnen, ein wenig mühsam. Fall Ihr nach Usbekistan fahrt: die “Schnipsel” sind nur dann wichtig, wenn Ihr nachweisen müsst, was im System an der Grenze sowieso kontrolliert wird. Registrieren muss man alle 3 Nächte.

Abgesehen davon gefiel es uns in Usbekistan sofort: deutlich anders als Kasachstan und doch gewohnt russisch. Insbesondere die Metro erinnerte uns sehr an Moskau. Wir blieben eine Zeit lang unter der Erde und stiegen an den schönsten Stationen aus. Unsere Lieblingsstation, an der auch unser Hostel lag: Kosmotautlar. Diverse berühmte Kosmonauten (wir haben uns dieses Wort in den letzten Monaten angeeignet 😊 ) werden dort mit riesigen Portraits geehrt.

Zwei Tage erkundeten wir Taschkent. Eine Stadt, die 1966 durch ein Erdbeben fast völlig zerstört wurde und daher zum Teil recht „futuristische“ 1970er Jahre „Ost-Architektur“ zeigt. Insbesondere der große Basar befindet sich in einem Gebäude, welches eher wie ein Parlamentsaal als wie ein Markt wirkt.

Die große Minor Moschee hingegen ist Baujahr 2014 und wirkt so gar nicht modern. Wir hätten da schon misstrauisch werden sollen, freuten uns aber noch darüber, dass moderne Sakralbauten nicht wie in anderen Teilen der Welt immer in moderne Konstrukte ausarten, sondern auch klassisch gebaut werden können. Misstrauisch deswegen, weil wir dann vielleicht nicht so sehr enttäuscht worden wären.

Enttäuscht von Samarkand. Wir genossen die Fahrt dorthin mit dem „Afrosyab“ Hochgeschwindigkeitszug (Talgo) und düsten mit 230km/h auf die mystische Stadt der Seidenstraße zu. Goethe nannte Samarkand einen „Schauplatz von Feenmärchen“ und Alexander der Große soll nach seinem Eintreffen in Samarkand gesagt haben „Alles, was ich über Marakanda (antiker Name Samarkands) gehört habe, ist wahr. Nur dass es noch viel schöner ist, als ich mir jemals hätte vorstellen können.“. Und auch andere Reisende schwärmten vom Hauptplatz Samarkands, dem Registan, in höchsten Tönen und priesen die Stadt. Und wenn wir von Isfahan im Iran erzählten, hörten wir letztes Jahr nicht nur einmal „Wartet, bis Ihr in Samarkand seid!“.

Und nun waren wir im Samarkand. Natürlich liefen wir direkt nachdem wir unser Minimalgepäck in der Unterkunft abgestellt hatten, auf den berühmten Registan Platz. Und wurden so bitter enttäuscht. Der Platz ist mit Gittern abgetrennt und man muss Eintritt zahlen, um ihn zu betreten. Das bedeutet: die einzigen Menschen auf dem Platz sind Touristen, keine Einheimischen. Der Platz lebt also nicht, wie andere Plätze dieser Welt, auf denen seit Jahrhunderten Handel getrieben wird. Auch der Registan war nämlich bis in die 1930er Jahre ein Marktplatz und liegt nun ziemlich tot, „bevölkert“ von Touristen und ohne Seele und Charme vor einer Art „Besucherterrasse“, die man kostenfrei betreten darf.

Den Platz umschließen drei Koranschulen (Medressen). Doch betritt man diese, steht man in einem Souvenir-Kaufhaus: jedes Zimmerchen der einstigen Koranschüler ist heute ein Souvenirgeschäft, selbst in der nach Mekka ausgerichteten Gebetsnische gibt es Andenken zu kaufen! Wir waren völlig geschockt: Eintritt zahlen für Shopping in historischer, entweihter Kulisse.

Denn mehr als eine Kulisse sind die Gebäude in Samarkand nicht. Eine Fotoausstellung in einer der Medressen zeigt, wie der Registan in den 1920er Jahren aussah, als dort noch Marktplatz war und kein Touristenbezirk. Die Fotoausstellung ist von Souvenirständen fast unzugänglich gemacht, weswegen sie wohl kaum ein Tourist wahrnimmt, aber wir hatten uns vorher „schlau gelesen“ und staunten nicht schlecht, wie russische „Restauratoren“ in den 1970er Jahren das Trümmerfeld interpretiert und aufgebaut haben. Fakt ist: kaum ein Stein in Samarkand ist älter als wir selbst!

Vom Registan zu sämtlichen weiteren Sehenswürdigkeiten („Theaterkulissen“) der Stadt führt eine Art Fußgängerzone, die dadurch entstand, dass das dort ursprüngliche Wohnviertel platt gemacht wurde, um es durch stylische Bauten für Touristen zu ersetzen, um noch mehr Souvenirs, Kitsch und Krempel an den Mann (oder die Frau) zu bringen. Die Einheimischen hingegen werden hinter Mauern versteckt. Wer es weiß und sich nicht vom Mythos Samarkand verblenden lässt, sieht die Mauer auch – und findet die wenigen Tore, durch die Schulkinder schlüpfen, die sich in der Touristenzone ein Eis gekauft haben. Kann man das toll finden? Kann man sich da als Tourist wohl fühlen? Wenn man es weiß, sicher nicht!

Wir verbrachten zwei volle Tage inmitten als historisch angepriesener Theaterkulissen aus den 1970er Jahren und erlebten den „Negativ-Höhepunkt“, als wir im Shah i Zinda Komplex, auch „Gräbergasse“ genannt, einem deutschsprachigen Localguide zuhörten. Er erklärte, was wir schon wussten: dass die farbenfrohen und eigentlich wunderschönen Mausoleen im Jahre 2005 komplett restauriert wurden und dass heute kaum ein Stein mehr original ist. International ist diese „Restaurierung“ heftig umstritten, doch der Guide war sehr stolz auf die „usbekischen Spezialisten“, die das so „tiptop erneuert“ haben. Weiß man das alles nicht, lässt man sich tatsächlich von der Schönheit der Anlage blenden. Für uns blieb ein sehr bitterer Nachgeschmack.

A propos „Geschmack“: da die Touristen in der Regel im Hotel außerhalb der Theaterkulissen verköstigt werden und inmitten von „Disneyland“ die Cafés im Winter früh schließen, sofern sie überhaupt geöffnet haben, hieß das für uns: Fasten. Unmöglich, im 2km Umkreis um unsere Unterkunft eine warme Mahlzeit zu finden. Wir verzogen uns mit einer Tüte Chips auf unser überteuertes Zimmer in der “Altstadt” mit Betonmatratzen. Und das zwei Abende lang.

Unser Fazit zu Samarkand: Ja, es sind alles prachtvolle Replikas (und mehr nicht!), aber wer in Ländern wie Iran erlebt hat, wie historische Gebäude immer noch mit Leben gefüllt sind; wer weiß, dass dort immer noch der Muezzin ruft (in Samarkand tut er das natürlich nicht), wie Jahrtausende alte Gemäuer immer noch genutzt werden und nicht entweiht zu Souvenir-Kaufhäusern verkommen, der wird genauso fühlen wie wir. Wer sich „schlau gelesen“ hat über die weggesperrte Bevölkerung in der Altstadt, über architektonische „Interpretationen“ bei der „Restaurierung“ des Registan, wer weiß, was mit den UNESCO Weltkulturerbe Geldern 2005 „angestellt“ wurde, der wird sich auch „vergackeiert“ fühlen. Jetzt, wo wir vorsichtig auf Facebook, Instagram und unter Reisefreunden auf WhatsApp „vorgefühlt“ haben, wissen wir: das geht nicht nur uns so! Aber wir trauen uns hiermit, die Mystik rund um Samarkand zu entzaubern. Wir sind böse, das wissen wir. 🙂

Wir haben aber auch Positives in Samarkand erlebt:

unser zweijähriges Reisejubiläum! Am 27.2.2018 sind wir in unseren VW Bus gezogen und seitdem unterwegs. Wir trödeln durch die Welt. Jetzt, nach 2 Jahren, sind wir „erst“ in Usbekistan und waren immer noch nicht auf dem Pamir Highway. Da fahren wir aber wirklich noch hin. Wahrscheinlich „schon“ dieses Jahr. Wir lassen uns einfach mal weiter durch die Welt treiben, denn diese zwei Jahre waren erst der Anfang. Wir sind glücklich wie nie, bereuen keinen einzigen Tag (auch, wenn esTage wie in Samarkand sind) und freuen uns täglich daran, den Schritt in die Freiheit gewagt zu haben.

Wer uns auf Facebook verfolgt, der weiß schon, wie es weiter ging: am Ende waren wir zu Besuch im Krankenhaus und um eine Reiseerfahrung reicher. Doch davon erzählen wir Euch im nächsten Blogpost.

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