Wir waren ja schonmal im Winter am Nordkap. Allerdings mit Motorrädern. Mit unserem VW Bus Kittymobil ist es zwar entspannter, aber immer noch nicht ganz so einfach, wie sich das Sofareisende so vorstellen.

Wir genossen ein Wochenende ganz entspannt an einem schönen Stellplatz am Fluss etwa 50km von Rovaniemi entfernt. Einfach Mal nicht fahren, nichts organisieren, nicht arbeiten, uns nicht mit nervigen Hotlines herumschlagen, sondern einfach die Ruhe genießen, ein bisschen durch den Schnee stapfen, lesen, Videocall mit anderen Reisenden in Griechenland machen, Filme gucken und Fotos sortieren. Wochenende eben. Bewusst Pause machen.

Montags fuhren wir weiter, kamen aber nicht wirklich weit, denn wir fanden ein süßes 60er Jahre Café und einen tollen Stellplatz bei aufgehendem Vollmond. Ein Trödel-Montag! Am nächsten Tag machten wir uns auf die Suche nach einer Dusche. Wir fanden sie an einer Tankstelle, die auch leckeres Mittagsbuffet bot, während sich das Wetter zuzog. Eigentlich hatten wir uns einen schönen Stellplatz auf einem alleinliegenden Hügel herausgesucht, von dem aus wir eine 360° Rundum-Nordlicht-Sicht geplant hatten. Bis der Schneesturm kam. Es fiel uns schwer, die Türen zu öffnen und Kittymobil wurde heftig herumgeschüttelt. Wir verließen den Hügel und suchten einen neuen Stellplatz für die Nacht. Und das ist im Winter wirklich schwierig, denn alles ist tief verschneit und der Schneepflug pflügt den Schnee in Parkplätze und Waldwege. Wir fuhren und fuhren und fuhren – und beendeten unseren Tag auf dem Supermarktparkplatz in Ivalo. Auch das ist „Vanlife“: oft hat es mit der auf Instagram verbreiteten „Schicki-Micki-Romantik gar nichts zu tun.

Am nächsten Morgen checkten wir das Wetter. Es sah gut aus! Am Nordkap war für die nächsten Tage nur wenig Schnee vorhergesagt und alle Straßen  offen. Wir beschlossen, es nochmal zu versuchen und bunkerten im letzten finnischen Supermarkt vor der Grenze Lebensmittel, bis der Küchenschrank platzte. Die Lebensmittelauswahl in norwegischen Supermärkten ist nämlich äußerst grausam. So viel Industrie-Lebensmittel, so viel Chemie, so furchtbares Brot voll Zusatzstoffe haben wir in den letzten vier Jahren höchstens in China erlebt. Norweger essen zum Beispiel Schinken mit Käse aus der Tube. Ein ganz natürliches, chemiefreies Produkt, oder? Als wir vor ein paar Wochen in Alta waren, haben wir vier Supermärkte erfolglos abgeklappert: „echte Lebensmittel“ Fehlanzeige. Urlauber bekommen das meist nicht mit, die fahren ja aus Kostengründen ganze Autoladungen Essen von daheim mit hier hoch und kaufen höchstens Milch nach. Und wir machten das jetzt auch: Kittymobil platzte fast vor guten Lebensmitteln aus Finnland. Dann fuhren wir über die Grenze nach Norwegen. Ohne dass irgendwer dort gewesen wäre um irgendwas zu kontrollieren.

Der Himmel war klar, das Wetter perfekt und wir suchten einen Stellplatz mit bester Sicht für Nordlichter. Unsere drei Nordlicht – Apps sagten für die Nacht allerbeste Voraussetzungen vorher. Unser Platz am See war ideal und die Nordlichter das spektakulärste Himmelsfeuerwerk, das wir je erlebt haben! Der Vollmond erleuchtete die Landschaft fast taghell und die Nordlichter waren so farbenfroh wie ein Regenbogen. Wahnsinn! Die Kombination aus „taghell um 22 Uhr“ und „Regenbogen-Nordlicht“ war so surreal, dass wir uns kaum ins Bett trauten. Unglaublich einmalig!

Irgendwann hörte der Farbzauber auf und als der Himmel nur noch grün waberte, sind wir doch ins Bett. Am nächsten Tag wollten wir bis Honninsvag fahren, 30km vom Nordkap entfernt. Es gab weiterhin eine perfekte Wettervorhersage für die nächsten zwei Tage. Also los! Noch schnell tanken, auch wenn der Diesel in Norwegen teuer ist und wir eine Reichweite von 1000km haben: im Winter ist unsere eiserne Regel: der Tank muss immer randvoll sein. Immer. Denn wenn irgendetwas passiert, dann können wir tagelang mit der Diesel-Standheizung auch unter widrigsten Bedingungen ausharren, können mit der Motorheizung (auch mit Diesel betrieben) jederzeit auch unter -31°C risikofrei den Motor starten und so, falls nach ca. 3-4 Tagen unsere 400Ah Strom verbraucht sind, jederzeit mit der Lichtmaschine für „frischen“ Strom sorgen. Kittymobil ist komplett autark und das einzige Limit ist bei dem Wetter das Essen, das uns irgendwann ausgeht, aber auch da haben wir immer für mindestens 3 Tage Vorräte an Bord und Notrationen (Milchpulver, Mehl,…) für noch länger dabei. So sind wir ziemlich entspannt, was das Winterwetter hier anbelangt. Und das ist auch gut so.

Wir kamen nach dem Tanken nicht weit. Eine elektrische Anzeigetafel informierte uns: „E69 stengt“. Straße gesperrt. Wir nutzen eine norwegische Straßenwacht – App, um uns über Straßensperrungen zu informieren. Diese und die Webseite der norwegischen Straßenwacht waren sich einig: Bauarbeiten im Tunnel bis 7 Uhr am Folgetag. Komisch, aber nun gut. Wir fuhren bis zum Tunnel vor, fanden die geschlossene Schranke und suchten uns 3km davon entfernt einen schönen Stellplatz am Meer und machten es uns bei Kaffee und dem letzten Stück Stollen gemütlich. Während wir so aufs immer stürmischer werdende Meer schauten, der Kaffee in den Tassen vom Wind immer heftiger schwappte, fuhren auf der Straße einige LKW Richtung Tunnel – und kamen nicht wieder. Wir wurden neugierig: war der Tunnel doch auf?

Wir packten zusammen und folgten einem der LKW. Bis zur Schranke, die sich für den LKW magischerweise hob und vor uns wieder senkte. Aha? Außer uns waren noch zwei weitere Fahrzeuge dem LKW gefolgt und standen hinter uns an der Schranke. Mittlerweile war es dunkel und es passierte nichts, außer dass der Wind sich zu einem Sturm entwickelt hatte und der Schnee waagrecht peitschte. Plötzlich kamen Fahrzeuge aus dem Tunnel, die Schranke hob sich und das letzte Auto aus dem Gegenverkehr forderte uns auf, einfach loszufahren. Okay, dann los! Im Tunnel keine Anzeichen einer Baustelle. Merkwürdig.

Wir kamen nicht wirklich weit. Nach dem Tunnel standen wir an der nächsten Schranke. Weder die App noch die Straßenwacht hatten Infos. Also blieb uns nicht anderes, als zu warten. Macht ja nix, zur Not können wir in jeder Straßenbucht tagelang ausharren. Das mussten wir aber nicht, denn aus der Gegenrichtung kam recht bald ein Schneepflug, der wendete und mit uns drei Fahrzeugen einen Konvoi bildete. Der Wind hatte sich zu einem ausgewachsenen Schneesturm entwickelt und wir drei Fahrzeuge waren quasi „gefangen“ und wurden vom Schneepflug geleitet. Die Sicht war teilweise nicht vorhanden, wir tasteten uns als letztes Fahrzeug immer den Rückleuchten folgend vorwärts. Vom Schneepflug sahen wir nichts, obwohl er nur zwei Fahrzeuge vor uns war. Der Sturm warf Kittymobil aus ständig wechselnden Richtungen von einer Seite zur anderen, wir krochen durch Schneeverwehungen, die sich zwischen Schneepflug und uns immer wieder neu bildeten, glitten über glitzernde Eisflächen und waren unendlich froh um unsere Spikereifen. Die Schneepflugfahrer dürfen übrigens Fahrzeuge im Konvoi ablehnen, wenn sie ein Sicherheitsrisiko darstellen. Wir kennen persönlich Urlauber, denen das passiert ist. Nur nochmal zum Thema „dem Wetter angepasste Reifen / Spikereifen“.

Als wir vor fünf Jahren die Strecke mit den Motorrädern gefahren sind, war es ähnlich: nach jeder Kurve hat uns der Wind von einer anderen Seite „gebeutelt“, durch den waagrechten Schnee der die Sicht komplett ver“nebelte“ wussten wir nie, wie die Straße weiter verläuft und wir kämpften uns stundenlang vorwärts. Das war damals und ist bis heute das Härteste, was wir jemals auf zwei Rädern gefahren sind. Und das nach so vielen Rallyes, Schlammschlachten und Wüstenkilometern, die wir beide schon auf Motorrädern zurückgelegt haben. Und jetzt mit Kittymobil war es genauso, nur dass der Sturm noch schlimmer war, aber dem komfortablen Fahrzeug angemessen. Es war das Härteste, was wir bis jetzt auf vier Rädern gefahren sind! Für die 68km haben wir über drei Stunden gebraucht.

In Honningsvag angekommen, war der Himmel klar, der Wind hatte sich gelegt, Nordlichter strahlten über uns und es war, als wären wir gerade aus einem bösen Traum erwacht. Die Wettervorhersage war für den nächsten Tag immer noch gut. Am nächsten Morgen stockten wir noch schnell Milch und Wasser auf, bevor wir uns auf den Weg zur „Nordkap-Schranke“ machten. Die Straße zum Nordkap ist im Winter immer geschlossen und es besteht Konvoi Pflicht. Wir wussten vom letzten Mal: der Konvoi startet um 11. Das stand auch so auf dem Schild neben der geöffneten Schranke. Wir warteten. Und warteten. Als es immer später wurde und kein Schneepflug kam, rief Jan bei der Touristeninformation an. Die Straße sei gesperrt, obwohl die Schranke offen ist. Kaum hatte Jan aufgelegt, schloss sich die Schranke. Ein Schneesturm würde kommen. Und da sahen wir ihn schon im Anmarsch.

Wir sind vor fünf Jahren im Schneesturm auch zum Nordkap gefahren, aber damals waren wir 13 Fahrzeuge und sieben Busse mit Kreuzfahrtgästen. Dafür lohnt es sich. Wir waren diesmal das einzige Fahrzeug. Lohnt nicht und wir können verstehen, dass man bei Schneesturm eigentlich keine Touristen dort hoch führen möchte. Denn zu 99% reisen die schlitternd mit „guten Winterreifen“ an und sorgen für Probleme. Bei der EISREISE war das direkt hinter uns vom Nordkap ohne Spikes herumrutschende italienische Wohnmobil die größten Sorgen und Ängste der gesamten Nordkaptour auf Motorrädern. „Mit Schwung geht alles – oder wir setzen nochmal neu an“, wird uns gerne erklärt. Dass solches „Reifensparmaßnahmen“ anderer Menschen Leben gefährden sehen diese Leute nicht und wir können daher Straßensperrungen zu touristischen Zielen im Winter voll und ganz verstehen. Außerdem haben wir ja Zeit.

Wir fuhren ins Örtchen, tranken für 21,50€ inklusive Parkschein zwei Tassen Kaffee mit Zimtschnecke und machten es uns „zuhause“ gemütlich. Am nächsten Morgen dasselbe Spiel: die Straße zum Nordkap gesperrt. Egal, wir igelten uns in unserem Haus auf Rädern ein und nutzten die Zeit am PC. Wir standen auf einem riesigen Parkplatz und gegen Abend kamen nach und nach zwei deutsche Wohnmobile. Obwohl der Parkplatz wirklich für jedes Fahrzeug 100qm Platz bot, stellten die beiden sich, obwohl nicht zueinander gehörig, über Eck in Kuschelformation. Macht man als Camper anscheinend so. Wir haben keine Erfahrung mit sowas, da wir seit vier Jahren erstens antizyklisch reisen und zweitens Stellplätze selber suchen und nicht „Idioten-Apps“ hinterhernavigieren. Aber wir waren von der Straße gut sichtbar und hatten wohl Anziehungskraft auf andere. So eine große Anziehungskraft, dass wir morgens um fünf wach wurden, weil ein deutscher Allrad-Expeditions-Sprinter mit extra vielen, extra hellen Scheinwerfern auf Kuschelkurs direkt Stoßstange an Stoßstange hinter uns einparkte. Bitte? Warum klopft der nicht gleich und fragt nach nem Gästebett?

Wir ließen auch beim Frühstück die Gardinen geschlossen, denn die unbekannten Ulmer saßen uns direkt auf dem Frühstückstisch. Völlig unverständlich. Ein paar Tage später sahen wir Fotos eines völlig überfüllten Strandes in Spanien: die „Vanlifer“ und möchtegern-Abenteurer stehen derzeit in „großer Freiheit“ dicht an dicht in Spanien illegal an den Stränden. Dass das verboten ist und bei den Einheimischen einen extrem bitteren Nachgeschmack von absoluter Respektlosigkeit hinterlässt, kümmert diese Leute offensichtlich nicht. Macht man wohl so in Europa und daher dachte sich der Sprinterfahrer bestimmt nichts dabei, als er in unserem Wohnzimmer parkte. Nicht unsere Welt! Am nächsten Morgen ging es wieder nicht zum Nordkap, die deutschen Urlauber verschwanden alle wieder und wir harrten noch einen Tag aus.

Nach Nacht vier sah die Wettervorhersage für das Nordkap für die kommenden Tage unglaublich schlecht aus und wir entschieden, die Insel zu verlassen. Ob wir es irgendwann nochmal versuchen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir waren ja schonmal im Winter da. Gegen das Erlebnis vom 4.1.2017, an dem wir mit den Motorrädern das Nordkap erreichten, kommen wir mit Kittymobil nicht an. Klar fährt jeder VW Bus, der etwas auf sich hält, da irgendwann mal hoch, aber ob Kittymobil nach der „Kuschelcampingerfahrung“ noch „dazu gehören“ möchte? Wir drehten um und kamen nicht weit. Nach dem ersten Tunnel stand bei Windstille ein Schild vor einer Brücke: „wegen Sturm geschlossen“. Aha?

Jan lief über die Brücke und außer dass der Windsack schlapp hing, war da nichts Bemerkenswertes, also fuhren wir weiter. Wir kamen bis zum großen Tunnel. Der war gesperrt. Vor der Schranke warteten bereits zwei Norweger und auf dem Parkplatz davor hatten sich drei rumänische Fahrzeuge, ein Brite und ein französisches Paar mit Mietwagen versammelt. Einer der Rumänen war auffällig gut ausgerüstet und es stellte sich heraus: er war mit seiner Frau auch schon mit dem eigenen Fahrzeug im Winter in Sibirien und Kasachstan. Der Brite rutschte auf AT Reifen durch die Gegend, sah es aber entspannt und kochte erstmal Tee. Der Rumäne verkündete alle Stunde Neuigkeiten, die die norwegische Straßenwacht so online veröffentlichte: der Tunnel sei wegen Sturm gesperrt. Wegen Lawinengefahr. Es gäbe einen Konvoi. Jede Stunde eine neue Meldung, die uns vorkam, als würde sich irgendein Norweger in seinem Büro in Oslo einen Spaß erlauben und einfach alle Möglichkeiten, die sein Programm hergab, an Meldungen herausgeben. Wir kannten das schon: in den vier Tagen, die wir auf die Öffnung der Straße zum Nordkap gewartet hatten, haben wir mit Belustigung die Fantasie der Meldungen beobachtet. Gestimmt haben sie nie. So auch diesmal nicht.

Irgendwann öffnete sich die Schranke, ein Schneepflug kam mit mindestens 25 Autos im Schlepptau aus der Gegenrichtung und das war’s. Die Schranke blieb oben, der Schneepflug verschwand und unsere Kolonne aus mittlerweile 15 Fahrzeugen fuhr durch den Tunnel. Es war dunkel und wir beschlossen, an dem Stellplatz, an dem wir auf der Herfahrt Kaffeepause gemacht hatten, die Nacht zu verbringen. Im Dunkeln fahren bedeutet immer, die Landschaft zu verpassen und diese Strecke waren wir nun schon drei Mal im Dunkeln gefahren. Schade! Als wir im Bett lagen, kam der Sturm. Wir schlafen immer (ja, auch bei -37°C!) mit angelehnter (aber abgeschlossener) Schiebetür, bei wärmeren Temperaturen mit dem Heckklappenaufsteller, um immer Frischluft zu haben, denn unsere Zwangsentlüftungsöffnungen, durch die andere „Vanlifer“ nachts Frischluft beziehen, haben wir staubdicht verschlossen, um auch nach hunderten staubigen Pistenkilometern noch kein Staubkörnchen im Wohnraum wischen zu müssen. Der Heckklappenaufsteller funktioniert auch bei Regen, aber nicht bei Sturm. Und die leicht geöffnete Tür macht bei Sturm einen Höllenlärm. Da sich der Wind dauernd drehte, war auch Umparken zwecklos. Jan verlor kurz vor Mitternacht die Geduld und fuhr los, bis er einen windgeschützten Platz fand. Auch das hat wenig mit der „Instagram-Vanlife-Romantik“ zu tun. Es ist nicht das erste Mal, dass wir im Schlafanzug noch umparken.

Wir schliefen aus. Etwas planlos, was wir nun unternehmen sollten. Es war 6 Grad plus, alles taute und tropfte und die Welt um uns versank in Matsch. In Bulgarien waren es bei wunderschönem Schnee -12°C. Sollten wir abbrechen und die Rückreise antreten? Ich googelte Preise für Winterreifen im Baltikum. Unser Plan, den Winter in Skandinavien zu verbringen lag ja in unseren Spikereifen begründet: die wollten wir nochmal ausgiebig nutzen und dann mit unseren Sommerreifen die Fahrt gen Süden antreten. Das geht natürlich erst dann, wenn in den „Spikeverbotsländern“, beginnend in Polen südwärts, die Straßenverhältnisse für Sommerreifen geeignet sind. Und solange dort Winter ist (und da ist gerade mehr Winter als in Skandinavien!), geht das natürlich nicht mit Sommerreifen. Extra neue Winterreifen kaufen, um damit nur 2000km zu fahren erschien uns dann doch nicht so logisch. Unser Passat Hans steht auf nigelnagelneuen Winterreifen und da sind neue Winterreifen für Kittymobil unnötig. Aber machte es noch Sinn, in Skandinavien auszuharren, wenn der Winter dort ekliger war als in „Europa“? Die Wettervorhersage pendelte in den nächsten 10 Tagen (weiter geht die Vorhersage ja nicht) um die 0°C. Deswegen waren wir nicht nach Skandinavien gekommen!

Schweigend, nachdenkend und enttäuscht fuhren wir so dahin. Ich wollte eigentlich nochmal über das hohe Fjell zwischen Olderfjord und Alta fahren, die schönste und wildeste Strecke unserer EISREISE damals. Aber der Schnee war so nass und bappig, dass wir alle paar Kilometer anhalten mussten, um den Matsch von den Scheibenwischern zu kratzen. Kein Spaß. Gesehen haben wir eh nix vor lauter Schnee. Also wieder umgedreht und vom Fjell wieder runtergefahren. Wohin jetzt? Erstmal einkaufen. In Honningsvag nämlich sollte der halbe Liter Milch im Laden am (Kreuzfahrt-) Hafen 3,30€ kosten. Eine touristische Preisgestaltung, die wir nicht unterstützen. Wir liefen ewig durch die Gänge des Supermarktes auf der Suche nach nicht industrialisierten Lebensmitteln. 59€ später hatten wir deutsches Vollkornbrot, Milch, Haferflocken, um 40% reduziertes halb angegammeltes Obst und Gemüse und etwas Wurst (aus Italien) und norwegischen braunen Käse (lecker!) im Küchenschrank. Einkaufen in Norwegen macht keinen Spaß. Wir bezahlen wirklich gerne für gute Lebensmittel und kaufen wenn möglich grundsätzlich die teurere Bioqualität, aber was hier für Industriemist in den Regalen liegt… ich beschrieb es bereits. Die Laune war nicht gerade gut.

Und dann, inmitten der Gedanken, die Reise abzubrechen, öffnete Mutter Natur wieder ihre Trickkiste für uns und zeigte ihren nächsten Winterzauber: der Himmel verfärbte sich wie ein Opal in schillernden Regenbogenfarben! Unglaublich magisch und schön! Doch was war das? Es schneite nicht mehr, es ging kein Wind, der Himmel war einfach nur paradiesisch bunt. Wir googelten und erfuhren: das war ein Zirkumzentitalbogen! Ein was? Zirkumzenitalbogen. Den gibt’s nur in Polarregionen, denn dazu muss die Sonne (oder der Mond) in einem bestimmten Winkel stehen und Eis- oder Polarschneekristalle in hohen Luftschichten bestrahlen, sodass das Licht in alle Farben gebrochen wird. Dabei zeigt sich dann bei wolkenlosem Himmel ein auf dem Kopf stehender Bogen, bei dem auch die Farbreihenfolge auf dem Kopf steht. Magisch schön! Wir sahen keinen Bogen, sondern in den „Wolkenlöchern“ schillernde bunte, leuchtende Flecken. Die Natur bringt uns immer und immer wieder zum Staunen und wir sind jedes Mal dankbar, das erleben zu können. Eben weil wir nicht illegal und respektlos mit den Lemmingen in Südeuropa am Strand Gruppenkuscheln machen, sondern weil wir uns durch Schneesturm, Matscheschnee und norwegische Supermärkte kämpfen. Weil wir nicht auf dem warmen Sofa im Steinhaus hocken, sondern unser warmes Sofa auf vier Rädern durch widrigste Umstände kutschieren, um mit dem Winterzauber der Natur belohnt zu werden. Ja, Winter-Reisen ist manchmal ziemlich anstrengend und zehrend, aber das ist es uns absolut wert!

Das bedeutet auch, unsere Außendusche nicht nutzen zu können. Solange die Haare nicht am Kopf kleben, tut es auch die Katzenwäsche mit finnisch-morgenländischer „Popodusche“ oder dem altbewährten Waschlappen, aber einmal die Woche ist Haarewaschen schon schön. Nur wo? Hier im Norden gibt’s keine Infrastruktur für Trucker und die meisten Campingplätze haben zu (oder zocken ab). Wir fuhren schon den zweiten Campingplatz an und hatten Glück: er hatte zwar nicht zum Campen geöffnet, aber vermietet auch Zimmer und bot uns für 5€ eine Dusche. Wir beendeten den Tag also frisch geduscht an einem wunderschönen Platz am Strand. Ganz alleine. Nur das Meer, Kittymobil, das Nordlicht und wir. Dafür lohnt es auch, das Tauwetter, den vielen Bappschnee, die kreativen Straßensperrungen und norwegischen Supermärkte zu ertragen. Die Natur hatte uns mit ihrem Winterzauber verwöhnt und mit den Umständen versöhnt.

Wir erwachten in schönstem Winterlicht, liefen am zu Slush halbgefrorenen, raschelnden Wasser den Strand entlang, genossen die Natur und das Licht und machten uns auf den Weg gen Kirkenes. Von dort könnten wir entweder wieder zurück zum Nordkap, zur Not per Schiff, oder zurück nach Finnland. Das Wetter war traumhaft und wir genossen die Küstenstraße, das Zauberlicht mit rosa Wolken am blauen Himmel vor weißer Landschaft und glitten durch den Neuschnee. Wir fuhren an vielen Fischfabriken vorbei. Bis ein LKW über eine Kuppe geschossen kam und dachte, ihm gehöre die Straße alleine. Kittymobil machte eine Vollbremsung in die Schneewand am Straßengraben, der LKW rauschte an uns vorbei und – rumsrumsrumsrumsrums – schrubbte am Außenspiegel entlang. Natürlich blieb er nicht stehen, wurde nur kurz langsamer. Wohl, um uns mit Warnblinker wild im Schnee herumhopsend zu beobachten, als wir den Schaden am Spiegel begutachteten. Weg war er, der LKW. Danke auch!

Im nächsten Dorf gab es an einer Tankstelle ein Café mit Dorfladen. Und das wurde dann auch die Endstation des Tages. Während wir dort auf den LKW-Schreck einen Kaffee tranken, wurde die Straße wegen Schneesturm geschlossen. Tja. Macht nix. Wir waren nicht alleine, auch ein anderer Gast war gestrandet und die Dame an der Theke vermietet auch Zimmer. Die brauchen wir nicht, aber eine Waschmaschine wäre nach zwei Wochen gut. Sie musste kurz überlegen. Für 8€ durften wir Wäsche waschen. Besser konnten wir die Zeit nicht nutzen und in den 6,60€ für zwei Tassen Filterkaffee war dann auch noch ein Refill für Gestrandete drin. Während das Essen in der Küche für die Arbeiter der lokalen Fischfabrik vor sich hinköchelte, kamen wir mit der Betreiberin ins Gespräch: Warum landet der ganze Fisch hier eigentlich nirgends im Laden oder auf dem Teller in Restaurants? Weil der gesamte Fisch in den Export geht. Zum Beispiel als Trockenfisch „Bacalao“ nach Portugal, wo er dann (sehr lecker) serviert wird und viele Touristen glauben, es sei heimischer Seefang. Nein, er kommt von hier.

Nachdem wir mit Kaffee, Waschmaschine und zwei Burgern (aus der Tiefkühltruhe) gut 60€ Umsatz gemacht hatten, fragten wir als das Café um 18 Uhr schloss, ob wir auf dem nun verwaisten Parkplatz übernachten dürften. Da die Dame ja auch Zimmer vermietet, bot sie an, es uns zum „halben Übernachtungspreis“ zu erlauben. Der angeblich kostenlose Kaffee „Refill für Gestrandete“ stand dann doch auf der Rechnung: 4 Tassen Filterkaffee zu je 3,30€. Da war sie wieder, die skandinavische Touristenabzocke. Sie wusste ja genau, dass die Straße aus dem Ort raus gesperrt war und wir nur deshalb da waren und keine andere Chance hatten, wo anders zu schlafen. Wir bedankten uns, lehnten das „freundliche Angebot“ ab und zogen unsere Jacken an. Kurz bevor wir draußen waren, kam sie dann doch mit dem „Geschenk“: wir dürfen doch kostenlos parken. Und so saßen wir mitten im Nirgendwo und harrten der Dinge. Wir haben ja Zeit! So ist das im Winter in Norwegen. Man braucht gute Winterausrüstung, viel Zeit, viele Lebensmittel, ein dickes Fell der Abzocke gegenüber, viel Geduld und das Vertrauen darin, dass die Natur einen für alles entschädigt. Das tut sie nämlich! Ich sage nur: „Zirkumzenitalbogen“ und „regenbogenfarbene Nordlichter bei Vollmond“. Wintermagie pur, für die es sich lohnt!

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