Es war hier einen Monat lang still im Blog. Das lag nicht daran, dass es nichts zu erzählen gäbe, sondern daran, dass schlichtweg die Zeit fehlte. Die letzten 4 Wochen vergingen sehr schnell und sehr intensiv. Es werden daher zwei Blogposts daraus. Dieser erste erzählt wie ich (Silke) zwei Wochen ohne Jan mit Kittymobil durch Lettland, Litauen und Polen gereist bin.

Unseren VW Bus „Kittymobil“ hatten wir Ende März in Riga auf dem Flughafenparkplatz geparkt, weil wir „kurz mal Pause“ brauchten und dachten, in „ca. 10 Tagen“ wieder erholt genug für eine Weiterreise zu sein. Doch das war nicht so, wie wir im vorletzten Blogbeitrag „Kleiner Base Run“ erklärt haben. Am Ende unserer „Auszeit West-/Nordeuropa“ trafen wir die Entscheidung, dass Jan noch weiter Pause in Bulgarien macht und ich Kittymobil vom teuren Flughafenparkplatz in Riga fahre und wir uns dann, zwei Wochen später, in Dortmund am Flughafen wieder treffen. Wie es dazu kam und warum wir unsere Europatour abbrechen, lest Ihr hier: Wir geben auf und ziehen einen Schlussstrich

1993 in Prag

Jan brachte mich zum Flieger nach Sofia. Die Flugverbindung ging über Dortmund, wo ich die Wartezeit zwischen den beiden Flügen mit einer Freundin gemütlich in der Sonne schwätzend herrlich überbrücken konnte. In Riga angekommen, zahlte ich die 120€ Parkplatzrechnung, parkte hinter dem Flughafen und fiel sofort in Tiefschlaf. Ab jetzt war ich allein unterwegs.

mit 19 alleine in Mexiko

Während der folgenden beiden Wochen habe ich gemerkt, dass Euch das Sorgen bereitet hat. Mich hat es gewundert, denn auch diejenigen, die mich und meine „Reisetätigkeiten“ der letzten 29 Jahre kennen, waren in Sorge. Für mich ist das Alleinreisen normal. Jan ist der erste Mann, der mitgekommen ist. Ich bin 1993, mit 16, das erste Mal alleine losgefahren – in den damaligen „wilden Osten“ (der er in vieler Leute Köpfe immer noch zu sein scheint) zu einer Klassenkameradin nach Prag. Ich bin mit zarten 19 Jahren ganze 15 Monate auf der Panamericana unterwegs gewesen und reise seit 14 Jahren mit Kittymobil als Team. Warum sollte also eine zweiwöchige Fahrt mit Kittymobil durch die EU mit einer mittlerweile 45-jährigen Frau am Steuer, die im Leben nichts anderes gemacht hat als zu Reisen, ein Grund zur Sorge sein? Mittlerweile wisst Ihr ja: weil ich das hier schreiben kann, ist mir auf den 3000 Solo-Kilometern nichts passiert.

Meine erste Aufgabe war, Kittymobil von den sibirischen Spikereifen zu holen und auf die kasachischen Sommerreifen zu stellen. Es tat mir sehr leid, nach drei extremen Wintern durchgängig unter -20°C (bis hin zu -40°C), die Snow Cross Reifen entsorgen zu lassen. Die Reifen haben sich überall durchgebissen und uns sicher über alle Straßen gebracht – und auch über die zugefrorene Ostsee. Aber im Rest Europas sind Spikereifen verboten und ich war auch endlich die „Stinktiere“ los, die im Wohnbereich von Kittymobil seit Helsinki (wo wir die Sommerreifen über Winter eingelagert hatten) für Gummigestank sorgten. Auf sommerlichen Schühchen rollte Kittymobil dann von Lettland nach Litauen hinein.

Erster Stopp: Der Berg der Kreuze. Mit den Sehenswürdigkeiten im Baltikum und Skandinavien war es ja die letzten Monate so, dass wir uns von Tipps und guten Ratschlägen anderer Reisender fast genötigt gefühlt hatten, gewisse Sehenswürdigkeiten „abzuarbeiten“, sie quasi „abzuhaken“, weil da jeder hinfährt und „man das halt so macht“. In Wirklichkeit hatte uns alles furchtbar gelangweilt. Ich wollte daher auf meiner Alleinreise nur die Sehenswürdigkeiten im Baltikum anfahren, die sowieso auf dem kürzesten Weg nach Polen lagen. So auch der Berg der Kreuze. Für die unter Euch, die noch nicht dort waren: es ist ein kleiner flacher Hügel, auf dem angeblich rund 200.000 Kreuze stehen sollen, doch die meisten sind nur ein paar Zentimeter groß und viele sind schon ziemlich verwittert. Trotzdem waren mir die kleinen, selbstgebastelten Kreuze mit persönlichen Details lieber als protzige, 1-2m große Edelstahlkreuze von irgendeiner (deutschen) Volkshochschule oder „Klaus und Inge aus Dortmund“ oder der Reisegruppe „große Fahrt Kaliningrad“. Die Geste zählt und dem lieben Gott ist das kleine Holzkreuz sicher genauso viel wert wie der „Edelstahlklopper“… Ich habe mich geschämt, denn der Berg der Kreuze ist auch ein beliebter Wallfahrtsort für Polen und als Deutscher finde ich, sollte man in dieser Region Europas weniger dominant auftreten…

Ein Punkt der Kategorie „liegt auf der Strecke und jeder schickt einen da hin“ war Kaunas. Wahrscheinlich eine schöne Stadt, aber nicht jetzt. Die gesamte Altstadt war Baustelle, die Straßen werden zurzeit alle neu gepflastert, überall stehen Bauzäune und alles an touristischer Infrastruktur ist geschlossen. Kein Café hatte am Marktlatz geöffnet, nur ein paar Standorte von Kaffee-Ketten (a la Starbucks), die wir meiden, es gab zwei Läden mit Bubble Tea und sonst nur geschlossene Restaurants oder Geschäfte. Die Stadt wirkte trostlos, ausgestorben und durch die vielen Baustellen wie nach einer Apokalypse. Ich fuhr außerhalb der Stadt in ein Einkaufszentrum, um dort zu Abend zu essen. Enttäuschend.

Ich fand dann aber einen wunderschönen Übernachtungsplatz an einem See und erlebte einen traumhaften Sonnenuntergang. Ja, auch alleinreisend stehe ich „frei“, also nicht auf Campingplätzen oder Stellplätzen. Ich liebe es, in der Natur zu sein, den Sonnenuntergang alleine (also mit Kittymobil oder auch unserem Passat Hans) genießen zu können, nur Naturgeräusche um mich herum zu haben, morgens von Vogelgezwitscher geweckt zu werden, mit dem Sonnenaufgang den neuen Tag zu begrüßen und das in absoluter Einsamkeit. Da Jan Langschläfer ist, bin ich, auch wenn wir zu zweit unterwegs sind, morgens alleine draußen. Ich möchte im Nachthemd morgens am See sitzen, der Natur beim Erwachen zuhören und diese Momente nicht mit Campern, Wohnmobilisten und anderen Urlaubern teilen. Daher schlafe ich in Freiheit irgendwo in der Natur. Auch alleine und auch als Frau. Denn die Plätze, die ich zum Übernachten aussuche, sind so einsam, dass niemand weiß, dass ich da bin und folglich auch niemand irgendetwas von mir wollen könnte. Und wenn ich doch mal wegen des guten Handyempfangs zum Arbeiten in einem Industriegebiet übernachte, habe ich auch keine Angst, denn Kittymobil fügt sich ins Bild der parkenden Lieferwagen lückenlos ein und ist nicht als Haus auf Rädern erkennbar.

Vilnius war der einzige noch ausstehende Stopp im Baltikum, auf den ich wirklich gespannt war. In Riga und Tallinn waren wir beide schon oft, nur Vilnius lag irgendwie noch nie auf irgendeiner unserer Reiserouten. Und ich wurde nicht enttäuscht! Gegen Vilnius wirkt Riga richtig „blass“, nur Tallinn kann sich messen. Jede der drei baltischen Hauptstädte ist anders, jede hat Charme und Vilnius ist wirklich eine kleine Perle. Hanseatisch trotz Entfernung zur Küste und in der Altstadt fast komplett renoviert.

Nicht „chinesisch“ über-restauriert, sondern so, dass man sehen kann, wie es vorher war. Offen gelassenes Mauerwerk, Stellen mit Originalputz und verblasster Bemalung, … Seitdem wir in Bursa einen Restaurator kennengelernt haben und er uns seine Arbeit erklärt hat, erkennen wir den Unterschied zwischen Profis (Vilnius) und Stümpern (Samarkand, Khiva). Schön, dass man aus Vilnius kein „Disneyland“ gemacht hat!

Ich verbrachte einen Tag in der Stadt, habe sie aber nicht zu intensiv besichtigt, denn nach den ersten Fotos, die ich per WhatsApp an Jan schickte, war klar: da will er auch noch hin, das machen wir mal als Städtetrip zusammen! Ich fand wieder einen einsamen Stellplatz an einem See und verbrachte eine ruhige Nacht in Anwesenheit eines Schwans und eines süßen Entenpärchens, die fast zahm waren und um Krümel bettelten.

Nach dem Sonnenaufgang und Frühstück am See fuhr ich gen Polen. Auf dem Weg lag noch die Wasserburg von Trakai. Sie sieht aus wie im Bilderbuch und steht auf einer Insel, die man heute über einen langen Steg erreicht. Ich war im warmen Morgenlicht da und habe mir die Aussicht nur mit schnatternden Enten geteilt. Die Burg kostet 12€ Eintritt, sodass ich gefahren bin, bevor der Trubel los geht. Trotzdem ein schöner Schlussstrich unterm Baltikum. Danach bin ich nach Polen eingereist, das erste Land überhaupt, was Kittymobil und ich zusammen bereist haben. Damals, 2008, als Kittymobil noch ein Renntransporter war und ich für die Rallye Breslau ein Servicefahrzeug brauchte. Kittymobil sollte damals nur diese 10 Tage Rallye halten. Das ist jetzt 14 Jahre, 200.000km und zwei Kontinente her. Hält also deutlich länger als 10 Tage, so ein Kittymobil!

Kittymobil 2008 in Polen: erster Einsatz als Racevan.

Und dann waren Kittymobil und ich also wieder in Polen. Diesmal als Touristen und nicht als Rallyeteilnehmer. Auf Polen hatte ich mich tatsächlich gefreut und da Polen ganz überraschend als Reiseziel aufgetaucht war, hatte ich auch keine lieb gemeinten Ausflugstipps anderer Reisender im Gepäck, sondern nur den Reiseführer und ausschließlich meine eigene Recherchearbeit. Polen scheint auch eher ein Transitland für den deutschen Urlauber auf den Weg zum hochgelobten Baltikum zu sein. Ich machte meinen eigenen Plan nach meinen eigenen Ideen und merkte: zwei Wochen sind ganz schön kurz und Nordpolen (darauf wollte ich mich beschränken) sehr groß! Letztendlich fuhr ich morgens meist 150-200km und abends eine ähnliche Strecke. So konnte ich mit frühem Aufstehen und später Stellplatzsuche in die mir verbleibenden Tage doch noch viel „Hineinpressen“.

Ich fuhr durch Masuren. Als ich 2014 mit dem Motorrad aus der Mongolei kam, lag Masuren schonmal auf dem Weg. Damals war August und absolute Hochsaison: keine Chance, irgendwo an irgendeinem See irgendeinen Platz in irgendeinem Café am Wasser zu ergattern. Überall Stau durch Wohnmobile und Fahrradfahrer, die Campingplätze überfüllt und Menschenmassen überall. Damals, vor acht Jahren, hatte ich mir fest vorgenommen, in der Nebensaison wiederzukommen. Nun ja. Anfang April ist dort keine Nebensaison, sondern „Nicht-Saison“ (gibt es ein deutsches Wort für „off season“?) und kein einziges Café hatte geöffnet. Aber egal, dafür konnte ich die Seenlandschaft ganz alleine genießen und musste sie mit niemandem teilen – noch nicht mal mit den Mücken, die dort im Sommer alle piesacken. Es war wunderschön!

Die Wolfsschanze, Hitlers „Führerhauptquartier“, war, abgesehen von der Natur in Masuren, die erste Sehenswürdigkeit für mich in Polen. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass die Bunkeranlage komplett zerstört ist. Ist sie aber nicht. Man kann sogar in Görings Bunker hereingehen! Die meisten Bunker sind zwar nicht mehr intakt, aber weit weniger zerstört, als ich dachte. Was mir auch nicht so bewusst war: das „Führerhauptquartier“ war fast eine Kleinstadt! Auch das hatte ich mir anders vorgestellt… Mittlerweile ist es ziemlich zugewuchert und erinnert ein wenig an Angkor Wat. Angkor Wat in Kambodscha. Wer bisher noch nicht in Südostasien war, aber „Lara Croft“ kennt, weiß, was ich meine.

Und dann bin ich auf den ersten Umweg von der „kürzesten Strecke“ abgebogen: nach Danzig. Aber mein Fokus lag ja auf Nordpolen. Außerdem wollte ich mich noch um Kittymobil kümmern. Das „Winteröl“ (wir fahren im -20°C Winter immer 5W40 vollsynthetisch) gegen „Sommeröl“ (10W40 teilsynthetisch) tauschen lassen, alle, alle Filter erneuern, den Handbremszug austauschen lassen und mit einer Motorwäsche vorbeugen, dass Kittymobil wie vor drei Jahren einen Rüffel vom deutschen TÜV bekommt, weil Jan damals ein paar km vor der Prüfstelle beim Ölnachschütten etwas daneben „gepitschert“ hatte.

Noch ein Vorteil von kleinen Reisefahrzeugen: passt in jede Werkstatt und auf jede Hebebühne

Denn Kittymobil war ja zuletzt im Januar 2019 beim TÜV. Keine Sorge, das ist alles legal, niemand wird gezwungen, wenn der TÜV Termin naht, eine Reise abzubrechen und zum TÜV nach Deutschland zu fahren. Man muss nur unverzüglich und ohne schuldhafte Verzögerung nach Rückkehr in die BRD die nächste Prüfstelle aufsuchen. Bis auf die kasachischen Sommerreifen war Kittymobil TÜV-fit. Unser kasachischer Bekannter, der im September Kittymobil durch Kasachstan an die russische Grenze zu uns überführt hatte (mehr dazu hier: Kittymobils langer Weg in die Freiheit), hatte die Reifen in der falschen Dimension gekauft. Hat zwar bis Danzig gehalten, aber würde dem deutschen TÜV nicht gefallen. Also gab’s noch neue Reifen.

Ich hatte mit der Werkstatt richtig Glück: der Inhaber sprach fließend Deutsch und ließ mich sogar in der Werkstatt übernachten und duschen! Kittymobil und ich wurden bestens versorgt (ich bekam aus einem Kaffee-Vollautomaten nonstop Getränke an den Arbeitsplatz geliefert) und während Kittymobil den großen Service bekam, schaute ich mir zwei Tage Danzig an. Die Innenstadt wird, wie Kaunas, auch gerade neu gepflastert. Und trotzdem war sie lebendig, fast voll. Aber das „voll“ lag eher daran, dass man nur einen schmalen Fußweg zu beiden Seiten der Straßen gelassen hatte und der Rest der Innenstadt hinter Bauzäunen unerreichbar blieb. Ich schlenderte durch die Straßen, schleckte Eis, fand ein tolles, kleines Café mit hausgemachtem Kuchen und fuhr zum Sonnenuntergang auf die „Westerplatte“.

Auf der „Westerplatte“ begann damals der 2. Weltkrieg. Dort fiel der erste Schuss im Morgengrauen. Heute ist an der Stelle ein Denkmal in einem Park, allerdings liegt der mitten im Hafengelände und ist wenig ansprechend. Von dort hätte ich übrigens mit der Fähre wieder zurück nach Skandinavien fahren können und dementsprechend viele Wohnmobilisten parkten dort. Skandinavien ist irgendwie immer voll mit Campern, in Polen war ich alleine.

Danzig ist quasi Anfang und Ende, denn auf der Westerplatte fiel der erste Schuss des zweiten Weltkriegs und in der Danziger Werft begann auch die Solidarnosć Bewegung, die letztendlich das erste Loch in den Eisernen Vorhang riss und Polen zum ersten demokratischen, ehemaligen „Ostblockstaat“ machte. Es gibt in Danzig zu beiden Themen je ein modernes, interaktives Museum, die allein schon eine Reise wert sind.

Das Solidarnosć Museum ist mehr Zeit wert, als es der Parkautomat vor der Tür erlaubt, ich fühlte mich gestresst und hatte generell den Eindruck, dass Polen sehr „deutsch“ ist: Parkautomaten bitte mit Münzen zahlen, Müllcontainer werden mit Vorhängeschlössern vor unbefugter Nutzung gesichert, es gibt Verbotsschilder und diese sogar oft mehrsprachig. Der östliche Nachbar ist also wenig anders als der hochnäsige Westen, der immer etwas abschätzend über östliche Nachbarn spricht.

Nach zwei Tagen hatte ich eine Druckbetankung jüngste Geschichte und eine heiße Werkstattdusche hinter mir und das frisch gemachte Kittymobil und ich reisten weiter. In „Heiligelinde“ (Święta Lipka) sah ich das kurioseste Verbotsschild, welches ausschließlich auf Deutsch aushing: „Illegaler Handel ist auf dem Kirchplatz strikt verboten!“ Bis heute wundere ich mich: was treiben die Deutschen da für illegalen Handel?

Eigentlich hatte ich in Święta Lipka gehalten, um nicht nur die reich verzierte Basilika zu bewundern, sondern auch, um die sich darin befindliche Orgel zu erleben, auf der sich Figuren bewegen, wenn sie gespielt wird. Ich hatte extra herausgesucht, zu welchen Uhrzeiten das passiert. Was ich nicht gelesen hatte: nur im Sommer, wenn der Opferstock besser gefüllt wird! Meine letzten Euro-Münzen sind trotzdem dortgeblieben, denn die barocke Kirche ist auch ohne „Figurentheater“ schön!

Auf meiner „Liste“ stand auch Olsztyn, ein sehenswertes Städtchen ohne Touristenrummel. Die Altstadt kann sich mit Danzig und anderen, touristisch erschlossenen Städten messen – nur viel, viel kleiner und gemütlicher! Ich fand eine „Milchbar“, die polnische Variante der russischen „Stolovaya“: ehrliche, von Hausfrauen aus Grundzutaten hergestellte Hausmannkost zu niedrigen Preisen in einer Art Kantine serviert. Kerniger Charme der Damen hinterm Tresen inklusive. Ich liebe solche Orte und Essen, bei dem das Kartoffelpüree aus echten Kartoffeln grob gestampft wird und nicht aus der Packung aus Pulver mit Milchpulver gemixt „zubereitet“ wird. Echtes, ehrliches Essen ohne Industrieprodukte!

Wir übernachten ganz gerne auf Parkplätzen von Friedhöfen, denn da hat man nachts seine Ruhe und auch ein wenig Infrastruktur (Wasserhahn und Müllentsorgung). Die Anwesenheit von Toten stört uns dabei nicht. Ich übernachtete neben ganz besonders vielen Toten: im Wald bei „Preußisch Stargard“ liegen rund 7000 (!) in 32 Massengräbern. Sie sind die ersten Opfer des deutschen Genozids, bei dem im September 1939 bei der sogenannten „Intelligenzaktion“ die polnische Oberschicht vernichtet werden sollte, um die Unterschicht zu „germanisieren“. Insgesamt fielen dem Massenmord bis zu 40.000 Polen zum Opfer. Die Gedenkstätte im Wald ist den 7000 Toten angemessen riesig. Zentralstück ist die Installation, die Baumstämme aus Beton zeigt, die das Leben symbolisieren. Daneben sind die „Baumstümpfe“, deren Jahresringe aus den Namen der Ermordeten geformt wurden. Nachts wird der Wald beleuchtet, sodass sich das Denkmal optisch der Natur angleicht. Mit dem Blick aus der Schiebetür bin ich eingeschlafen und war froh, dass wirklich niemand kam, der Kittymobils deutsches Kennzeichen hätte sehen können…

Wenn man genug vom Trubel in Danzig hat, soll man nach Torun fahren, schreibt der Reiseführer. Doch der Autor muss in den Sommerferien da gewesen sein, denn die komplett unter UNESCO Weltkulturerbe Schutz stehende, gotische Altstadt war überfüllt mit lärmenden Schulklassen, die, angeleitet von verkleideten Fremdenführern, über Kopernikus lernten. Der wurde nämlich in Torun geboren und ist dort allgegenwärtig.

Kopernikus aus Torun

Torun ist auch die „Lebkuchenhauptstadt“ Polens. Dort gibt es an jeder Ecke Bäckereien, die wie mit Spitze verzierte Lebkuchen backen: kleine Kunstwerke für sich! Die Lebkuchenfabrik kann man auch besuchen. Allerdings, Ihr ahnt es, nur im Sommer. Und dann sind auch die Kinderhorden nicht mehr in Sachen Kopernikus unterwegs…

Nun ja, die perfekte Reisezeit gibt es wohl nie. Aber mir ist es lieber, vor ein paar geschlossenen Türen zu stehen, statt vor geöffneten Türen mit den Massen anstehen zu müssen. Ich wurde langsam reisemüde. Um das straffe „Besichtigungsprogramm“ zu schaffen, was ich mir selbst auferlegt hatte, musste ich täglich 200-300km fahren. Ganz nebenbei natürlich das Vanlife alleine managen. Wasser tanken etc. ist alleine kein großer Zeitunterschied, aber die Stellplatzsuche ist zeitaufwändig, wenn kein Beifahrer dabei ist, der während der Fahrt Google Maps studieren kann, um mögliche Schlafplätze zu finden. Alleine musste ich dazu logischerweise immer auf Parkplätze warten und da ist Polen Deutschland auch sehr ähnlich: die Netzabdeckung ist grottig. Ich war mit Jans deutscher Simkarte im EU Roaming unterwegs, hatte dadurch also theoretisch Zugriff auf mehr als ein Mobilfunknetz. Aber das ist dann in Polen auch nicht immer ausreichend. Hat man dann doch Empfang, ist die Geschwindigkeit auch sehr deutsch. Was in Polen und Deutschland „LTE/4G“ genannt wird, ist in anderen Ländern maximal 3G und wenn man zur Stellplatzsuche die Satellitenansicht laden möchte, dann braucht man Geduld – und viel Zeit. Und wenn der Stellplatz dann nicht nur gut zum Übernachten, sondern auch gut zum – wenigstens – Telefonieren sein soll, dann dauert es noch länger, bis man den Motor am Ende des Tages ausstellen kann. Die Tücken Westeuropas in einem Land, was Westeuropäer gerne arrogant „Osten“ nennen. In Wirklichkeit fühlte ich mich aber schon mitten in Deutschland. Nur dass die polnischen Autobahnen in wesentlich besserem Zustand sind und es dort keinen Stau gibt.

Ich rollte nach Posen. Einerseits als „Wasch-Stopp“ zum Wäschewaschen im Waschsalon, andererseits, weil ich endlich wissen wollte, wie es dort aussieht. Posen/Poznan war für mich viele Jahre lang nur ein Orientierungspunkt. Von dort in der Nähe startete oder endete die legendäre “Rallye Breslau“, damals noch „Dresden Breslau“, auf der Jan und ich uns damals kennengelernt haben. In den Wäldern und auf den Truppenübungsplätzen rund um Posen habe ich Kilometer abgespult, Flüsse durchquert, Tiefsandfelder umgepflügt, mich durch Matsch gekämpft und einen Motor darin gekillt. In der Stadt war ich nie und so hat sie mich buchstäblich umgehauen! Wunderschön! Leider wird gerade die gesamte Innenstadt (wie auch in Danzig und Kaunas) neu gepflastert und man springt von Bauzaun zu Bauzaun. Aber bis zum Sommer hat Posen sich hübsch gemacht – noch hübscher!

Weil mir das Urlaubertempo mit täglichem Ortswechsel zu schnell und anstrengend wurde, wich ich von meiner ursprünglich geplanten Route dann ab und nahm doch einen Ausflugstipp an: die liebe Desi hat mir erzählt, dass es in Polen eine der größten Kirchen weltweit gibt. Und das „mitten im Nirgendwo“ und keine 20 Jahre alt! Ich war gespannt. Die Basilika der Muttergottes von Licheń ist wirklich unglaublich riesig. Jan hat gefragt: „größer als der Kölner Dom?“ Oh ja! Die Kirche wurde erst 2004 fertiggestellt und ich fand es beeindruckend, eine neue Kirche zu sehen, die doch sehr klassisch aussieht. Einzig die kalte LED-Beleuchtung des Altars hat mich gestört. Die Orgel ist übrigens auch riesig: die Viertgrößte Europas! Leider hat die Kirche nicht als Ganzes auf ein Bild gepasst. Dafür hätte ich ein Fischaugen-Objektiv gebraucht und das lag im Handschuhfach…

Die Riesenkirche war nicht geplant, aber der kleine Abstecher dort hin herrlich entspannt. Im Park rund um die Kirche fand eine Oldtimer-Ausstellung statt, bei der sich automobile Schmuckstücke aneinanderreihten. Ich genoss das schöne Wetter, den Park, die Oldtimer, die Kirche und hatte keine Lust mehr, wie ursprünglich geplant, nach Lodz zu fahren. Es wäre richtig stressig gewesen, in der kurzen Zeit auch noch eine große Stadt zu erkunden. Ja, ich weiß, Urlauber können das, aber wir reisen normalerweise viel, viel langsamer und nehmen uns für Städte mehr als nur einen Tag Zeit. Und so saß ich im Park vor der Kirche und beschloss: kein Stress mehr. Nur noch Breslau und dann war’s das mit Polen.

Breslau war mir wichtig, denn viele Jahre sind wir beide (und daher kennen wir uns ja auch) bei der legendären „Breslau Rallye“ gestartet. In Breslau selbst waren wir nie, immer nur in den Wäldern drumherum. Jetzt war ich dort und es war gleich ein Guinness Buch der Weltrekorde wert! Auf dem Hauptplatz fand der (geglückte) Versuch statt, den aktuellen Weltrekord im „wir spielen 15 Minuten zusammen Gitarre“ zu brechen. Die ganze Stadt war Musik: Tausende kamen mit ihren Gitarren und haben an jeder Ecke der Stadt Musik gemacht. Auf dem Hauptplatz wurde den ganzen Tag zusammen gespielt. Bis zum Weltrekord, bei dem letztendlich 7676 Menschen zusammen „Hey Joe“ gespielt haben. 7676 Gitarren gemeinsam! Ich stand mittendrin und es war klasse, so viele, viele Menschen jeden Alters buchstäblich im Einklang zu sehen.

Breslau ist bevölkert von Zwergen. In den 1980er gab es in Polen, insbesondere in Breslau, eine politische Oppositionsbewegung, die sich „Orange Alternative“ nannte und mit orangefarbenen Zwergenmützen und in Zwergenkostümen zu Demonstrationen und anderen Aktionen traf. Unter anderem sprühten die Zwerge lustige Zwergen-Graffitis über Parolen, die das Regime über Freiheits-Graffitis der Demokratiebewegung „Solidanosc“ gemalt hatte. Damals gab es mehrere Tausend Zwerge, heute sind es rund 600 aus Metall, etwa 30cm groß, die sich in Breslau tummeln und an den Kampf für die Demokratie erinnern.

Und dann, nach einer letzten Nacht im polnischen Wald, rollte Kittymobil nach 3 Jahren, 58.000km und 19 Ländern zum ersten Mal wieder über die deutsche Grenze. Um 5:20 im Morgenlicht, um dem deutschen Dauerstau zu entgehen. Dachte ich. Bis es 9 Uhr und ich an Leipzig vorbei war, hatten Kittymobil und ich schon zwei Staus durchgestanden und wären am liebsten wieder umgedreht. Aber wir mussten am nächsten Tag pünktlich um 9 in Dortmund am Flughafen sein, um Jan abzuholen. Der aggressive, deutsche Straßenverkehr hat Nerven gekostet, sodass ich irgendwann rausfuhr, Essen kochte und mich erst dann wieder zurück auf die deutsche Autobahn wagte, als alle in ihren vier Wänden und nicht mehr auf den Straßen waren und die Sonne unterging. Am nächsten Morgen waren wir dann endlich wieder komplett: Jan, Kittymobil und ich. Und weil Jan fleißig war, könnt Ihr neue Videos schauen. Das ist das erste Video zu unserer „Wir retten Kittymobil vor dem kasachischen Zoll“ Trilogie: wir fliegen nach Russland und organisieren Kittymobil in einer 7-Stunden-Aktion über die russisch-kasachische Grenze:

Teil zwei zeigt, wie wir Kittymobil über Jekaterinburg und Perm zurück über den Ural nach Europa fahren und unterwegs den Ausbau, der für die neue Lackierung demontiert war, Stück für Stück wieder einbauen (lassen):

Und der letzte Teil der Trilogie zeigt das große Finale: Wir kuscheln Elche und Kittymobil rollt einen Tag vor Ablauf der Zollpapiere aus der eurasischen Zollunion, Jan wird an der Grenze zum „Spezialinterview“ gebeten und wir gönnen uns zum Abschied aus Russland noch etwas ganz Besonderes:

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