1996 lernte ich in einer Vorlesung von etwas, was ich “unbedingt mal” in Ghana machen wollte. 28 Jahre später war es soweit… Mittlerweile sind wir in Accra, der Hauptstadt Ghanas, und sind dabei, die nächsten Monate der Reise vorzubereiten. Wir lagern aufgrund der Regenzeit demnächst unsere Motorräder samt Gepäck ein, bleiben aber auf dem „schwarzen Kontinent“ und reisen weiter – bloß dort, wo keine Regenzeit ist.

Ghana ist nach Marokko das touristischste Land unserer bisherigen Route in Westafrika. Sehr ungewohnt, riesige Reisebusse voll Touristen auf den Parklätzen von Sehenswürdigkeiten zu sehen und am Ticketschalter sogar anstehen zu müssen, aber die Anwesenheit internationaler Touristen bedeutet auch, dass es ein Minimum an touristischer Infrastruktur gibt: eine deutlich bessere Qualität der Unterkünfte und sogar Cafés/Restaurants in der Nähe der Sehenswürdigkeiten, wo man nach der Besichtigung mindestens etwas zu trinken kaufen kann!

Wir bezogen eine Unterkunft 10km außerhalb von Cape Coast abseits vom „Rummel“ und erkundeten von dort aus die weitere Umgebung. Ghana ist für uns das lauteste Land der bisherigen Reise (knapp gefolgt von China) und so war es gut, abends in die Oase der Ruhe unserer Unterkunft zurückkommen zu können. Überall trötet und plärrt es aus Lautsprechern: „Kundenradio“ im Supermarkt und an Tankstellen, an jeder Ecke Verkäufer mit Megafon auf der Straße, Pfarrer mit krächzender Stimme und sehr unterdurchschnittlichem Gesangstalent, die ihre Predigten und Gottesdienste mit riesigen Boxen auch um die Kirche herum „erlebbar“ machen, gut gelaunte Menschen, die zu lauter Partymusik arbeiten und dann alle anderen Menschen, die gegen den Lärmpegel anbrüllen, um sich zu verständigen. Wir brüllen zurück, nur ist unser Nervenkostüm nicht so lärmresistent wie das der Menschen, die in einem solchen Krach aufgewachsen sind…

Als erstes besuchten wir da größte Fort der Küste, das „Cape Coast Castle“. Die Festungen der europäischen Sklavenhändler sind beliebte Reiseziele von Afroamerikanern, die hier ihre Wurzeln vermuten und ihren Vorfahren gedenken. Dementsprechend watscheln Busladungen schwabbeliger Amerikaner durch die Räumlichkeiten und hinterlegen in Klarsichtfolie verpackte Plastikblumen-Gestecke oder Kränze mit Aufklebern, die man kaufen kann und auf die man nur noch den eigenen Namen eintragen muss, um den „Ancestors“ zu gedenken. Viele gescheiterte Existenzen meinen, ihr Heil hier „in Africa“ zu finden und kommen „nach Hause“ – um in Ghana noch schneller zu scheitern als in den USA. Wir sind, wie in jedem Reiseland, in Expat-Gruppen auf Social Media und erleben, wie diese gescheiterten „Heimkehrer“ dann am „gelobten Land Afrika“ scheitern – bis hin zu Betteleien, dass die „afrikanischen Brüder und Schwestern“ sie doch bitte bei der Miete oder sonstigen Ausgaben unterstützen könnten… Damit machen sich diese „Heimkehrer“ hier keine Freunde unter den Einheimischen…

Wir erkundeten das Cape Coast Castle ganz in Ruhe und immer in den Räumlichkeiten, in denen gerade keine amerikanische Reisegruppe oder einheimische Schulklasse war. Die Festung wurde – Achtung, liebe Schweden-Romantiker – von den Schweden gebaut, denn auch die Schweden waren am transatlantischen Sklavenhandel nicht unbeteiligt. Nix mit „Bullerbü“ und Zimtschnecken… Die Schweden haben sich das Fort dann von den Dänen abluchsen lassen, später waren die Holländer am Zug, letztendlich die Briten und nun Ghana. Jede Nation hat fleißig umgebaut und renoviert. Doch bei jedem Bewohner war eins gleich: bis zu 1000 Sklaven konnten in den Verließen „bevorratet“ werden, während die Kolonialherren ziemlich feudal in den Obergeschossen residierten.

1990 fand die letzte Renovierung statt und seitdem verfällt alles wieder und wir fragen uns, was mit den rund 7€ Eintritt all der Besuchermassen passiert. Viel Verfall könnte einfach dadurch vorgebeugt werden, dass Fenster geschlossen und Räume so vor Meerwasser geschützt oder einfach Löcher im Dach mit Blech geflickt werden. Aber das Wort „Instandhaltung“ kommt im afrikanischen Wortschatz grundsätzlich nicht vor.

Freunde und unser Reiseführer von 2019 hatten uns den Besuch des Museums im ersten Stock des Gebäudes empfohlen, doch hier trafen wir auf leere, umgekippte Regale, von Wasser nasse Holzböden und viel Chaos. Im Erdgeschoss waren einige Räume mit stapelweise Altreifen, Bauschutt, Badkeramik oder Holzverschnitt zugemüllt. Die Anlage steht unter UNESCO Weltkulturerbe Schutz, aber wir haben ja schon in Mauretanien gelernt, dass das nicht bedeutet, dass die UNESCO die Länder dabei unterstützt, das Erbe auch zu erhalten. Weder finanziell noch mit Knowhow.

Im Gegensatz zum traurigen und offensichtlichen Verfall des Cape Coast Castles erlebten wir am nächsten Tag in Elmina die dortige Festung. Sie ist deutlich kleiner und älter, aber wesentlich besser erhalten und instandgehalten. Ursprünglich von den Portugiesen als erstes europäisches Bauwerk südlich der Sahara errichtet, dann von den Holländern eingenommen und später von den Briten übernommen, gingen auch hier viele Sklaven durch die „Tür ohne Wiederkehr“ an Bord der Schiffe über den Atlantik.

Der Eintritt für das St. George Castle in Elmina inkludiert sogar eine Führung durch das Gebäude, das ebenfalls um 1990 zuletzt renoviert wurde, aber weder Müll noch Schutt noch undichtes Dach hat. Hier scheint man sich besser zu kümmern, obwohl auch deutlich sichtbar ist, dass selbst einfache Dinge wie ausgehängte Fensterläden oder Fensterflügel nicht in Ordnung gebracht werden und es bald ähnlich „verrottet“ wie das große Fort in Cape Coast.

Nach der Führung durch die Festung erkundeten wir die gesamte Anlage nochmal in Ruhe alleine und mussten auch hier immer wieder darauf warten, dass große amerikanische Reisegruppen einen Raum weiter waberten oder der Lärmpegel fröhlicher Schulklassen abebbte. Der Vorteil des Tourismus: es gab ein Café mit Blick auf die Festung, wo wir nach der Besichtigung etwas zu trinken bekamen. In allen anderen bisher bereisten Ländern Westafrikas (Ausnahme Marokko) gibt es ja keine Touristen und dementsprechend verkauft auch niemand Getränke, wenn man sich etwas anschaut.

In Elmina und anderen Orten Ghanas findet man, wenn man weiß, worauf man achten muss, etwas außergewöhnliche Gebäude, die nur auf den ersten Blick wie Häuser aussehen. Auf den zweiten Blick sieht man meist lebensgroße Betonfiguren oder Wappen, merkwürdige Verzierungen und Schriftzüge. Es handelt sich um Posubans und wenn man 1x weiß, wonach man Ausschau halten muss, sieht man sich „überall“. Es handelt sich dabei um Schreine, nicht um Häuser.

In vielen Orten in Ghana gibt es eine Art Militärvereinigungen namens „Asafo“. Diese Milizen reichen bis in präkoloniale Zeiten zurück. In Kriegszeiten verteidigten die Asafos den Staat, in Friedenszeiten spielen sie eine führende Rolle bei der Instandhaltung und Reinigung der Stadt, der Polizeiarbeit, der Brandbekämpfung und der Durchführung verschiedener sozialer, politischer und wirtschaftlicher Aktivitäten.

Jede Asafo-Miliz hat ihr eigenes Emblem, ihre eigenen Wappenflaggen und Stoffmuster. Die Asafo bauen Schreine namens „Posuban“ zur Aufbewahrung ihrer Waffen, Flaggen, Bannern, Wappen, Uniformen etc. Und das sind diese „merkwürdigen Gebäude“, von denen wir alleine auf nur 2km Spaziergang durch Elmina vier Stück entdeckten.

Am nächsten Morgen standen wir richtig früh auf, um etwas zu erleben, was ich seit meinem Studium machen wollte: in den Kakum Nationalpark fahren und dort in bis zu 45m Höhe auf einem Bretterpfad in den Baumwipfeln des tropischen Regenwaldes spazieren! Der Baumwipfelpfad wurde 1995 gebaut und einer meiner damaligen Professoren, ein Tropengeograph, den ich bis heute wegen seiner Arbeit und Arbeitsweise („da blas ich dann mit meiner Enduro durch den Regenwald“) in guter Erinnerung habe, war damals vor Ort dabei und berichtete uns Studenten davon. Ich war schon damals „Tropenkind“ (allerdings in Lateinamerika) und schwor mir, eines Tages selbst in den Baumwipfeln des westafrikanischen Primärregenwaldes herumzuspazieren.

Nun war es tatsächlich so weit. Der Nationalpark öffnet zwar erst um 8:30, aber wir waren auf gut Glück um 6 Uhr losgefahren, weil wir gehört hatten, eventuell schon wesentlich früher die Natur erleben zu dürfen. Unsere Hoffnung wurde nicht enttäuscht: ein Student bot sich an, uns für umgerechnet 60 Cent Taschengeld (was wir durch Trinkgeld großzügig erhöht haben) schon kurz nach Sonnenaufgang zum Baumwipfelpfad zu führen. Und es war magisch!

Man läuft tatsächlich in luftiger Höhe über dem Blätterdach des tropischen Regenwaldes. Nur ein paar Bäume sind noch höher und an diesen Urwaldriesen sind die Stege und Plattformen befestigt. Unter einem liegt das grüne Meer aus Blättern und wenn man sich nicht bewegt und keine Bretter quietschen, hört man die Natur beim Aufwachen.

Mit immer höher steigender Sonne stiegen auch die Temperaturen und der Wald begann, vor sich hin zu dampfen. Vögel zwitscherten, Affen riefen und das alles in einer Lautstärke, die auch den letzten Urwaldbewohner aufweckt. Und in all dem Zauber: nur wir.

Die lange Variante des Baumwipfelpfades ist 350m lang und man läuft von Baum zu Baum und Plattform zu Plattform und obwohl alles unter einem grün ist, ist es doch immer anders. Weil wir die einzigen Menschen waren, war es fast schöner, als ich es mir 28 Jahre lang vorgestellt habe. Das frühe Aufstehen hat sich absolut gelohnt!

Und weil wir ja in Ghana sind und es da touristische Infrastruktur gibt, konnten wir dann pünktlich zur Öffnung des Nationalparks um 8:30 im Besucherzentrum etwas frühstücken. Pommes aus Yams oder das ewige Frühstücks-Ei, aber immerhin, das war das erste Mal in unzähligen Nationalparks, die wir in Westafrika besucht haben, dass es ein Besucherzentrum gab!

Frisch „gestärkt“ fuhren wir zum internationalen Zentrum für stachellose Bienen. Der Imker dort war gerade dabei, Honig zu ernten, was wir aber erst später verstanden, denn bis dahin wussten wir noch nicht, dass man Honig nicht nur durch das Schleudern von Waben „ernten“ kann. Zunächst bekamen wir die Theorie erklärt: es gibt mehrere hundert Arten „Bienen ohne Stachel“ und auch nur in den Tropen. Statt zu stechen, können stachellose Bienen beißen, um sich zu verteidigen.

Die kleinsten Bienen der Welt!

Jan wurde sofort Zeuge dieser Verteidigungsstrategie, denn während ich die kleinsten Bienen der Welt (so groß wie kleine Ameisen) dabei beobachtete, wie sie durch ihren transparenten Wachstunnel in ihren Bienenstock hineinkrabbelten, wurde Jan von einem ganzen Schwarm stachelloser Bienen überfallen, verfolgt und gebissen. Warum, konnte uns auch der junge Imker nicht erklären, die Tiere seien eigentlich immer freundlich…

An einem Bienenstock demonstrierte er uns, was der weitere größte Unterschied zu den Bienen mit Stachel ist: stachellose Bienen bauen keine Honigwaben, sondern Honigtöpfe aus (braunem) Bienenwachs und bewohnen ihren Bienenstock über mehrere Jahre. Um Honig und Pollen zu ernten, muss man die Töpfchen vorsichtig öffnen und den Honig mit einer Spritze aus den Töpfen saugen. Wir bekamen eine große Portion Pollen mit frischem, klarem Honig direkt aus dem Bienenstock in die Hand serviert und es war so lecker! Der Honig schmeckt herb wie Waldhonig, ist aber ziemlich flüssig. In Westafrika gilt der Honig stachelloser Bienen als Medizin und wird teuer verkauft. 100ml im kleinen Fläschchen kosten umgerechnet 6€.

Es war für uns erst ein bisschen komisch, uns inmitten dicker Bienenschwärme zu bewegen, ohne Angst davor haben zu müssen, gestochen zu werden. Überall summte es und ich hatte einmal eine ganze Traube Bienen um meinen Zopf herumschwirren. Im Gegensatz zu Jan wurde ich auch kein einziges Mal gebissen. Warum auch immer sich die Tiere von Jan „angestachelt“ gefühlt haben…

Die Weiterfahrt nach Accra verlief quälend. Der Verkehr in Ghana auf den Hauptstraßen ist durch die vielen LKW, die Fracht vom Hafen in Takoradi in die Hauptstadt karren, völlig verstopft und die Straßen vom Schwerlastverkehr zerbombt. Selbst wirklich unterentwickelte Hauptstädte wie Conakry oder Freetown haben zweispurige Zufahrtstraßen, aber nicht Accra, wo sich der gesamte Verkehr in die Hauptstadt über eine einspurige Straße samt Großbaustelle schiebt. Wir hatten nicht wirklich Spaß bei 37°C, extrem hoher Luftfeuchtigkeit durch Regen (im Rückspiegel) und Stau in unseren Motorradklamotten…

Wir sind nun in Accra und bereiten das nächste Reisekapitel vor. Und vielleicht gibt es ja irgendwann in diesem Reiseleben auch wieder eine Unterkunft, in der nicht nur alles funktioniert, sondern auch das Bett so ist, dass man darin himmlisch schlafen kann. Davon träumen wir, während wir unser Gepäck sortieren und die Weiterreise organisieren. Vielleicht haben wir ja irgendwann Glück!

Wie das war, als wir im Bett eingeregnet sind, im nächsten Bett auch im Nassen geschlafen haben, von Mücken zerfleischt, aber von der Natur um ein Vielfaches entschädigt wurden, seht Ihr im neuesten Video:

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